Wir heißen jetzt »Kritische Wissenschaft Heute«

Die Redaktion

Das Online-Magazin »Kritische Psychologie Heute« wurde 2019 mit dem Ziel gegründet, die Kritische Psychologie zu verbreiten, zu diskutieren und für andere Wissenschaftsbereiche fruchtbar zu machen. Es konnte bis September 2020 unter anderem mittels eines Twitter-Kanals und einer Facebook-Gruppe über 12 000 Seitenbesucher und -besucherinnen auf sich aufmerksam machen.

Im Juli 2020 schrieb uns die Rechtsabteilung der Beltz Verlagsgruppe, dass wir die Markenrechte von »Psychologie Heute« verletzen würden, wir dies umgehend unterlassen sollen und telefonisch wurde hinzugesetzt, dass der Wunsch der Verlagsgruppe sei, keine Anwälte zu involvieren eine unverhohlene Drohung, das ehrenamtlich betriebene Projekt mit Abmahn- und Prozesskosten zu überziehen, sollten wir uns nicht fügen.

Haben unsere Inhalte nicht gefallen?

Nach dem Einholen von rudimentären Erstauskünften durch Fachanwälte des Deutschen Journalisten-Verbandes Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten e. V. (DJV) sowie der Vereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen e.V. (VDJ) kamen wir zu der Einschätzung, dass bereits die bloße Namensähnlichkeit in Kombination mit der Tatsache, dass beide Publikationen Magazine sind, dem potentiellen Kläger in Form der Beltz Verlagsgruppe gute Chancen einräumen würde, einen etwaigen Prozess zu gewinnen. Deshalb entschieden wir uns unter diesem offensichtlichen Zwang dafür, der uns vom Verlag gesetzten Frist nachzukommen und den Seitennamen bis Ende September in »Kritische Wissenschaft Heute« zu ändern.

Über die Motive können wir nur spekulieren der Verlag sei auf unser Magazin hingewiesen worden. Ob dem Hinweiser oder der Hinweiserin unsere Inhalte nicht gefallen haben? Immerhin haben wir zuvor fast ein Jahr lang versucht, Artikel, die über die Twitter-Seite von »Psychologie Heute« verbreitet wurden, kritisch zu kommentieren bis es uns aufgrund der sich teilweise recht stark wiederholenden Artikelinhalte zu langweilig wurde und wir die Kommentierung wieder eingestellt haben.

Gründe des Beltz-Verlages?

Was die Verlagsgruppe selbst dazu bewogen hat, ihre Markenrechte geltend zu machen, konnten wir nicht in Erfahrung bringen, obwohl wir die Rechtsabteilung nach den Gründen fragten beispielsweise, ob sie wirklich glauben, man könnte die beiden Magazine verwechseln und in welcher Konstellation das geschehen könnte. Klar war unsere Titelwahl ein Bezug auf »Psychologie Heute«, aber ein kritischer und nicht-kommerzieller (was wir schriftlich beteuerten) also von der Intention her eben das Gegenteil eines Versuches, sich einander verwechselbar zu machen, was wir durch unsere Inhalte auf allen Kanälen versuchten, auch so zu praktizieren.

Nun ist Psychologie Heute eine Ware wie jede andere auch mit den entsprechenden Konsequenzen für Inhalt und Form und muss verkauft werden: Lag die verbreitete Auflage 2012 noch bei fast 100 000 Exemplaren, fiel sie bis 2019 auf knapp 66 000. Wurde das Magazin 2009 noch als »Wundertüte« mit steigender Auflage bezeichnet und kostete 5,90 €, kostet das aktuelle Heft nun 7,50 € und manche Artikel gibt es mittlerweile auch online zum Stückpreis von 1,99 €. Das heißt: Während bei der Auflage ein Drittel verloren gegangen ist, ist es beim Preis fast draufgeschlagen worden – kein gutes Zeichen für die Profitabilität eines Unternehmens, auch wenn man nun mehr Online-Content erhält.

Sicher gute…

Sicher leidet das Magazin wie der ganze Printbereich unter der Verschiebung der Werbegelder hin zu Google und Facebook, aber das erklärt nicht die sinkenden Verkaufszahlen außer man folgt der Auffassung, dass der steigende Finanzdruck zu intensivierter Arbeitsbelastung und daraus folgenden schlechteren Inhalten führt, was wahrscheinlich auch nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Eine andere verbreitete These unter Medien- und Kommunikationswissenschaftlern und -schaftlerinnen ist, dass die Nutzungsgewohnheitenverschiebung, hin zum Internet und in die sozialen Medien, Printtitel uninteressanter haben werden lassen.

Sicher ist auch das nicht von der Hand zu weisen, aber gleichzeitig wird zumindest in Bezug auf die etablierten Medien allerorten auch von einem starken Legitimations- und Vertrauensverlust gesprochen. Warum sollte diese Entwicklung nun vor Magazinen und Zeitschriften halt machen? Insbesondere, da Psychologie Heute nicht in erster Linie dafür bekannt ist, gesellschaftskritische Inhalte zu haben die zahlreichen Alltags-Tips, Interviews und Studienhinweise kratzen zwar hier und da an der hoch widersprüchlichen Realität, bleiben aber insgesamt in eher harmlosen Bahnen. Etwas, was wie bereits erwähnt, zumindest uns auf Dauer gelangweilt hat warum nicht auch Andere?

Aber – ob es nützt?

Eigentlich hätte man sogar das Gegenteil der Reaktion der Beltz-Verlagsgruppe für möglich halten können: Interesse, Aufmerksamkeit und Diskussionsangebote gegenüber »Kritische Psychologie Heute«, denn was könnte es für einen Marktteilnehmer Besseres geben als ein Produkt, welches, ohne die eigenen Inhalte zu kopieren, sich auf eben diese bezieht? Ob kritisch oder nicht – das ist eigentlich kostenlose Öffentlichkeitsarbeit. Dazu würde es, falls das Problem der sinkenden Verkaufszahlen mit durch eine als zu stark wahrgenommene gesellschaftliche Affirmativität hervorgerufen wurde, genau diesem entgegen arbeiten.

Nun, sei es wie es will, wir haben zumindest unsere Hoffnung auf unseren Beitrag zu einer Reform von Psychologie Heute aufgegeben und uns umbenannt. Allerdings bleibt noch ein zusätzlicher unangenehmer Beigeschmack, da zur Beltz-Verlagsgruppe zur Zeit auch der Campus Verlag gehört eben jener Verlag, der mit Abstand die meisten Bücher der Kritischen Psychologie herausgebracht und auch Änderungen an ihren Inhalten vorgenommen, also daran mitgearbeitet hat. Und selbst Psychologie Heute hatte 1984 mal ein hervorragendes Interview mit Klaus Holzkamp, dem Begründer der Kritischen Psychologie, unter dem Titel »Die Menschen sitzen nicht im Kapitalismus wie in einem Käfig« gebracht naja, die Zeiten ändern sich.

Wie es nun weiter geht

Wir haben jedenfalls versucht, aus der Not eine Tugend zu machen und den Hinweis von Ute Osterkamp, dass das »Forum Kritische Psychologie« die ehemalige Diskussionsplattform Kritischer Psychologinnen und Psychologen auch die Diskussion mit den anderen Wissenschaftsbereichen zum Inhalt haben sollte, aufgegriffen: »Kritische Wissenschaft Heute« soll deshalb auch bedeuten, dass auch Nicht-Psychologen und Psychologinnen ohne die Psychologinnen und Psychologen in irgendeiner Weise in Zukunft mehr ausschließen zu wollen – kritische Ansätze aus ihren Bereichen beisteuern können.

Wir hatten damit zwar schon begonnen, aber nun findet es sich auch im Titel wieder. Wir halten nämlich – ähnlich wie Stefan Meretz das in einer Interview-Antwort mit dem Begriff »Metatheorie« ausgedrückt hat – die Erkenntnisse der Kritischen Psychologie in Bezug auf das Bild vom Menschen für verallgemeinerbar für alle Wissenschaftsbereiche. Das erscheint uns auch vor dem Hintergrund, dass kritische Ansätze heutzutage wenig Raum in der Wissenschaftsöffentlichkeit haben, weiterhin als ein erstrebenswertes Anliegen.