Kritische Psychologie als materiale Subjektwissenschaft

Zu den philosophischen Grundlagen der Kritischen Psychologie entspann sich eine Diskussion auf dem E-Mailverteiler »crit-psych«. In diesem Beitrag wird eine Position daraus dokumentiert, welche sich für die Deutung der Kritischen Psychologie als materiale Subjektwissenschaft ausspricht.

Jürgen Hilbers

0.

Im Artikel »Materialistische Dialektik« werden »Marx-Engels-Lenin« (M-E-L) kommentarlos, d.h. ‘unkritisch’ referenziert. Das halte ich für nicht zeitgemäß, gewissermaßen ‘von gestern’, mehr noch: von vorgestern, es steht sozusagen noch in der Vor-Wende-Zeit. Es entwertet dies massiv und substantiell die daran anschließende ‘richtige’ Referenz auf das methodische Verfahren des Klaus Holzkamp, welches er als »Materialistische Dialektik« kennzeichnet: das Paradigma einer gedanklichen Bewegung vom Vorstellungskonkretum zum Gedankenkonkretum. Dieses Paradigma ist brauchbar und wert, als Zentrum der Sache »materialistische Dialektik« festgehalten und weiter ausgeführt zu werden. Das wäre/ist die Grundlage für eine zeitgemäße Diskussion in Bezug auf die material-inhaltliche (!) Darstellung einer bestimmten Sache, des Psychischen; wenn es denn einen solchen ausgliederbaren Gegenstand der Sache nach überhaupt nur geben können soll. Was erst bei bzw. nach einem Durchgang durch den authentischen Holzkamp-Text zu beurteilen möglich würde und nicht mit einem präskriptiven M-E-L-Präjudiz, was ich für ‘entsetzlich altbacken’ halte.

Und noch einmal anders so formuliert: »M-E-L«, das steht für »DiaMat« und »HistoMat«; diese beiden Kürzel zur polemischen Bezeichnung dessen genommen, was im dogmatischen Marxismus-Leninismus unter den Titeln »Dialektischer Materialismus« und »Historischer Materialismus« verhandelt wurde. Dem gegenüber wurde seinerzeit, in den 1980er Jahren, und zwar nicht ohne Grund, in der Kritischen Psychologie konsequent von »materialistischer Dialektik« gesprochen, eine Wortumstellung, in der auf einen deutlichen Unterschied zum DiaMat und HistoMat verwiesen ist, und zwar möglicherweise auf einen Unterschied ums Ganze. Im Kontext Kritischer Psychologie war und ist also stets die Rede von »materialistischer Dialektik«, die sich auf spezifische Weise funktional-logisch-historisch nämlich im Material bewegt, sei es in historisch-empirischem Material, sei es in aktual-empirischem Material. Wie sich diese materiale bzw. materialistische Dialektik im Kontext Kritischer Psychologie im Material bewegt, das lässt sich nicht ‘von oben her’, ‘von vorn her’, ‘von außen her’, sondern nur dadurch hindurch zugänglich machen, dass man diese Bewegung im Material und durch das Material hindurch exemplarisch zu verfolgen bereit ist, d.h., indem man einen Durchgang durch den Text macht. Ganz zweifellos lag also in der Begriffsprägung »materialistische Dialektik« von Anfang an ein strategisches Moment der Abgrenzung gegenüber DiaMat-HistoMat-M-E-L.

I.

Die Überschrift des Artikels „Materialistische Dialektik“ zeitigt zwar den vernünftigerweise richtigen Sprachgebrauch, setzt ihn jedoch nicht in der textlichen Ausführung dem Inhalt nach um. Dort wird ein Bruchstück aus Holzkamp 1979 zitiert: Es handelt sich dabei um die Rezension eines im Pahl-Rugenstein-Verlag veröffentlichen Buches mit dem Titel: »Historischer Materialismus und menschliche Natur«.

In dieser Rezension wird von Holzkamp als »dem wohl wichtigsten Beitrag« auf einen Text von Messmann, Rückriem u.a. verwiesen, in dem an den Schriften Leontjews und über diese hinausgehend en détail ein Weg hinein und qua abstrahierender Re-Duktion zurück in den Begriff »Sensibilität« rekonstruiert wird, ein Begriff, der dann 1983 von Holzkamp als Grund-Kategorie des Psychischen ausgewiesen worden ist: »Sensibilität« als Ausgangskategorie für die funktional-historische Rekonstruktion der gegenwärtigen Gewordenheit des Psychischen. Die genannte Rezension macht hier und heute darauf aufmerksam, welche wichtige Funktion der Text von Messmann, Rückriem u.a. seinerzeit für das Unternehmen »Grundlegung der Psychologie« gehabt haben dürfte: und zwar obwohl man sich in diesem, von Holzkamp referenzierten Text, dabei immer noch ‘schwer im HistoMat’ bewegt hat. Aber doch so, dass es sich, unter theoriegeschichtlichen Gesichtspunkten, auch heute noch lohnen mag, in Forum Kritische Psychologie (FKP) 4 die Rezension von Holzkamp zu eben diesem Beitrag des genannten Buches anzusehen.

Worauf ich hinaus will, ist dies: Ich mache geltend, dass Holzkamp sich 1983ff ‘ein ganzes Stück weit’ aus dem HistoMat herausgeschrieben hat: hinein in ein deutlich neuartiges Konzept materialer bzw. materialistischer Dialektik, welches aus heutiger Sicht mit Grund hoch-authentisch genannt werden darf. Der in der »Grundlegung« eingeschlagene Weg hinaus aus dem DiaMat-HistoMat wird daraufhin an dem Buch »Lernen. Subjektwissenschaftliche Grundlegung« um so deutlicher werden können; wenn man diesen Text adäquat zu lesen versteht. Darüber hinaus findet auch in der Sphäre des mündlichen Vortrags ein Wandel statt: Auf einer kritischen Ferien-Universität, die auf »Youtube« dokumentiert ist, wählt Holzkamp, nach einem kurzen, deutlich erkennbaren Moment des Zögerns, d.h. des Überlegens, für die Kritische Psychologie den Terminus »Marxistisch fundierte Subjektwissenschaft« anstelle von »marxistische Subjektwissenschaft«. In dieser Wortwahl liegt der Sache nach ein möglicher Unterschied ums Ganze: es wird hier ‘etwas’ fundiert, das dieser Fundierung als solcher sachlich und der Form nach vorausgesetzt ist. Für meine Begriffe liegt darin ein Zeichen für den Eintritt bzw. die Rückkehr in einen satisfaktionsfähigen Paradigmen-Diskurs, der das von Holzkamp geschaffene Paradigma dauerhaft, d.h. noch vor dem und über den Untergang des DiaMat-HistoMat hinaus in der Sache relevant bleiben lässt.

Es versteht sich daraus denke ich, dass die Schriften von Klaus Holzkamp auch den zeitgenössischen Leser bzw. die zeitgenössische Leserin in den 1980ern aus dem DiaMat-HistoMat heraus zu bringen geeignet und in der Lage waren, sodass mit gewissem Fug und Recht gesagt werden kann: »Grundlegung« und »Lernen« waren ihrer Möglichkeit nach für Zeitgenossen und Zeitgenossinnen der 1980er bzw. 1990er Jahre ein Weg zur Rettung; zur Rettung a) vor einem polit-ökonomistischen Unmittelbarkeitsdeterminismus und b) vor dem unrettbaren Versinken in DiaMat und HistoMat. Es ist also meiner Einschätzung nach ‘ein Ding der Unmöglichkeit’, die »Grundlegung« auch heute noch aus den Bezügen auf Fraktionskämpfe linker Bewegung der 1970er Jahre heraus lesen zu wollen, so wie es in den Formulierungen des Artikels »Materialistische Dialektik« deutlich nahegelegt ist.

II.

Der hier angesprochene mögliche »Unterschied ums Ganze« ist erläuterungsbedürftig; ich beziehe mich dazu auf das Abstract meines in FKP 52 veröffentlichten Beitrags, in dem es heißt:

»Selbst wenn man also alles Marxistische an Holzkamp [einmal probeweise] seiner Geltung nach einklammern würde, es bliebe [dann nicht etwa nichts, sondern es bliebe] ein phänomenologisches Residuum von einer formalen Prägnanz.«

Das will sagen: Es bliebe eine subjektwissenschaftlich einschlägige Struktur von einer Prägnanz der Form nach, nämlich eine kategorial ‘verbindliche’ Struktur der „Je-Meinigkeit“, welche Inbegriff dessen ist, dass in der »Grundlegung der Psychologie« ab einem gewissen Umschlagspunkt in der Darstellung stets und jederzeit von »je-mir« die Rede ist, und zwar die Rede ist von je-mir in streng-reflexiver Allgemeinheit. Damit aber wäre dort der »Standpunkt außerhalb« bereits schon dem Prinzip nach verlassen.

»Zentral ist dabei der Gedanke, dass es möglich ist, durch die Arbeiten Holzkamps hindurch eine phänomenologisch auszulegende Relationsstruktur [je-meiner-selbst-und-aller-anderen-meiner-selbst] aufzuweisen, die nicht erst empirische, sondern bereits formale Geltung und Evidenz beanspruchen kann.«

Das will sagen: eine phänomenologisch geltend zu machende Evidenz der Form nach; eine gleichursprüngliche Relationsstruktur meiner-selbst-und-aller-anderen-meiner-selbst »im Raume« (Kant). Eine Form, die ihrer Geltung nach nicht ihrer historisch-materialen Genese nach (!) mit Grund „a priorisch“ genannt werden kann: ein Form-Begriff von »Gattungsverhältnis überhaupt« nämlich. In diesen Aussagen, die Form betreffend, ist als Quelle ganz zentral eine Referenz auf die Marx’sche Analyse und Darstellung der Wertform (MEW 23, 62-85) enthalten und anzunehmen, weil ‘man’ nämlich sonst vernünftigerweise so gar nicht reden könnte. Es setzt diese Argumentation also zumindest eine einleitende Orientierung über das Verfahren der Kritik der politischen Ökonomie voraus.

Folge dieser Sichtweise ist, dass das subjektwissenschaftliche Paradigma der Kritischen Psychologie stets und jederzeit ein marxistisch fundiertes Paradigma ist und nur sein kann, da es ‘an sich selbst’ aus einer solcher marxistischen Fundierung vorgängigen Quelle stammt, namentlich und de facto aus einer Rezeption der »Kritik der reinen Vernunft«, von der Holzkamp berichtet. Das ist gemeint, wenn hier in Bezug auf Klaus Holzkamp von »paradigmatisch satisfaktionsfähig« die Rede gewesen ist.

Insofern Klaus Holzkamp zu Protokoll gibt, dass er seinen Durchgang durch die Kant’sche »Kritik der reinen Vernunft« in seine spätere Wissenschaftskarriere hinein mitgenommen hat, insofern sind die hier geltend gemachten Sachverhalte implizit mit Klaus Holzkamp geltend gemacht. Vor diesem Hintergrund könnte dann möglicherweise eine (erneute) Rezeption der »Sinnliche(n) Erkenntnis« in einem veränderten, sozusagen: post-histomatisch-diamatischen Licht erscheinen, will sagen: als ausgeführte materiale Dialektik einer Phänomenologie der Wahrnehmung in der bürgerlichen Gesellschaft, diese Gesellschaft als »Zwangszusammenhang« (Th. W. Adorno) verstanden, an dem je-ich der Sache nach hier und jetzt ‘nicht Nicht-TeilnehmerIn’ zu sein vermag, zu dem ich mich jedoch verhalten kann, unter anderem in der Alternative kritisch versus dogmatisch. Wer bereits einen Grundkurs in Sachen »Kritik der politischen Ökonomie« absolviert hat, wird sicherlich feststellen können, dass und wie elegant die Vergesellschaftungsstruktur der »Tauschgesellschaft« (Th. W. Adorno), von Marx im berühmten »Fetischkapitel« (MEW 23, 85-98) dargestellt, in die hier exponierte transzendental aufzuweisende Struktur implantiert werden kann.

Zusammenfassend und thesenhaft wäre vor diesem Hintergrund unter phänomenologischen Vorzeichen geltend zu machen:

– aus der Sinnlichkeit, d.h. näher: aus den Formen von Raum und Zeit darf prinzipiell, d.h. dem Prinzip nach, nicht ‘abgesprungen’ werden;

– die von Kant erhobenen Formen des Verstandesgebrauchs sind a priori, d.h. synthetisch auf die Formen der Sinnlichkeit bezogen;

– die Form des äußeren Sinns ist gegen-ständliche Form der im Raum Seienden gegeneinander und zueinander;

– es gehört zum transzendental-kritischen Lehrbegriff des Raumes, dass (je-)ich mich in gegenständlicher Form, d.h. in je-meiner gegenständlichen Leiblichkeit, als darin enthalten denken muss;

– der Ausdruck »je-ich« ist an-sich-selbst-reflexiv gefasst, d.h. er steht für »je-mich-und-alle-anderen meiner selbst«, aufgefasst in der Form reflexiver Allgemeinheit a priori, d.h. der gleichursprünglichen Geltung meiner selbst und aller anderen meiner selbst »im Raume« (Kant) nach;

– es besteht folglich ein prinzipieller Subjektbezug der von Kant gegebenen transzendental-kritischen Lehrbegriffe von Raum und Zeit als Formen der Sinnlichkeit;

– es handelt sich in der »Kritik der reinen Vernunft«, dem transzendental begründeten Geltungsanspruch nach, um einen prinzipiellen, d.h. verallgemeinerten Standpunkt des Subjekts, d.h. aber um einen prinzipiellen »Standpunkt innerhalb«;

– der Sache oder dem Prinzip nach, d.h. prinzipiell, ist ein Primat der Relation vor den Relata geltend zu machen.

Mit dem zuletzt aufgeführten Essential dem Primat der Relation vor den Relata ist der Form nach auf die materiale Endlichkeit je-meiner selbst als individuelles Subjekt in dem übergreifenden Zusammenhang des Lebens der Gattung referenziert, d.h. auf je-mein endliches Dasein im übergreifenden »gesellschaftlichen Lebens(gewinnungs)prozess« (Marx/Holzkamp). Zugleich ist mit einem prinzipiell gefassten »Standpunkt innerhalb« der »Standpunkt außerhalb« bereits dem Prinzip nach überwunden.

Anderswo findet sich dieser selbe Sachverhalt wie folgt ausgedrückt: »Das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum, in seiner Wirklichkeit ist es das ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.« (6. Feuerbach-These von Marx). In Bezug auf dieses Ensemble kann transzendental-kritisch eine grundlegende Struktur dargestellt und geltend gemacht werden; eine Struktur, die an-sich-selbst Prozess ist: das prozessierende Gattungsverhältnis, in dem je-ich mich, und zwar: prinzipiell, involviert oder verwickelt denken muss.

Mit Hegel gesprochen, geht es der Sache nach um das Werden, d.h. um das Verhältnis des Entstehens und Vergehens der materialen Seienden, einschließlich je-meiner selbst; vgl. dazu den Anfang der »Wissenschaft der Logik«: das Werden des Daseins, i.e. der Da-Seienden »im Raume« (Kant), zu denen je-ich gehöre. Material-konkret gesprochen: Zu thematisieren ist das verselbständigte und daher den individuellen Subjekten »im Raume« ent-fremdete, d.h. negativ-prozessierende Gattungsverhältnis der Tauschgesellschaft, in welcher das Verhältnis der Personen in der Form eines Verhältnisses von Sachen erscheint usw. (vgl. MEW 23, 85-98).

Ein begrifflicher Ausdruck wie »gesamtgesellschaftliche Vermitteltheit individueller Existenz« kommt damit nicht (mehr) nur als eine ‘zu lernende’ komplexe Vokabel daher, sondern es kann gelingen, sich dazu eine terminologisch-konkrete begriffliche Vorstellung zu machen. Auch die Ausdrücke »je-ich« und »je-mein« müssen vor diesem Hintergrund nicht länger als nur so dahin gesagter Jargon bzw. als bloß eingeübte oder einzuübende Redeweise erscheinen.

III.

Weiteres in diesem Rahmen: In der Yahoo-E-Mail-Liste [crit-psych] wurde unter der Prämisse »Psychoanalytische Kritik an der Freud-Kritik von Holzkamp-Osterkamp« auf dieses Buch verwiesen:

Christian Niemeyer, Kritische Psychologie und Psychoanalyse, Frankfurt/M. 1981

Es ist dieses Buch aus dem Jahre 1981 sehr interessant, weil es zeitlich vergleichsweise kurz vor dem Wendejahr 1983 (später mehr zu dieser »Wende«), d.h. dem Erscheinungsjahr der »Grundlegung der Psychologie« verfasst ist.

Es wird darin der berühmte Dreischritt diskutiert: a) phylogenetisch-naturhistorische Dimension, b) menschlich-gesellschaftliche Dimension als solche, c) formationsspezifische Dimension als Konkretisierung in Bezug auf die bürgerliche Gesellschaft. In diesem Buch ist festgehalten, dass Ute Osterkamp gegenüber Klaus Holzkamps »Sinnliche Erkenntnis« so etwas wie eine kognitiv überzentrierte vorschnelle Formationsspezifizierung der Darstellung moniert. Deshalb habe sie sich daran gemacht in Sachen »Motivation« die allgemein-menschlich-gesellschaftliche Dimension stärker herauszuarbeiten, bevor auf dieser Grundlage dann der Übergang in den dritten Schritt nunmehr sachangemessener vollzogen werden kann. Bei Ute Osterkamp erfolgt dieser Übergang in den dritten Schritt in Form einer Reinterpretation der Psychoanalyse unter den auf den vorausgegangenen Stufen gewonnenen Erkenntnissen und Kriterien zu menschlicher Vergesellschaftung und Bedürftigkeit.

Insbesondere wird 1981 von Niemeyer moniert, dass in Bezug auf den individualtheoretischen Diskurs bei der Kritischen Psychologie einerseits erhebliche Problemlagen zu konstatieren seien; andererseits wird jedoch konstatiert, dass es in Bezug auf den subjektivitätstheoretischen Diskurs in der Kritischen Psychologie erhebliche Bewegung in der Ausarbeitung gibt: dies mit Blick auf Holzkamp 1979, Zur kritisch-psychologischen Theorie der Subjektivität (FKP 4).

In Bezug auf die Arbeiten von Ute Osterkamp heißt es an einer für mich zentralen Stelle bei Niemeyer:

»In jedem Fall sind für die Zukunft die methodologischen Grenzen der Psychoanalyse als solche auch hinzunehmen, was gleichzeitig heißt, das auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Absicherung psychoanalytischer Subjektivitätstheorie zweifellos der Kritischen Psychologie erhebliche Bedeutung zukommt.« (S. 78)

Dem später auf der Ferienuniversität 1985 vorgetragenen Verständnis von Klaus Holzkamp zufolge, handelt es sich bei den Begriffen der Psychoanalyse um »Kategorien der Selbstverständigung«, und zwar näher um Kategorien der Selbstverständigung auf einem verallgemeinerten bzw. verallgemeinerbaren Standpunkt innerhalb, insofern hier stets und jederzeit von je-meiner (möglichen) Selbstverständigung die Rede ist: von einer möglichen Selbstverständigung, die als solche und als diese zugleich die Möglichkeit zur Selbstverständigung aller anderen meiner selbst zur konkreten Bedingung dieser ihrer Möglichkeit hat.

In Bezug auf die »Grundlegung der Psychologie« kann, wenn ich richtig sehe, »die Vermittlungsebene der subjektiven Handlungsgründe« als das verallgemeinerte Subjektivitätsparadigma der Kritischen Psychologie gelten, das von Niemeyer in 1981 noch als fehlendes Stück formuliert worden war: als fehlendes Stück des Übergangs aus der formationsunspezifischen Diskussion menschlicher Individualität in gesellschaftlichen Verhältnissen überhaupt in die formationsspezifische Diskussion von Subjektivität in der Tauschgesellschaft, d.h. unter den Bedingungen hegemonial warenförmig präformierter Vergesellschaftung, von der je-ich prinzipiell mitbetroffen bin, zugleich mit den dieser Vergesellschaftung entsprechenden Bedeutungsstrukturen, einschließlich solchen der »objektiven Scheinhaftigkeit von …« usw. Das wäre hier und heute in einer Wortwahl gesprochen, die sich in der Sphäre jenes Zitats von Ch. Niemeyer hielte und die sich in Bezug auf politische Positionierung diszipliniert zurücknehmen würde.

Das Subjektivitätsparadigma der Kritischen Psychologie stammt der Sache nach also nicht aus dem DiaMat-HistoMat; es ist die logisch-historisch-funktionale Rekonstruktion von menschlicher Individualität der thematische Bereich, der in der Sphäre dessen, was man »historischen Materialismus« nennen kann, verhandelt wird. Vor dem Hintergrund der Schrift von Niemeyer aus 1981 kann das Jahr 1983 mit Grund als Wende bzw. Überleitung aus dem bis dahin nur erst ausgeführten Individualitätsparadigma hinein in ein konsistentes Subjektivitätsparadigma des »verallgemeinerten Standpunkts innerhalb« aufgefasst werden, auf dessen Grundlage dann der innere Ausbau des Gesamtparadigmas Kritische Psychologie, als dessen materiale Fundierung, vonstatten geht – und zwar in dem von Niemeyer antizipierten Sinne.

Jede, dem HistoMat-DiaMat ‘unkritisch verhaftete Person’ wird hingegen die mit diesem Subjektivitätsparadigma verbundenen material-inhaltlichen Ausführungen Holzkamps und der Kritischen Psychologie als ‘bürgerlichen Idealismus’ und ‘Subjektivismus’ qualifizieren (müssen): so exemplarisch W.F. Haug, wenn dieser 1983 in FKP 11 fragt: »Hält das ideologische Subjekt Einzug in die Kritische Psychologie?«.

Man kann somit die in der »Grundlegung« von Holzkamp geltend gemachte, zeitbedingt stark politizistisch kontaminierte, »philosophische Bezugsebene« (S. 27f.) folgenlos absprengen und kommt in Sachen »dialektischem Entwicklungsdenken« (ebd.) mit den verbleibenden drei Bezugsebenen sehr gut aus: a) der gesellschaftstheoretischen Bezugsebene, in der zentral ein Bezug auf den Inhalt und auf die Methode der »Kritik der politischen Ökonomie« herauszustellen wäre, b) der kategorialen Bezugsebene Kritischer Psychologie als solcher, c) der einzeltheoretischen Bezugsebene empirischer Forschung und Praxis.

Es besteht heutzutage keine sachlich begründbare Notwendigkeit (‘Not-Wendigkeit’) mehr, sich von ‘konkurrierenden’ Ansätzen wie dem »Projekt Klassenanalyse« und von der »Kritischen Theorie des Subjekts« in der Weise ‘philosophisch’ abzugrenzen wie noch 1983. Dies nicht zuletzt deshalb, weil man in Sachen (Re-)Konstruktion des Psychischen unter der Prämisse bürgerlicher Vergesellschaftung, und das heißt: subjektivitätsparadigmatisch, seit 1983 ‘dem Prinzip nach durch’ ist. Das Subjektivitätsparadigma der Kritischen Psychologie ‘steht’ seit 1983, nicht zuletzt vermittelt über den von Ute Osterkamp geleisteten re-interpretativen Durchgang durch die Psychoanalyse; ein Durchgang, der nicht »von oben her«, d.h. aus einem Standpunkt der (vermeintlichen) Überlegenheit heraus vorgenommen ist, sondern »von unten her«: als ein Durchgang, der wörtlich zu nehmenden Aufhebung der Psychoanalyse ihrem ganzen kategorialen Gewicht nach. Deshalb kann mit Grund von Kritischer Psychologie als »Neo-Psychoanalyse« gesprochen werden.

Bei Christian Niemeyer heißt es dazu:

»Sieht man, dass in der Psychoanalyse ähnlich wie beim Begriff der Sublimierung Kulturtradierung eine Form der Abwehr ist, letzterer wiederum einen Doppelcharakter hat, dessen andere Seite auf Kognition der Unterdrückung drängt, die mit der Tradierung verbunden ist, dürfte an diesem Beispiel wahrscheinlich am ehesten zu zeigen sein, dass die Unterschiede zwischen Psychoanalyse und Kritischer Psychologie nicht so groß sind, wie Holzkamp-Osterkamp hier suggeriert.«

Und aus einem anderen Kontext heraus heißt es dazu: »Die Tradition aller untergegangenen Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Hirne der Lebenden.« (K. Marx)

IV.

In einer Erwiderung auf meine den hier entfalteten Zusammenhang entwickelnden E-Mail-Nachrichten in der genannten Liste [crit-psych] wurde positiv auf das »Projekt Ideologietheorie« (PIT) Bezug genommen. Nachdem ich den genannten, als Kritik an meinen Ausführungen reklamierten, Text von W.F. Haug aus FKP 11 »Hält das ideologische Subjekt Einzug in die Kritische Psychologie?« wiedergelesen habe, habe ich anschließend dann allerdings auch den Text von U. Osterkamp wiedergelesen, auf den in jenem Text von W. F. Haug und zwar in überaus unschöner Weise Bezug genommen ist: »Ideologismus als Konsequenz des Ökonomismus«.

Ich teile den in diesem Text von U. Osterkamp auseinandergelegten Sachverhalt in Bezug auf das PIT: Weil und insofern W. F. Haug u.a. individuelle Subjekte dort unter keinem anderen Gesichtspunkt kennen bzw. kenntlich machen, als dem der Subjektion, d.h. der Unterwerfung unter ideologische Mächte, insofern ist damit, in Bezug auf die individuellen Subjekte, so etwas wie ein totaler Ideologiebegriff implementiert, ein »Ideologismus« (U. Osterkamp), der dem konzeptionellen Begriff nach keinen Raum lässt für die prinzipielle Möglichkeit zu subjektiver Bestimmung von Lebensverhältnissen dieser individuellen Subjekte, d.h. von je-mir. Dieser »Ideologismus« wiederum weist an sich selbst eine paradigmatische Struktur auf, die analog zu der begrifflichen Struktur des klassischen Ökonomismus ist: Reduktion der individuellen Subjekte, will sagen: von je-mir, auf ökonomische bzw. ideologische Individualitätsformen, d.h. Reduktion auf die objektive Bestimmtheit in der bürgerlichen Gesellschaft und durch die bürgerliche Gesellschaft. Sich gegenüber dieser quasi allmächtigen Ideologisierung behaupten zu können, muss damit für einen individuellen Gegebenheitszufall gehalten werden, der letztinstanzlich nur auf biographischer Zufälligkeit beruhen und seiner begrifflichen Struktur nach analog zu einem Konzept der Gnadenwahl erscheinen kann.

Diesem ‘Standpunkt außerhalb’ gegenüber hält U. Osterkamp ein unhintergehbares Moment von ‘je-meiner Subjektivität’ fest, d.h. ein Moment von subjektiver Bestimmung, das trotz bzw. gerade wegen seines prinzipiellen Möglichkeitscharakters allgemeines Moment von Subjektivität ist, insofern es eine allen individuellen Subjekten ‘gemeine’, d.h. gemeinsame Möglichkeit des bewussten Verhaltens-Zu gegenüber gesellschaftlichen Verhältnissen bezeichnet, auf die allerdings ebensosehr freiwillig Verzicht getan werden kann.

Vor diesem Hintergrund kann die Frage »Hält das ideologische Subjekt Einzug in die Kritische Psychologie?« vollumfänglich bejaht werden: das ideologische, will heißen: das von einem Standpunkt außerhalb aus restlos ideologisierte Subjekt hält mit eben jenem Text von W.F. Haug Einzug in die Kritische Psychologie, wobei dieser Text ausgerechnet mit einer entsprechenden Unterstellung gegenüber U. Osterkamp daherkommt. Gegen einen solchen invasiv-histomatischen Zugriff auf je-meine Subjektivität von einem konzeptionellen Standpunkt außerhalb aus wird man sich schon aus Gründen des Selbstschutzes vernünftigerweise verwahren müssen.

Ich würde daraufhin nachdrücklich geltend machen: Was immer für ein Druck der vom PIT so genannten ideologischen Mächte auf den individuellen Subjekten lasten mag, was immer an Introjektion ideologischer Formen nahegelegterweise in die individuellen Subjekte hinein ‘vonstatten’ gehen mag, es bleibt eine unhintergehbare Sphäre von Subjektivität der individuellen Subjekte, d.h. von je-mir, sich diesen Nahegelegtheiten gegenüber in letzter Instanz emanzipatorisch zu verhalten, sich daraus herauszuarbeiten und sich dagegen ‘zu verwahren’. Von dieser gegebenen Sachlage unter bürgerlichen Verhältnissen bin ‘ich’ prinzipiell mitbetroffen, weshalb ich mich in keiner Weise, d.h. zu keinem Zeitpunkt und an keinem Ort »im Raume« (Kant) daraus herausnehmen kann; ‘ich’ hänge sozusagen mit je-meiner individuellen Subjektivität ‘mittendrin’, weshalb es gegenüber diesem ‘Drinhängen’ vernünftigerweise keinen Standpunkt außerhalb zu beziehen gibt.

Dieser prinzipielle ‘Nicht-Standpunkt außerhalb’, d.h. das Abstellen auf je-meine prinzipielle und spezifische Involviertheit in gesellschaftliche Verhältnisse, dieser dem paradigmatischen Begriff nach (!) prinzipielle Standpunkt innerhalb, ist für je-mich gegeben und aufgegeben: auf Gedeih und Verderb und ‘bis an das Ende meiner Tage’. Und es ist dieser Sachverhalt, der von den Begriffsbemühungen der Kritischen Psychologie, namentlich von Klaus Holzkamp und Ute Osterkamp, verallgemeinert bzw. verallgemeinerbar ‘zu Papier’ gebracht worden ist. Das möchte ich, ehrlich gesagt, persönlich nicht missen; diese Sachzusammenhänge werde ich daher vernünftigerweise so stark und so satisfaktionsfähig machen wollen, wie es eben nur geht, und so weit die »Kraft des Gedankens« (Th. W. Adorno) reicht, je-meine Möglichkeiten der subjektiven Bestimmung der Sache nach unabweisbar zu machen.

V.

Im Umkreis einer von einem Listenteilnehmer in [crit-psych] beigesteuerten Textstelle aus den, wie es dort heißt: »Philosophisch-ökonomischen Manuskripten« und genau so müssen diese Manuskripte nämlich bezeichnet werden: als philosophisch-ökonomisch und nicht als ökonomisch-philosophisch im Umkreis jener Textstelle finden sich folgende Sätze:

»Die Sinnlichkeit (siehe Feuerbach) muß die Basis aller Wissenschaft sein. Nur, wenn sie von ihr, in der doppelten Gestalt sowohl des sinnlichen Bewußtseins als des sinnlichen Bedürfnisses, ausgeht – also nur wenn die Wissenschaft von der [menschlichen; jh] Natur ausgeht –, ist sie wirkliche Wissenschaft.« (http://kulturkritik.net/systematik/philosophie/mew/index.php?bd=40&pg=543)

Mit Blick auf I. Kants Kritik der reinen Vernunft wäre von meiner Seite aus der erste Satz in brauchbarer Weise rückbezüglich wie folgt zu adaptieren: »In einer transzendentalkritischen Philosophie des Erkenntnisvermögens muss die Sinnlichkeit die Basis aller Darstellung der Formen von Erkenntnis sein.«.

Das ist jedoch, versteht sich, längst nicht alles, was zum Sachverhalt Sinnlichkeit zu sagen wäre, sondern es wäre dies vielmehr zunächst nur ein Erstes und Einleitendes der Form nach. Die »Philosophisch-ökonomischen Manuskripte« gehen dem gegenüber über einen allein erkenntniskritischen Transzendental-Diskurs hinaus, und zwar überaus einschlägig, insofern eine doppelte Gestalt der Sinnlichkeit festgehalten wird: das sinnliche Bewusstsein (vgl. Kant) und das sinnliche Bedürfnis (Marx). Man wird also daraufhin vernünftigerweise nicht in dem transzendentalen Form-Diskurs Kants verharren (wollen) und stehen bleiben, sondern wird das in dieser Sphäre dem Prinzip nach zu gewinnende Paradigma von »Gesellschaftlichkeit überhaupt« ‘von innen her’ und im Materialen wenn man denn will: materialistisch – ausbauen.

Mit der Fixierung einer solchen doppelten Gestalt der Sinnlichkeit: sinnliches Bewusstsein und sinnliches Bedürfnis ist die Darstellung der Formen der Erkenntnis aus der »Kritik der reinen Vernunft« zweifellos in der Sache ‘tiefergelegt’, ebenso wie übrigens in vergleichbarer Weise auch die »Phänomenologie des Geistes« tiefergelegt werden kann. Aber wer sagt denn, dass dabei keine ‘Mitnahmeeffekte’ aus jener Sphäre möglich wären, die da tiefergelegt wird bzw. tiefergelegt worden ist bzw. tiefergelegt werden kann: Mitnahmen von Topoi also aus der Sphäre sinnlichen Bewusstseins, d.h. der sinnlichen Erkenntnis im engeren Sinne, hinein in die Sphäre sinnlicher Bedürfnisse bzw. Bedürftigkeit und sinnlicher Erkenntnis: exemplarisch etwa hinein in so etwas wie »gegenständliche Tätigkeit«?

Ein solcher qualifizierter und qualifizierender Übergang aus der Sphäre der Formen sinnlichen Bewusstseins, d.h. ein Übergang aus dem gegenständlichen »Nebeneinandersein« (Kant) bzw. »Außereinandersein«(Hegel) »im Raume« (Kant) und dem »Nacheinandersein« bzw. »Zugleichsein« in der Raum-Zeit, ein Übergang in die Sphäre sinnlicher Bedürfnisse bzw. Bedürftigkeit, d.h. zur affektiven und effektiven Triebkraft menschlicher Individuen bzw. individueller Subjekte im gesellschaftlichen Lebensgewinnungsprozess und damit zu je-mir erweist sich vielmehr mit brauchbarem Ertrag sowohl als möglich, als auch als sinnvoll.

Schon wären ‘wir’ damit unter der Prämisse vorgelegter Arbeiten der Kritischen Psychologie (wieder) bei der »Motivationsforschung 2« und der »Motivationsforschung 1« angelangt; und zwar in Sachen Relevanz und Priorität der Rezeption in eben dieser Reihenfolge. Einschlägige Zitate aus dieser Schrift trägt aber, wie ‘man’ weiß, auch die »Grundlegung der Psychologie« weiter, wenn man für die Lektüre des gesamten Originaltexts keine Zeit finden sollte.