Johanna Luberichs

Johanna Luberichs vom Netzwerk Plurale Psychologie engagiert sich für ein besseres Therapeuten-Approbationsgesetz: Es fehlen historische, gesellschaftswissenschaftliche und qualitativ-methodische Lehrinhalte sowie Kritik an der therapeutischen Praxis ein Interview.

Das Interview führte Eric Recke, Illustration: Saskia Beuchel

1. Du engagierst dich im Netzwerk “Plurale Psychologie”. Was ist das für ein Netzwerk?

Wir möchten ein Netzwerk anstoßen, dass die marginalisierten Strömungen und Ansätze der Psychologie und Psychotherapie vereinigt und diesen zunächst eine Plattform zur Kommunikation und Veröffentlichung von Artikeln und hoffentlich letztlich den Weg in die Lehre und Forschung ermöglicht. Unser Anliegen richten wir explizit auch an die Politik, mediale Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft.

2. Wie bist Du dazu gekommen, Dich dort zu engagieren?

Das Netzwerk wurde von ehemaligen Kommilitoninnen von mir ins Leben gerufen, mit denen ich während des Studiums dem Wunsch nach Pluralität nachging, indem wir uns in Lesekreisen mit Kritischer Psychologie, Psychoanalyse und anderen marginalisierten Strömungen auseinandersetzten. Im April dieses Jahres gründeten wir dann gemeinsam den Verein Netzwerk Plurale Psychologie e.V. Seitdem vertrete ich das Netzwerk in Berlin und schreibe an Stellungnahmen etc. mit.

3. Du hast als eine der Unterzeichnerinnen eine Stellungnahme des Netzwerks Plurale Psychologie zum neuen Psychotherapeuten-Approbationsgesetz veröffentlicht. Wie kam es dazu?

Das Netzwerk wurde in Reaktion auf den Referentenentwurf des Psychotherapeutenausbildungsreformgesetzes gegründet und ging mit einer sehr ausführlichen Stellungnahme zu diesem an den Start. Seitdem haben wir die Entwicklung des Gesetzes weiter verfolgt. Vor der Abstimmung im Bundestag veröffentlichten wir auf unserer Homepage einen weiteren Text, der die fehlende Pluralität im Psychologiestudium thematisierte. Als der Entwurf der Approbationsordnung veröffentlicht wurde und das Bundesministerium für Gesundheit zu Stellungnahmen aufrief, war für uns klar, dass auch wir eine veröffentlichen würden. Zeitgleich veröffentlichten wir einen Aufruf, der sich insbesondere an Studierende richtet. In diesem beschreiben wir das Problem der fehlenden Pluralität und erklären, wie auf die Bildung der Curricula an den Universitäten Einfluss genommen werden kann.

4. Was fordert Ihr in Bezug auf das Gesetz?

Wir fordern eine feste Verankerung gewisser Inhalte für das Psychotherapiestudium in der Approbationsordnung. Dazu gehören die (geisteswissenschaftliche) Geschichte der Psychologie, Wissenschafts- und Erkenntnistheorie, qualitative Methoden, gesellschaftswissenschaftliche Grundlagen, praxisintegrierende Inhalte (insbesondere eine ausführliche Praktikumsreflexion), Kritik an und Grenzen der Psychotherapie (inklusive Psychiatriekritik) sowie Plurale Psychotherapie. Das heißt: Es muss sichergestellt werden, dass mindestens alle wissenschaftlich anerkannten Verfahren gleichwertig gelehrt werden. Einige dieser Inhalte werden in dem Entwurf der Approbationsordnung bereits genannt, sind aber unterrepräsentiert oder es wird nicht deutlich, wie eine qualitativ hochwertige Lehre dieser Inhalte sichergestellt werden soll.

5. Wie können sich Menschen bei Euch für das Thema engagieren?

Wir freuen uns immer über engagierte Menschen, die sich für unser Anliegen interessieren. Es können Regionalgruppen gegründet werden, die dann vor Ort z.B. Veranstaltungsreihen initiieren können, um ein plurales Lehrangebot zu schaffen. In Marburg wird es, organisiert von der dortigen Regionalgruppe, nächstes Jahr eine interdisziplinäre Ringvorlesung zum Begriff der Psyche geben sowie eine weitere Veranstaltungsreihe zu Pluraler Psychotherapie, in der verschiedene Psychotherapieverfahren abseits des Mainstreams vorgestellt werden sollen. Wer Interesse hat, sich einzubringen oder uns näher kennen zu lernen, findet auf www.plurale-psychologie.de weitere Informationen sowie Kontaktmöglichkeiten.

 

Johanna Luberichs hat in Marburg Psychologie studiert, befindet sich derzeit in einer Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin in Berlin und ist Gründungsmitglied des Netzwerks Plurale Psychologie e.V. Das Interview stammt vom 19. November 2019.

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