Clara, Bawani & Clarissa

Hysteria ein Theaterstück von Clara Fuhrmann, Mona-Bawani Mühlhausen und Clarissa Schneider. Eine studiert Medizin, eine ist freie Theatermacherin und eine diplomierte Schauspielerin. Zusammen versuchen sie, das Phänomen der sog. »Hysterie« zu ergründen.

Das Interview führte Eric Recke, Illustration: Saskia Beuchel.

1. Ihr habt am 02.10.20 in den Leipziger Cammerspielen das Stück »Hysteria« aufgeführt. Worum ging es dabei?

Clara: Unser Stück handelt von einer uralten sog. »Krankheit«: der Hysterie. Wir sprechen aber lieber von einem historischen Phänomen. Über viele Jahrhunderte war die Vorstellung sehr verbreitet, die Gebärmutter könne Frauen* krank, unpässlich und wütend machen.  »Hysteria« nimmt dieses Phänomen und vieles, was damit zusammenhängt, genauer unter die Lupe.

Bawani: Es geht um die Hysterie als patriarchalen Unterdrückungsmechanismus im 19. Jahrhundert, um die Pathologisierung des »Aus-der-Form-Fallens«, um die Scham der Sexualität, um die Eierstöcke, um Platon und um Körperflüssigkeiten, um Masturbation und um Träume. Es geht um die Frage danach, wer (medizinische) Geschichte geschrieben hat und welche Möglichkeiten wir heute haben, historische Geschichten aus einer anderen, einer feministischen Perspektive zu erzählen. Vor allem aber ist das Stück der Versuch, die Geschichte einer jungen Frau zu verstehen, welche als hysterisch-krank bezeichnet wurde. Hysteria ist die Suche nach Anna.

2. Wie kamt ihr darauf, dieses Thema zu wählen und warum gerade jetzt?

Bawani: Ich recherchiere seit einigen Jahren künstlerisch zu Frauen*-Themen und -Mythen und mir begegnen immer wieder die absurdesten, witzigsten und schrecklichsten Annahmen, was man einst über Menschen mit Uterus geglaubt hat. So auch hier: Wusstet ihr, dass hysterische Patientinnen von ihren Ärzten therapeutisch masturbiert wurden? Und weil dies so anstrengend für die Handgelenke war, hat man quasi zufällig ein Maschinchen erfunden: den Vibrator. Anekdoten wie diese machen es möglich, mit Humor zu erzählen, wie viel patriarchale Unterdrückung in unserer kollektiven Geschichte liegt.
Ich glaube Hysterie war keine Krankheit, sondern ein Konstrukt, eine Antwort der Gesellschaft auf Frauen*, die nicht ihrer Rolle entsprachen einer reinen und tugendhaften Rolle. Die nannte man dann krank und macht es jemanden nicht krank, immerzu so genannt zu werden? Wen nennen wir heute noch krank, weil die Person nicht in unser System passt?

Clara: Die Hysterie hat mich daran erinnert, zu zweifeln. Das hat mich so interessiert, dass ich sehr große Lust hatte, zu diesem Thema ein Theaterstück zu machen. Und das gern so schnell wie möglich! Bawani hat mich dazu eingeladen, »Hysteria« gemeinsam zu entwickeln. Am Anfang der Recherche habe ich mich gefragt: Wie kann man so lange an eine Krankheit geglaubt haben, von der ich felsenfest annehme, dass es sie nie gegeben hat? Ich studiere selbst Medizin und finde die Hysterie zeigt sehr gut, dass eine wissenschaftliche Tatsache nicht in Stein gemeißelt ist und, dass man sich unglaublich irren kann.

3. Wie lief die Aufführung und was waren die Rückmeldungen?

Clarissa: Wir hatten – zusammen mit unserer Regieassistenz Janka die Möglichkeit, neun Mal in den Cammerspielen Leipzig spielen zu können und davon war jede Vorstellung ausverkauft. Wegen der Hygienemaßnahmen war unsere Zuschauer:innenzahl leider begrenzt und wir mussten fast jeden Abend Leute abweisen. Für mich als Spielende war besonders spannend, wie sehr sich das Stück über diese neun Vorstellungen noch verändert hat. Wir haben als Team stetig weiter reflektiert und gearbeitet, neue Dinge versucht und uns immer tiefer in Annas Geschichte fallen lassen. Die einzelnen Vorstellungen vor jeweils unterschiedlichem Publikum waren jeden Abend aufs Neue ganz anders manchmal wurde viel gelacht, an anderen Abenden blieb das Lachen manchen unserer Zuschauer:innen eher im Hals stecken. Nach den Vorstellungen hatten wir immer noch sehr anregende Gespräche mit unserem Publikum viele hat unsere Geschichte und das Thema allgemein sehr berührt, wütend gemacht oder zumindest zum Weiterdenken inspiriert. Das hat mich ungemein gefreut.

Bawani: Ich bin total dankbar und froh, dass die Menschen so viel anfangen konnten mit dieser doch etwas speziellen Ästhetik, denn ästhetisch wird auf der Bühne die Grenze zwischen Ekel und Schönheit erforscht die hauptsächlichen Zuschreibungen des weiblichen Körpers.

4. Was denkt ihr, macht eure Form des Theaters besonders geeignet, solche Themen darzustellen?

Bawani: Wir haben ein Theaterformat gefunden, in dem die Schauspielerin authentisch als sie selbst auf der Bühne steht und die Geschichte von Anna aus ihrer heutigen Sicht kommentiert, hinterfragt, sogar umdeutet. Dadurch können wir einerseits eintauchen in die Story und die Welt des 19. Jahrhunderts und andererseits deutlich machen, dass jede Geschichte immer aus einer Perspektive erzählt wird, und im Falle der Hysterie aus der Perspektive von Männern.

Clarissa: Hierzu haben mich besonders die Rückmeldungen unserer Zuschauer:innen gefreut, die unsere Auseinandersetzung mit dem weiblichen Körper als sehr authentisch und schambefreit wahrgenommen haben. Als Spielende hat es mir unglaublich viel Spaß gemacht mich mit meinen abstrahierten Körperflüssigkeiten auf der Bühne zu beschäftigen und mal so eine richtige Sauerei veranstalten zu können.

5. Welche Vorhaben plant ihr als nächstes auf die Bühne zu bringen und wo wird man euch voraussichtlich wieder sehen können?

Bawani: Wir wollen Hysteria gerne weiter aufführen. Wir haben große Lust auf Gastspiele und auf eine Tour im deutschsprachigen Raum. Da wir durchgehend ausverkauft waren, hoffen wir auf die Möglichkeit für noch mehr Menschen spielen zu können.

Clara: Gastspiele wären super, außerdem beschäftige ich mich durch eine andere Zusammenarbeit schon länger mit Sophie Calle, Beobachtung und Privatsphäre. Vielleicht wird daraus noch ein abendfüllendes Stück! Dazu werde ich mich in meinen nächsten Projekten mit den Phänomenen »Toxische Männlichkeit« und »Frauen und Krieg« auseinandersetzen.

Das Interview stammt vom 22. Januar 2021.