Gramsci und die Kritische Psychologie

Das Konzept der »Hegemonie« von Antonio Gramsci bietet Anhaltspunkte und Analysekategorien für die kulturellen und sozialen Bedingungen der Realisierung »Restriktiver« sowie »Verallgemeinerter Handlungsfähigkeit« eine potentielle Fundgrube für die Kritische Psychologie.

Eric Recke, Illustration: Saskia Beuchel

Die Kritische Psychologie ist die Wissenschaft vom Menschen, der sich selber schafft in der Herstellung von Gegenständen wie von Beziehungen. Antonio Gramsci (1891-1937) hat während seiner Inhaftierung im faschistischen Italien von 1926-1934 einige Studien über das kulturelle Beziehungsgeflecht der kapitalistischen Gesellschaft der 1930er Jahre vorgelegt, die an dieser Stelle skizziert werden sollen. Die Klärung der philosophischen Unterschiede zwischen der Kritischen Psychologie und den Studien von Antonio Gramsci entfällt, da er sich ebenso auf die Grundlagen der materialistischen Dialektik stellt. Auch sein Menschenbild geht vom Menschen als einem gesellschaftlichen Naturwesen aus, dass sich selber schafft und dafür »Handlungsfähigkeit« realisiert.

Der Sarde Gramsci studierte zuerst Philosophie, Sprachwissenschaft, italienische Literatur und Jura in Turin. Darauf arbeitete er als Journalist für die Parteizeitung der sozialistischen Partei Italiens und trat später der Kommunistischen Partei Italiens bei, deren Generalsekretär er wurde. In Folge des Gefängnisaufenthaltes starb er 1937 an einer Hirnblutung.

Hegemonie nach Gramsci

Gramscis Begriff für das kulturelle Geflecht in Klassengesellschaften ist »Hegemonie«. Sie ist das Produkt aller gesellschaftlichen Handlungen und der darin vergegenständlichten Lebensauffassungen. Hegemonie bedeutet übersetzt »Vorherrschaft« und verweist damit auf den widerstreitenden Charakter gesellschaftlicher Handlungen, in deren Folge sich nach Gramsci bestimmte Kulturelemente mehrheitlich durchsetzen. Dabei organisieren Menschen sich in kulturellen und intellektuellen Organisationen, um ihre Lebensauffassungen gemeinsam durchzusetzen. Die dominierenden Organisationen sind Grundlage des Hegemonieapparats der herrschenden Klassen.

Gramsci bezeichnet das Hegemonie-Verhältnis zwischen Herrschenden und Beherrschten als »Konsens, gepanzert mit Zwang«. Die Herrschenden beziehen ihr Ansehen, auf dem große Teile des Konsenses der Beherrschten beruhen, dabei aus ihrer führenden Stellung in der Wirtschaft und daraus, dass sie ihre Staatsnutzung, die sie zu ihrem eigenen wirtschaftlichen Vorteil organisieren, stattdessen als im allgemeinen Wohl ausgeben. Innerhalb der Herrschenden führt eine Klasse die anderen und sorgt stetig von neuem entweder kulturell oder mit Waffengewalt dafür, dass die beherrschten Klassen handlungsunfähig sind. Dafür versuchen die herrschenden Klassen die Führer der beherrschten Klassen in ihre Reihen zu bekommen, um den Konsens der Beherrschten zu sichern und ihre Organisationsfähigkeit zu mindern.

Orte der Hegemonieproduktion

Hegemonie wird vor allem in der Zivilgesellschaft und ihren verschiedenen Organisationen produziert. Das sind im besonderen die (Hoch-)Schulen, aber auch Theater, Bibliotheken, Museen, Galerien, botanische Gärten, Zoos usw. Gramsci grenzt diese von der politischen Gesellschaft ab, in der physische Herrschaft durch Zwang hergestellt wird wie durch Militär, Polizei und Justiz. Parlament, Gesetze und die Medien bilden die Verbindung von ziviler und politischer Gesellschaft, da die öffentliche Meinung entscheidenden Einfluss auf das gesellschaftliche Handeln hat und unmittelbar physische Gewalt normalerweise erst bei Rechtsbrüchen angewandt wird. Zusammen bilden politische und Zivilgesellschaft den Staat (vgl. Gramsci 2012, Gefängnishefte, 783).

Da sich durch den Markt auch im Medien- und Kulturbereich Monopole bilden, die zur Durchsetzung einer Hegemonie genutzt werden müssen, sind diese besonders stark umkämpft. Die herrschenden Klassen versuchen sie zu sichern und die Beherrschten versuchen sie zu erobern, um die politische Herrschaft im Staat zu erlangen. Um die Beherrschten davon abzubringen, machen ihnen die Herrschenden vor allem materielle Zugeständnisse. Daraus leitet Gramsci weiter ab, dass zu Beginn der Durchsetzung einer neuen Hegemonie erst eine Phase ökonomischer Kämpfe stattfindet.

Hegemoniekrisen

Dazu müssen die herrschenden Klassen den Konsens der beherrschten Klassen verlieren. Dies kann nach Gramsci beispielsweise durch das Scheitern einer großen Unternehmung wie eines Krieges geschehen, für den der Zwang im Verhältnis zum Konsens gesteigert werden musste aber auch, wenn große Mengen der Beherrschten, die bisher passiv waren, plötzlich politisch aktiv werden und Forderungen erheben, die den bisherigen Gesellschaftszustand massiv in Frage stellen.

Im Parlament wird es in solchen Situationen schwieriger, Regierungen zu bilden und deren Arbeit dauerhaft zu gewährleisten. In den Parteien entspricht dies der vergrößerten Schwierigkeit, handlungsfähige Führungen zu bilden. Parteien zersplittern und viele neue werden gegründet insbesondere, wenn die Klassen, die eine Partei bisher vertreten hat, sich so sehr verändert haben, dass die Partei ihre Grundlage verliert.

Gramsci und die Kritische Psychologie

Mit dem Widerspruchspaar »Restriktive vs. Verallgemeinerte Handlungsfähigkeit« können Einzelhandlungen daraufhin untersucht werden, ob sie Unterdrückung befördern oder bekämpfen. Um aber zu ergründen, worin die Unterdrückung in der jeweiligen Situation besteht und worin das Handeln dafür oder dagegen besteht, bedarf es des Begreifens des kulturellen Geflechts, aus dem heraus und in dem die Handlung Wirkung entfaltet. Mit dem Konzept der Hegemonie von Antonio Gramsci würde möglich, für die Erschließung der Bedingungen, unter denen Verallgemeinerte Handlungsfähigkeit realisiert werden kann, die Handlungen von Individuen, als Mitglieder der herrschenden oder der beherrschten Klassen, in ihrer Wechselwirkung zu begreifen. Dafür müsste untersucht werden, inwieweit seine Analysen aktualisiert und verändert werden müssen.

Treffen seine Einschätzungen in ihrem Wesenskern weiter zu, können die Quellen der kulturellen Handlungsformen als Orte der Hegemonieproduktion und als von den herrschenden Klassen dominiert analysiert werden. Ebenfalls können ökonomische und politische Kämpfe der beherrschten Klassen nicht zuletzt um die Orte der Hegemonieproduktion als Bedingungen für die motivierte Hinwendung zum Modus der Realisierung Verallgemeinerter Handlungsfähigkeit gesehen werden. Weitere Forschungen der Kritischen Psychologie, insbesondere im Bereich von Staat und Zivilgesellschaft, erscheinen hier angemessen.

Als vertiefende Konkretisierung des Inhalts verschiedener Hegemonien wählt Gramsci den Begriff des Alltagsverstandes.