Grundlegung der Psychologie

Klaus Holzkamp ist (Mit-)Begründer der Kritischen Psychologie und hat mit der Grundlegung der Psychologie sein Hauptwerk vorgelegt. Er schrieb es mit dem ambitionierten Ziel, eine »wirkliche wissenschaftliche Psychologie« zu schaffen.

Stefan Meretz

Die Studierendenbewegung von 1968 mit ihrer Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft erfasste auch die Psychologie. Die Disziplin wurde als bloße Herrschaftswissenschaft kritisiert, die nicht mehr zu retten und daher zu »zerschlagen« sei. Eine »oppositionelle Psychologie« sei nicht möglich. Diese Einschätzung wurde zwar von der Gruppe um Klaus Holzkamp geteilt, sie zog jedoch einen entgegengesetzten Schluss: Statt Zerschlagung sei der Aufbau einer wissenschaftlichen Psychologie nötig, die den Menschen Mittel für die Verbesserung ihrer Lebenslage an die Hand gibt. Das Projekt einer Kritischen Psychologie begann. Zahlreiche Werke erschienen, so die Sinnliche Erkenntnis von Klaus Holzkamp, die zweibändigen Grundlagen der psychologischen Motivationsforschung von Ute Osterkamp sowie ebenfalls zweibändig Volker Schurigs Naturgeschichte des Psychischen und Die Entstehung des Bewusstseins. Beim Versuch diese Vorarbeiten in einem Grundlagenwerk zu integrieren, sah sich Holzkamp gezwungen, das »gesamte … empirische Material neu durchzuarbeiten« und die »konzeptuellen und methodologischen Grundlagen … neu zu durchdenken« – mit dem Ziel, »die gesamte Psychologie … auf eine neue wissenschaftliche Basis zu stellen«. So wurde die Grundlegung der Psychologie (GdP) zu dem, was sie heute noch ausmacht: Ein Werk von epochalem Charakter und dauerhafter Wirkung, durchaus vergleichbar etwa mit dem Kapital von Karl Marx.

Psychologie vom Standpunkt des Individuums

Dabei erging es der GdP ähnlich wie dem Kapital: Die eigene Disziplin der Psychologie nahm den paradigmatischen Anspruch nicht an, ja, sie setzte sich gar nicht erst mit dem neuen methodologischen Ansatz auseinander, sondern wehrte den emanzipatorischen Charakter als »politisierte Psychologie« ab. Sie hielt an vorgeblicher wissenschaftlicher Neutralität und einem Wissenschaftsmodell fest, das menschliches Verhalten nur als Resultat äußerer Bedingungen sehen konnte. Daran änderte auch ein Metaphernwechsel weg vom Reiz-Reaktionsschema des Behaviorismus hin zum Input-Output-Modell des am Computer orientierten Kognitivismus nichts. Demgegenüber war für die Kritische Psychologie klar, dass eine Psychologie statt den Außenstandpunkt gegenüber dem Individuum den Standpunkt des Individuums selbst einzunehmen und wissenschaftlich zu entwickeln habe.

Holzkamp orientierte sich am Marxismus und an der materialistischen Dialektik, die er durch die 68er Bewegung kennen gelernt hatte und verfolgte zuversichtlich die Entwicklung der realsozialistischen Staaten – wenn auch nicht ohne Kritik, insbesondere an der dort angewandten psychologischen Methodik. Diese befanden sich in den 1970ern bis Anfang der 1980er Jahre noch im ökonomischen Aufstieg und unterstützten viele Länder des globalen Südens erfolgreich dabei, sich von Kolonialismus und Imperialismus zu befreien. Die Kritische Psychologie sah sich zuversichtlich als Teil einer weltweiten Fortschrittsbewegung, deren Grundlagen mit dem Zerfall des Realsozialismus weitgehend in Frage gestellt wurden. Die Frage zu diskutieren, inwieweit die theoretischen Prämissen dieser Zuversicht Irrtümer beinhalteten oder einer Aktualisierung bedürfen und welche Begrenzungen sich daher auch in der GdP finden, ist die Aufgabe heutiger und zukünftiger Generationen (ein weiterer Artikel dazu befindet sich in Planung).

Anspruch und Vorgehen

Die in der Entstehungszeit der GdP innerhalb der Disziplin gängig verwendeten psychologischen Termini waren für Holzkamp Vorbegriffe, die in einem ausgewiesenen wissenschaftlichen Verfahren eingeholt und fundiert werden sollten. Gemäß der Überlegung, dass man etwas begreift, wie es ist, wenn man begreift, wie es geworden ist, rekonstruiert die GdP die Entstehung und Entfaltung des Psychischen aus der Evolution. Anstatt also wie damals üblich Emotionalität, Motivation, Lernfähigkeit etc. bloß zu definieren, werden die psychischen Funktionen und ihre Begriffe am historischen Material entwickelt. Denn das Psychische und seine sich ausdifferenzierenden Funktionen müssen einmal evolutionär entstanden sein und sich durchgesetzt haben, weil sie Überlebenswahrscheinlichkeit der jeweiligen Art erhöhten. So konnte auch geklärt werden, welche psychischen Funktionen sich bereits vor dem Menschen herausbilden, wie sie sich mit der Menschwerdung verändern und welche Qualitäten allein dem Menschen zukommen. Die historisch-empirische Rekonstruktion ermöglicht es, unzulässige Verlagerungen von aktuellen Verhaltensweisen – seien es Egoismus, Beherrschungswille o.ä. – in die menschliche Natur hinein erkennen und kritisieren zu können.

Struktur und Inhalt

Die GdP besteht aus vier Teilen: der Herangehensweise, dem Hauptteil der Rekonstruktion des Psychischen von der Amöbe bis zum Kapitalismus, der Individualentwicklung von der Geburt zum Erwachsenen und abschließend den methodologischen Rahmenüberlegungen für die psychologische Praxis. Wenn ich schreibe »von der Amöbe bis zum Kapitalismus«, dann geschieht dies mit einem Augenzwinkern, denn es suggeriert eine Kontinuität, die Holzkamps Sache nicht ist. Ihm geht es wesentlich um den Nachweis von qualitativen Sprüngen in der Evolution, die die Entfaltung des Urpsychischen bis zur Gesellschaftlichkeit individueller Existenz antrieben. Es sind drei Sprünge, die Holzkamp jeweils in fünf methodischen Schritten rekonstruiert: Herausbildung des Psychischen, Entstehung der Lernfähigkeit und Durchsetzung des Gesellschaftlichkeit.

Zunächst geht es um die Herausbildung des Psychischen als vermittelte Lebensaktivität aus zuvor unvermittelten elementaren Lebensformen. Signale treten zwischen Organismus und Umwelt. Sie haben zwar selbst keinen direkten Überlebenswert, können aber genutzt werden, um die Lebensaktivitäten im Sinne einer höheren Überlebenswahrscheinlichkeit zu verbessern. In der Folge geht es um die evolutionäre Ausdifferenzierung dieser Signalvermittlung. Neue psychische Funktionen wie Emotionalität und Motivation entstehen, die diese Vermittlung aktiv ermöglichen. Der zweite Sprung ist das Auftreten und die evolutionäre Durchsetzung der Lernfähigkeit. Der Vermittlungsraum vergrößert sich. Es können nun nicht mehr nur die Signale als vermittelnde Informationen genutzt werden, die sich über lange Zeiträume evolutionär im Genom niedergeschlagen haben, sondern neue Signale werden während der Lebensspanne in ihrer überlebensförderlichen Bedeutung für die Lebensaktivitäten der Organismen gelernt. Dazu zählen schließlich auch soziale Signale zwischen den nun immer differenzierteren Einzelindividuen einer sozialen Gruppe – bis schließlich der dritte Sprung ansteht. Erneut vergrößert sich der Vermittlungsraum, der nicht nur fix vorgefunden und individuell erlernt, sondern nun auch aktiv und vorsorgend hergestellt wird. Das aktive Schaffen der eigenen Lebenswelt geschieht zunächst in überschaubaren und damit auch individuell unmittelbar verfügbaren Gruppen. Der wirklich gigantische Schritt erfolgt, wenn die interpersonal erreichbare eigene Gruppe überschritten und die – wie es Holzkamp fasst – Unmittelbarkeit durchbrochen wird. Mit der Durchsetzung der Gesellschaftlichkeit entsteht nun ein transpersonaler Vermittlungsraum, der das Medium für die eigene Existenzsicherung bereitstellt. Alles, was in der individuellen Lebenstätigkeit materiell, symbolisch und sozial geschieht, benötigt eine ebensolche »innere« psychische Entsprechung. Auch Bedürfnisse, Emotionen, Motivationen und Sozialbeziehungen vergesellschaften sich. Gesellschaft ist nicht nur etwas »da draußen«, sondern Gesellschaftlichkeit ist gleichzeitig Natureigenschaft der Individuen.

Die Gesellschaftlichkeit des Individuums

Es ist eine nicht zu überschätzende wissenschaftliche Leistung, die Gleichzeitigkeit der Entwicklung von innerer und äußerer Natur aufgewiesen zu haben. So konnte Holzkamp zeigen, dass sich die innere Natur zur gesellschaftlichen Natur und die äußere Natur zur gesellschaftlich geschaffenen Lebenswelt entwickelte. Diese Gleichzeitigkeit von Identität der inneren und äußeren Gesellschaftlichkeit und Unterschiedlichkeit von Individualität und hergestellter Lebenswelt entfaltet zu haben, war aus meiner Sicht das dialektische Meisterstück in der GdP.

Dies hebe ich deswegen so hervor, weil die traditionelle Psychologie diese Identität der Gesellschaftlichkeit immer wieder verfehlt und die Unterschiedlichkeit von Individuum und Gesellschaft als Gegensatz verabsolutiert. Sie hat weder einen angemessenen Begriff von der Gesellschaftlichkeit des Individuums, noch von der Gesellschaft als übergreifendem Kooperationszusammenhang. So zerfällt das gesellschaftliche Sein immer wieder in eine abgetrennte, ja, isolierte Individualität und eine nahezu unverfügbare Außenwelt, die auf die Individuen einwirkt. Diese Verkürzung in ein Experiment gesteckt ergibt jene Konstellation, die als Reiz-Reaktions- oder Input-Output-Beziehung die Handlungsfähigkeit der Individuen nahezu eliminiert. Denn Handlungsfähigkeit schließt die Möglichkeit zum bewussten Verhalten zu den Bedingungen ein, die die Menschen ja auch gesellschaftlich geschaffen haben. Dies jedoch ist wiederum nicht verwunderlich, spiegeln traditionelle Ansätze der Psychologie »nur« wider, was unter kapitalistischen Bedingungen der Fall und herrschaftlich funktional ist: eine Psychologie, die die Menschen befriedet und in ihrer Unverfügbarkeit über die gesellschaftlichen Angelegenheiten bestätigt. Menschen unter herrschaftlichen Unfriedensverhältnissen friedlich zu bekommen, nannte Franco Basaglia ein »Befriedungsverbrechen«. Basaglias Kritik bezog sich dezidiert auf das Psychiatriesystem der 1970er Jahre. Heute sind die Methoden verfeinert, doch gleichzeitig hat sich der »Psy-Komplex« in alle Poren der Gesellschaft ausgeweitet.

Metasubjektivität durch individuelle und kollektive Verständigung

Im dritten Teil der GdP geht es um die menschliche Individualgeschichte. Holzkamp rekonstruiert einerseits die Entwicklungsanforderungen und -möglichkeiten des heranwachsenden Kindes, andererseits die zunehmenden Formierungen und Einschränkung durch die kapitalistische Gesellschaft, in die es hineinwächst. Der heranwachsende Mensch »soll« seine Potenzen realisieren, dies allerdings nur in der Weise, die ihn als Warensubjekt handlungsfähig macht. Dies geht nur, indem das Kind einerseits zunehmend Verfügungsmöglichkeiten über die umgebenden Bedingungen erreicht, andererseits diese Verfügungserweiterungen schließlich jedoch nicht soweit gehen dürfen, dass sie die Verfügung über alle gesellschaftlichen Lebensbedingungen einschließt. Holzkamp zeigt, wie sich dieses Verhältnis von Verfügungserweiterung bei gleichzeitiger Einschränkung in Form von »Erziehung« als spezieller Beziehungsform zwischen Kindern und Erwachsenen niederschlägt.

Im vierten Teil schließlich wird das Herangehen des psychologischen Mainstreams als kontrollwissenschaftlicher Ansatz kritisiert, der durch das Fremdsetzen der Bedingungen vom Standpunkt außerhalb im experimentellen Setting strukturell der Entfremdung in der kapitalistischen Gesellschaft entspricht. Dies sei jedoch nicht einfach dadurch umkehrbar, in dem etwa die Fragestellungen auf wünschenswerte Ziele ausgerichtet werden (etwa auf Umweltschutz in der Umweltpsychologie), sondern kann nur durch ein subjektwissenschaftliches Verfahren im Modus der Intersubjektivität geschehen. Holzkamp entwickelt das Konzept der Metasubjektivität als Form der Objektivierung und Verallgemeinerung. Sie lässt sich in einem Prozess der individuellen und kollektiven Verständigung herstellen, in dem sowohl Forschende wie Mitforschende ihre Befindlichkeit mit Hilfe der kritisch-psychologischen Kategorien aufschlüsseln.

Damit ermöglicht die GdP das, was man sonst nur Philosophien zuschreibt: Der Versuch einer Erklärung der Welt anhand einer Selbstverständigung über das eigene Menschsein. Es lohnt sich, sie aufmerksam zu lesen und zu prüfen, inwieweit die dort gemachten Aussagen für die Aufschlüsselung der eigenen Selbst- und Weltsicht hilfreich sind. Das wäre in Holzkamps Sinne.