Repression als Teil Sozialer Arbeit: Eine kritisch-psychologische Analyse

Soziale Arbeit soll Menschen helfen, ist aber Teil staatlicher Unterdrückung, in ihrer Arbeitsweise weitestgehend ineffektiv und belastend für Personal wie Betreute, analysiert Lisa Freund in ihrer Masterarbeit, welche an dieser Stelle leicht redaktionell bearbeitet und gekürzt dokumentiert wird.

Lisa Freund, Illustration: Saskia Beuchel

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Praxis-Beispiel

2 Kritische Psychologie

2.1 Erkenntnis- und Gesellschaftstheorie

2.2 Kategorien

2.2.1 Handlungsfähigkeit

2.2.2 Formationsspezifische Ausprägung der Handlungsfähigkeit

2.2.3 Restriktive und Verallgemeinerte Handlungsfähigkeit

2.2.4 Die psychische Entwicklung

2.2.5 Position und Lage

3 Hegemonie – Funktionen Sozialer Arbeit

3.1 Hegemonie

3.2 Intellektuelle

3.3 Sozialarbeiter*innen als Intellektuelle

4 Die Praxis der Sozialarbeiter*innen

4.1 Forschungsstand zu Sozialer Arbeit

4.2 Das Studium der Sozialen Arbeit

4.3 Der Berufseinstieg

4.4 Das bloß Soziale

4.5 Die Betreuten

4.6 Die Kolleg*innen

4.7 Aktuelle Situation

4.8 Sozialarbeiterische Hegemonien

5 Was tun?

Resümee

Literaturverzeichnis

 

Einleitung

Die Soziale Arbeit ist ein Beruf, welcher dafür bekannt ist, soziale Problemlagen zu bearbeiten. Ob ein Mensch keine Wohnung hat, keine Arbeit erhält, psychische Krisen erleidet, von der Gesellschaft behindert wird oder sich niemand um ihn sorgt, im Alter, in der Familie oder im Alltag – Sozialarbeiter*innen haben den Auftrag, helfend zur Stelle zu sein und die Lebenssituation zu ändern. Die Bundesagentur für Arbeit gibt die Anzahl der Sozialarbeiter*innen in Deutschland für Dezember 2017 mit 310.344 an (vgl. Bundesagentur für Arbeit 2018). 2016 arbeiteten allein im erweiterten Gesundheitswesen über 56.000 Menschen im Bereich Soziale Arbeit (vgl. Adolph/Seibert 2016). Im Sommersemester 2017 studierten 46.505 Menschen Soziale Arbeit (vgl. Statistisches Bundesamt 2018). 2015 war der Studiengang Soziale Arbeit laut einer Untersuchung des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft sogar der Beruf mit dem größten Fachkräftebedarf, um genug Expert*innen für die Arbeit mit den nach Deutschland Geflüchteten zu haben (vgl. Burgard 2016).

In ihrer Arbeit sind Sozialarbeiter*innen meist durch den Staat beauftragt, soziale Probleme durch Beratung zu lösen. Dabei befinden sie sich immer im Konflikt, einerseits die Lebenswünsche der von ihnen Beratenen zu unterstützen, diese aber gleichzeitig zu begrenzen: Wer arm ist, bekommt nicht direkt Geld von Sozialarbeiter*innen, sondern wird nur darin unterstützt, sich eine Arbeit zu suchen, um selbst Geld zu verdienen. Wer einsam ist, erhält durch Sozialarbeiter*innen keine neuen Freundschaften, sondern wird nur dahingehend beraten, sich Freundschaften zu suchen. Der staatliche Auftrag bringt dabei für die Sozialarbeiter*innen auch die Verpflichtung mit sich, die von ihnen Beratenen insoweit zu kontrollieren, dass sie kein illegales oder andere schädigendes Verhalten an den Tag legen. Dafür üben Sozialarbeiter*innen kulturellen Druck aus und rufen, wenn es ihnen notwendig erscheint, auch die Staatsgewalt. Wie ist also das sozialarbeiterische Bewusstsein ihrer Arbeit beschaffen? Wie wird darin die gesellschaftliche Funktion Sozialer Arbeit reflektiert? Fungiert sie als Unterdrückungsinstrument? Welche typischen Verhaltensformen ergeben sich daraus? Welche Konflikte sind damit verbunden? Welche Probleme treten dabei auf und wie lassen sich diese lösen? Diesen Fragen will die vorliegende Arbeit nachgehen. Insbesondere vor dem Hintergrund der Etablierung der Sozialarbeitswissenschaft als wissenschaftliche Disziplin erscheint eine solche Grundlagenarbeit im Angesicht der vorhandenen Grundlagenarbeiten sinnvoll. Unter den etablierten sozialarbeiterischen Theorien existiert weder eine entwickelte Analyse, die den Fokus auf das sozialarbeiterische Bewusstsein legt, noch eine Analyse des Zusammenhanges dieses Bewusstseins mit der gesellschaftlichen Funktion von Sozialer Arbeit: Silvia Staub-Bernasconis Theorie der Menschenrechtsprofession fokussiert vordergründig die staatlich gewährleisteten Rechte von Hilfesuchenden; die Lebensweltorientierung nach Hans Thiersch behandelt vor allem die Lebenswelt von Hilfesuchenden; die kritische Pädagogik nach Klaus Mollenhauer ist auf die Erziehungskonstellation zwischen Erziehenden und Erzogenen zentriert; das ökosoziale Paradigma nach Wolf Rainer Wendt behandelt die Haushaltsorganisation von Hilfesuchenden und die Sozialraumorientierung nach Wolfgang Hinte dreht sich ebenfalls dominant um den Sozialraum der Hilfesuchenden.

Dagegen formuliert beispielsweise die Kritische Psychologie den Anspruch, die Begründungen von Menschen und damit ihr Bewusstsein ihrer gesellschaftlichen Funktion erforschen zu wollen. Damit grenzt sie sich zu allen anderen psychologischen, sozialarbeiterischen, soziologischen und erziehungswissenschaftlichen Theorien ab, da sie diesen Theorien zuschreibt, dass diese den von ihnen untersuchten Menschen ihre Forscher-Perspektive überstülpen und die Realität dadurch verzerrt wiedergeben (vgl. Bader 2016, 87f.). Deshalb wird sich in dieser Arbeit dafür entschieden, als Ausgangspunkt der Analyse die Kritische Psychologie zu wählen. Als gemeinsame Datengrundlage wird ein in seinen relevanten Grundzügen dargestelltes Praxis-Beispiel im ersten Kapitel dienen. Im zweiten Kapitel wird darauf die Kritische Psychologie in ihren erkenntnis- und gesellschaftstheoretischen Grundlagen entfaltet, um so den Standpunkt der Kritischen Psychologie, der gleichzeitig der Standpunkt der Verfasserin dieser Arbeit ist, zum Menschen und zur Geschichte in seinen Haupteigenschaften zu entfalten. Darauf folgt die Darlegung der Kategorien der Kritischen Psychologie, um sich durch die Explizierung der zentralen Kategorie der Handlungsfähigkeit den Widersprüchen, welche das Praxis-Beispiel ausmachen, zu nähern. Die Kategorie der Handlungsfähigkeit wird darin auf ihre aktualgeschichtliche Dimension sowie auf ihre eigene innere Widersprüchlichkeit hin untersucht. Als Grundlage jeglicher menschlichen Entwicklung wird dazu die psychische Entwicklung des Menschen sowie die Spezifik seiner jeweiligen gesellschaftlichen Lage beleuchtet. Die kategorialen Einführungen werden dabei eng an das Praxis-Beispiel rückgekoppelt und darauf angewandt, um die abgeleiteten Ergebnisse jederzeit überprüfbar zu machen. Um ein tieferes Verständnis des sozialarbeiterischen Bewusstseins im Verhältnis zur gesellschaftlichen Funktion von Sozialer Arbeit zu bilden, wird darauf im dritten Kapitel die Kategorie der Hegemonie eingeführt. Hegemonie bedeutet vorherrschende Kultur und erscheint geeignet, anhand der Praxis der Sozialen Arbeit deren wesentliche Kultur konkret zu erfassen. Die Kategorie der Hegemonie wird dabei aus einer philosophischen Denktradition außerhalb der Kritischen Psychologie entnommen, ohne dass davon ausgegangen wird, dass sich die Kritische Psychologie und diese Denktradition grundsätzlich widersprechen. Aber da die Kritische Psychologie bisher wenig historisch konkrete Kulturanalysen vorgelegt hat, will die vorliegende Arbeit diese Lücke für die Soziale Arbeit schließen. Die zentralen Inhalte der Kategorie der Hegemonie umfassen, neben dem Begriff selbst, die Intellektuellen als professionelle Ausübende von Kultur und den Alltagsverstand als das wenig herausgearbeitete Bewusstsein der großen Mehrheit der Bevölkerung. Mit diesen Kategorien wird möglich, sich der Sozialen Arbeit in ihrer typischen Alltagskultur als professionelle Intellektuelle zu nähern. Das vierte Kapitel führt diese typische Alltagskultur anhand der Forschungsergebnisse der Kritischen Psychologie aus und umschließt die zentralen Bereiche der Sozialen Arbeit: das Studium der Sozialen Arbeit, die Phase des Berufseinstiegs, die Beziehungsorientierung, das Verhältnis zu den von den Sozialarbeiter*innen Betreuten, das Verhältnis zu den Kolleg*innen in der Sozialen Arbeit, die aktuelle sozialpolitische Situation sowie die sozialarbeiterischen Hegemonien. Die sozialarbeiterischen Hegemonien stellen als Abschluss das verdichtete Ergebnis der vorliegenden Arbeit dar und sollen ein Beitrag zur Debatte der Wissenschaft Sozialer Arbeit sein. [Anm. d. Red.: Bezugnahme auf Kapitel 5 gekürzt]

1 Praxis-Beispiel

Um sich der Sozialen Arbeit als Tätigkeit zu nähern, soll ein Praxis-Beispiel aus einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe dienen: Anton (Name geändert) kommt als Sozialarbeiter in Teilzeit auf Entgeltgruppe 9 nach dem Tarifvertrag der Länder neu in ein Team der Einrichtung. Arbeitsort des Teams ist eine betreute Wohngruppe mit stationären sowie ambulant betreuten Bewohnerinnen und Bewohnern zwischen 16 und 21 Jahren. Das Team besteht aus fünf Hauptamtlichen und einigen Aushilfskräften.

Anton trifft dort auf ein länger zusammenarbeitendes Team, welches wöchentlich Teamsitzungen und monatlich Supervisionen wahrnimmt. Es gibt eine Teamleitung und die Teammitglieder haben unterschiedliche Qualifikationen und werden nach verschiedenen Entgeltgruppen bezahlt.

Der Kontakt zu den Bewohnerinnen und Bewohnern gestaltet sich anfänglich zurückhaltend, Anton wird von ihnen geprüft. Die anderen Kolleg*innen sind höflich, erklären die Arbeitsabläufe, machen aber sonst wenig inhaltliche Vorgaben und berichten wenig von ihrer Arbeits- und Lebenshaltung.

Die ersten Team-Sitzungen verlaufen nach einem ähnlichem Schema: Organisatorisches wird zu Anfang abgearbeitet, darauf werden die einzelnen Betreuten durchgegangen. Während die einzelnen Betreuten aufgerufen werden, fallen häufiger frustriert klingende Bemerkungen: “Bianca (Name geändert) hat es schon wieder nicht zur Schule geschafft. Ich glaube nicht, dass sie den Schulabschluss schafft.”; “Ich glaube Anna (Name geändert) hat einfach kein Händchen dafür, mit Menschen umzugehen. Sie wird ihr Praktikum dort bestimmt bald wieder abbrechen. Sie ist auch wieder dauernd so fordernd und jammernd.”; “Tobias (Name geändert) hat heute schon wieder nicht geduscht, der riecht so unangenehm. So wird er bei seinem neuen Arbeitsplatz nicht genommen werden.”

Es werden jeweils weitere Schritte vereinbart, wie mit den Jugendlichen gearbeitet werden soll. Größere Konflikte oder, wenn eine Kollegin mit jemandem nicht weiterweiß, werden auf die Supervision verschoben. Die Kolleg*innen erzählen einiges von sich zu Hause und ihrer Familie.

Anton prüft die Bemerkungen der Kolleg*innen in seiner Arbeit mit den Jugendlichen und gewinnt die Auffassung, dass viele von diesen nicht zutreffen oder zumindest stark verkürzt sind, ist sich aber unsicher, ob die Jugendlichen ihm gegenüber nicht nur deshalb aufgeschlossener sind, weil er neu ist. Aufgrund der wenigen inhaltlichen Vorgaben und der eher oberflächlichen Diskussion über die Jugendlichen auf den Team-Sitzungen hat er den Eindruck, dass das Team Wert darauf legt, sich gegenseitig wenig in die Arbeit einzubeziehen und die Arbeitszeit eher auf die Betreuten zu verwenden. Der Eindruck wird dadurch bestärkt, dass alle Hauptamtlichen feste Bezugsbetreute haben und allein zuständig für diese sind.

Nachdem Anton sich über die volljährige Betreute Anna eine für ihn fest erscheinende Einschätzung gebildet hat, entschließt er sich auf einer Team-Sitzung in die Diskussion zu gehen. Er kritisiert die frustriert klingenden Bemerkungen über Anna und legt seine Einschätzung von Annas Persönlichkeit sowie der Arbeit mit ihr dar. Sein zentrales Argument ist: Die Versuche der Kolleg*innen, Anna zu einer geregelten Tätigkeit zu animieren, damit sie nicht antriebslos in ihrem Zimmer bleibt, seien ineffektiv. Die Tatsache, dass Anna die angebotenen Tätigkeiten lustlos wahrnimmt und nach kurzer Zeit wieder abbricht, würden das beweisen. Anna habe relativ klare Vorstellungen davon, welcher geregelten Tätigkeit sie gern nachgehen würde, treffe aber im Team mit dieser Tätigkeit auf Belustigung und Abwehr. Stattdessen versuche ihre Bezugsbetreuerin, sie immer wieder zu neuen unpassenden Tätigkeiten zu animieren und spreche gleichzeitig nicht inhaltlich über Schwierigkeiten oder Qualifikationsvoraussetzungen für die von Anna gewünschte Tätigkeit. Er kritisiert die Aussage von Annas Bezugsbetreuerin, dass das, was Anna sich da vorstelle, sie ja eh nicht schaffen würde, weil sie dafür nicht das Zeug hätte. Dagegen argumentiert Anton, dass Anna bereits entscheidende Vorerfahrungen für die ihr vorschwebende Tätigkeit hat und man sie in ihren Vorstellungen ernst nehmen und unterstützen müsse. Dazu spricht er sich dafür aus, mehr die Begründungen von Anna, warum sie was wie macht, herausfinden zu wollen und sie, wenn sie diese äußert, ernst zu nehmen, statt sich über sie lustig zu machen. Die anderen Team-Mitglieder sind überrascht und die Bezugsbetreuerin fragt, was Anton vorschlagen würde, wie sie es denn anders machen könnten, ohne aber eigene Vorschläge zu nennen. Anton ist überfordert mit der Frage, da er der Auffassung ist, Anna nicht gut genug zu kennen und beharrt nur auf seinem Argument, dass es jedenfalls nichts bringe, Anna zu irgendwelchen weiteren unpassenden Tätigkeiten animieren zu wollen.

Kurze Zeit später entscheidet sich die Bezugsbetreuerin dazu, Anna an einen anderen Kollegen zu übergeben. Zusammen mit diesem Kollegen gelingt es Anton, Anna über mehrere Monate zu täglichem Arbeitseifer anzuregen, da Anton und der neue Bezugsbetreuer versuchen, Anna bei der von ihr gewünschten Zielvorstellung zu unterstützen. Besonders die inhaltlichen Rückmeldungen seitens Anton über den Qualifikationsfortschritt von Anna in der von ihr gewünschten Tätigkeit stoßen bei Anna auf große Begeisterung. Sie meldet ihre Freude über die Unterstützung regelmäßig zurück und nutzt nun auch die Zeit mit den anderen Betreuerinnen und Betreuern dazu, inhaltliche Schwierigkeiten bei ihrer Vorbereitung auf die gewünschte Tätigkeit zu klären. Dabei ergreift sie nahezu ununterbrochen die Initiative.

Um das Beispiel auf seine für die Soziale Arbeit typischen Elemente untersuchen zu können, wird an dieser Stelle in die Kritische Psychologie eingeführt.

2 Kritische Psychologie

Die Kritische Psychologie ist eine Richtung der Psychologie, welche sich auch als “psychology from the standpoint of the subject” (Motzkau/Schraube, 280) bezeichnet. Ihr wesentlicher Gründer, Klaus Holzkamp (1927–1995), war Professor für Psychologie an der Freien Universität Berlin. Er wandte sich in den 60er Jahren von der bisherigen Psychologie ab, da er sie als nicht wissenschaftlich fundiert ansah. Seine Kritik: Die Grundbegriffe wie “Motivation” und “Reiz” seien nicht wissenschaftlich hergeleitet und die Experimente deshalb wenig aussagekräftig. Da Holzkamp auch ein Sympathisant der 68er Studentenbewegung war, nahm er an deren Veranstaltungen teil und studierte die Werke von Karl Marx und anderen Schriftsteller*innen der Arbeiterbewegung. Insbesondere griff er die Kritik der Studierenden am vorherrschenden Objektivitätsbegriff der Gesellschaftswissenschaften auf. Objektivität bestehe dem kritisierten Begriff nach darin, wertfreies Wissen ohne den Einfluss gesellschaftlicher Akteure zu produzieren. Deshalb müsse man beispielsweise in der Psychologie besonders exakte Methoden verwenden. Holzkamp lehnte dies ab. Auch das Engagement der Studierenden für eine gesellschaftlich verantwortliche Wissenschaft in demokratischen Hochschulen, ohne altfaschistische Professoren und Ordinarien, bestärkte Holzkamp darin, sich von den bisher vorherrschenden Lehrmeinungen abzuwenden. Zusammen mit Kolleg*innen begann er darauf, wissenschaftlich neue psychologische Grundbegriffe zu entwickeln und daraus Forschungsverfahren zu konzipieren (vgl. Markard 2009, 22ff.). Der erste Schritt war dabei die Festlegung auf erkenntnis- und gesellschaftstheoretische Grundlagen.

2.1 Erkenntnis- und Gesellschaftstheorie

Die Kritische Psychologie gründet in der materialistischen Dialektik und im historischen Materialismus nach Karl Marx, Friedrich Engels und Wladimir Lenin (vgl. Holzkamp 1985, 27). Engels nennt die Dialektik, anknüpfend an Marx, die “Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens.” (Engels 1962, 131f.). Das wichtigste dialektische Gesetz ist das von der Einheit und dem Kampf der Gegensätze. Demzufolge wird die Wirklichkeit als Kampf von Gegensätzen in der Natur sowie im Handeln von Menschen gesehen. Gleichzeitig sind die Gegensätze in ihrem Kampf als Einheit verbunden und Entwicklung findet ausschließlich in diesem Kampf statt (vgl. Lenin 1970, 622). In der Entwicklung der Gegensatzseiten finden qualitative Sprünge statt, wenn sich der Zustand einer Seite quantitativ bis zu einem kritischen Punkt geändert hat. Dann schlägt die quantitative in eine qualitative Veränderung um. Umgekehrt schlagen auch qualitative Veränderungen in neue quantitative Veränderungen um (vgl. Engels 1962a, 349ff.). Da in diesem Kampf alte Zustände der Gegensatzseiten und ein Teil ihrer Eigenschaften in neuen Zuständen mit neuen Eigenschaften aufgehoben werden, findet Entwicklung spiralförmig als Negation der Negation eines vorherigen Zustandes statt (vgl. Lenin 1960, 42f.).

Beispielsweise ist das Ringen zwischen Anna und dem Team, welcher Tätigkeit Anna nachgeht, ein Kampf zwischen gegensätzlichen Auffassungen, der unter anderem in der Einheit der Beziehung zwischen den beiden sowie zwischen Anna und den Team-Mitgliedern als auch zwischen der Bezugsbetreuerin und ihren Kolleg*innen, einschließlich Anton, ausgetragen wird. Längere Zeit hat sich Anna, im lustlosen Aufgreifen der Tätigkeitsangebote ihrer Bezugsbetreuerin, in kleinem quantitativen Maße durch Arbeitserfahrungen verändert. Mit dem Betreuungs- und Orientierungswechsel ändert sie sich plötzlich sprunghaft und beginnt in neuer Qualität, eifrig zu arbeiten. Dabei fand nicht nur eine Negation ihrer Antriebslosigkeit, sondern auch eine Negation der zwischenzeitlichen Tätigkeitsangebote statt. Ebenso befindet sich Anton mit Anna in einer Beziehung, die von Gegensätzen geprägt ist: Er als Betreuer, sie als Betreute. Nach mehreren Erfahrungen mit Anna und dem Team entscheidet sich Anton, eine qualitative Veränderung zu initiieren und negiert seine anfängliche Zurückhaltung mit der Negation der Option – wie seine Kolleg*innen – Anna mit unpassenden Angeboten zu bedrängen.

Materialismus ist ein Verständnis der Welt, in welchem die Wirklichkeit als vorhanden und bestehend aus Materie gesehen wird. Veränderungen finden ausschließlich durch Veränderungen von Materie statt (vgl. Küpper 2017, 10ff.). Der historische Materialismus sieht auch die Geschichte der menschlichen Gesellschaft als bestimmt durch die Veränderung von Materie an. Die Veränderungen entstehen maßgeblich durch menschliches Handeln, also wie Menschen ihr Leben und damit sich selbst produzieren. Demzufolge werden die Ursachen gesellschaftlicher Veränderungen in den Veränderungen der Produktions- und Austauschweisen von Menschen gesucht (vgl. Engels 1962, 248). Die Veränderungen schlagen sich erst, nachdem sie Wirklichkeit geworden sind, als Reflexionen im menschlichen Bewusstsein nieder (vgl. Lenin 1975, 296f.). Der Hauptbezugspunkt für die Kritische Psychologie ist dabei das Marxsche Werk “Das Kapital” (vgl. Holzkamp 1985, 27). Aus diesem und den Marxschen “Feuerbachthesen” wird die Sichtweise genommen, dass Menschen nur als Subjekte in der Gesellschaft gesehen werden können, wenn ihre Lebenspraxis untersucht wird (vgl. Marx 1969, 5ff.). Daraus leitet sich die Erkenntnis ab, dass Menschen immer politisch sind, weil sie in der Gesellschaft handeln und diese durch ihr Handeln verändern (vgl. Holzkamp 1988, 17).

Anton und Anna sind Menschen aus Materie und leben in der Gesellschaft. Durch ihr Handeln verändern sie sich und ihre Umwelt. Betrachtet man wie sie ihr Leben verändern und sich produzieren und damit die Gesellschaft verändern und verändert haben, erhält man Rückschlüsse darauf, wie sie diese Veränderungen reflektieren. Gleiches gilt für die sie umgebenden Menschen. Beispielsweise hat Anna in einer Situation der verbauten Zielvorstellungen, trotz ihrer bisherigen Erfahrungen in dem von ihr gewünschten Tätigkeitsbereich, an diese nicht angeknüpft und stattdessen antriebslos ihre Zeit auf ihrem Zimmer verbracht. Während Annas Bezugsbetreuerin Annas Geschichte so deutete, dass Anna noch nicht wüsste, was sie in ihrem Leben machen will, rekonstruierte Anton Annas vergangene Handlungen und Erfahrungen und konnte ihr dadurch für sie passendere Handlungsoptionen eröffnen.

Um die individuellen wie gesellschaftlichen Bedingungen näher zu beleuchten, soll nun in die Kategorien der Kritischen Psychologie eingeführt werden.

2.2 Kategorien

Die Kategorien der Kritischen Psychologie sind mit dem Anspruch entwickelt worden, einerseits wissenschaftlich exakte Herleitungen und andererseits veränderbare Begriffe für den gemeinsamen Erkenntnisgewinn zu sein. Das heißt, sie sind als Arbeitsbegriffe gedacht, welche Menschen, die sie anwenden und auf die sie angewandt werden, in ihrer Angemessenheit bewerten und im Zweifelsfall korrigieren oder verwerfen sollen. So soll gewährleistet werden, dass Menschen ihr verschwiegenes Wissen über ihre Ängste, Wünsche und Widersprüche zur Sprache bringen und sich und ihre Umwelt besser verstehen, um Probleme zu lösen und ein besseres Leben zu führen (vgl. Osterkamp 2016, 15). Die zentrale Kategorie der Kritischen Psychologie ist die Handlungsfähigkeit.

2.2.1 Handlungsfähigkeit

Um menschliches Handeln analysieren zu können, wird in der Kritischen Psychologie zum geschichtlichen Ausgangspunkt der psychischen Entwicklung zurück gegangen. Dafür wird das Psychische historisch hergeleitet. Dabei werden rückblickend in der Evolution die Veränderung der Gene anhand ihrer jeweiligen Funktionalität für die Erhaltung des Organismus und der Art untersucht (vgl. Holzkamp 1985, 61ff.). Die Haupterkenntnis in Bezug auf die Entwicklung des Menschen ist, dass es bei vormenschlichen Lebewesen bereits psychische Funktionen für die Ausprägung von Sozialverhalten und die Entwicklung von Sozialverbänden gab, welche sich in der Evolution durchgesetzt haben (vgl. ebd., 159ff.). Der neue Qualitätssprung geschah dann mit der Herstellung von Werkzeugen. Die Frühmenschen konnten mit ihnen ihre Erfahrungen als Gegenstände über Generationen hinweg weitergeben und mit den Werkzeugen gleichzeitig in immer höherem Maße ihre Umwelt gestalten. Gleichzeitig wirkte die so veränderte Umwelt wieder auf den Menschen zurück, welcher sich damit zunehmend selbst produzierte und sich somit eine gesellschaftliche Natur schuf (vgl. ebd., 178ff.). Dadurch wurde die Wirkung der Evolution ausgeschaltet, da nicht mehr die am besten angepassten Gene, sondern die Lerninhalte der jeweiligen Individuen über die Vererbung entschieden und diese Lerninhalte werden seitdem durch die Gesellschaft vermittelt. Damit dies geschehen kann, muss die Gesellschaft vor allem durch Arbeit aufrechterhalten werden.

Die Kritische Psychologie definiert Arbeit als gemeinschaftliche Umweltkontrolle zur vorsorgenden Planung der gemeinsamen Lebensbedingungen (vgl. ebd., 176f.). Arbeit findet gesamtgesellschaftlich gesehen in Form der Arbeitsteilung statt, welche die Menschen durch das gemeinsame Ziel der Lebenssicherung verbindet (vgl. ebd., 177). Dabei können die Produkte der Arbeitsteilung potenziell auch von denjenigen genutzt werden, die sie nicht mit hergestellt haben. So wird zunehmend Zeit frei, die nicht unmittelbar aufs Überleben gerichtet werden muss, sondern für Tätigkeiten genutzt werden kann, deren Funktion für die gesellschaftliche Lebenssicherung sich mitunter sehr viel später herausstellen kann. Die bekanntesten Beispiele sind die ersten Höhlenmalereien, bei denen die Jäger sich selbst und ihren Stammesmitgliedern die Gestalt ihrer Jagdbeute jederzeit symbolisch verfügbar machten und so wahrscheinlich die Effektivität der Jagd verbesserten. Auf der anderen Seite verloren sie, während sie dies taten, aber auch Zeit für die Jagd. Aus dieser möglich gewordenen Trennung von Handlungen von ihrer direkten Funktion für die gesellschaftliche Lebenssicherung leitet die Kritische Psychologie die gesamtgesellschaftliche Vermitteltheit von individuellen Handlungen und gesellschaftlicher Lebenssicherung ab (vgl. ebd., 193).

Damit hat auch die Bedürfnisbefriedigung von Menschen eine gesamtgesellschaftlich vermittelte Qualität. Das heißt: Die Bedürfnisbefriedigung ist dann bestmöglich verwirklicht, wenn Menschen nicht nur gegenwärtig ihre Bedürfnisse befriedigen können, sondern wenn auch ihre zukünftige Bedürfnisbefriedigung abgesichert ist. Dies wird dadurch erreicht, dass sie Einfluss darauf haben, wie dies gesamtgesellschaftlich vonstattengeht (vgl. ebd., 215). Deshalb ist die Verfügung über die gesellschaftlichen Vorsorgetätigkeiten ein jede Bedürfnisbefriedigung durchdringendes Bedürfnis. Gleichzeitig haben alle menschlichen Tätigkeiten durch ihre gesellschaftliche Vermitteltheit den Charakter, Möglichkeiten mit vielen Alternativen zu sein. Die Kritische Psychologie bezeichnet Tätigkeiten auf diesem menschlichen Entwicklungsniveau als Handlungen, weil darin einerseits die Tatsache gefasst ist, dass es gesamtgesellschaftlich Handlungsnotwendigkeiten zur gesellschaftlichen Lebenssicherung gibt, diese aber für die einzelnen Menschen immer nur Handlungsmöglichkeiten darstellen (vgl. ebd., 234ff.).

Aus dieser prinzipiellen Möglichkeit zum Eingehen oder Nichteingehen von Kooperation mit anderen Menschen, entwickelte sich ein zunehmend komplexeres psychisches Innenleben, in dem die Begründungen für realisierte oder geplante Handlungen handlungsleitend wurden. Durch die Dominanz von Begründungen wird das Erkennen der Handlungsgründe anderer Menschen zum Entwicklungsmaßstab für das Erkennen der eigenen Handlungsgründe. So entsteht die zwischenmenschliche Subjektivität, welche alle menschlichen Beziehungen auszeichnet (vgl. ebd., 238). Auf Basis des Verständnisses menschlicher Tätigkeiten als Handlungen wird in der Kritischen Psychologie die Verfügung der Individuen über ihre Lebenstätigkeit bei gleichzeitiger Teilhabe an der Verfügung über die gesellschaftliche Lebenssicherung als Handlungsfähigkeit bezeichnet (vgl. ebd., 241). Dabei wägen Menschen jeweils ihre Handlungsgründe gegenüber den von ihnen vorgefundenen Lebensbedingungen ab (vgl. ebd., 348). Das Kriterium für diesen Abwägungsprozess ist, welche Bedeutungen sie den Lebensbedingungen und den Handlungen anderer Menschen beimessen.

Grundlage jeglicher Handlungsfähigkeit ist die alltägliche Lebensführung. Diese umfasst tägliche Routinen, die zeitliche Priorisierung von Handlungen und die Abstimmung dieser Handlungen mit anderen Menschen (vgl. Holzkamp 1995, 820). Das eigentliche sich weiter entwickelnde Leben in Form sinnstiftender Handlungen, vorsorgender Planung und gesellschaftlicher Verfügung kann nur gelingen, wenn die alltägliche Lebensführung in ausreichendem Maße realisiert werden kann. Gleichzeitig kann die bloße Etablierung dieser grundsätzlichen Handlungen so viel Raum einnehmen, dass eingeübte Routinen kaum mehr in Frage gestellt werden, da dies ihre Aufrechterhaltung gefährden würde (vgl. Osterkamp 1995, 849). Die Handlungsalternativen werden durch die jeweilige Gesellschaftsformation geprägt.

2.2.2 Formationsspezifische Ausprägung der Handlungsfähigkeit

Um die Handlungsfähigkeit von Menschen näher zu untersuchen und aktualgeschichtlich zu bestimmen, wird in der Kritischen Psychologie davon ausgegangen, dass es verschiedene Gesellschaftsformationen gibt. Diese unterscheiden sich durch die Form ihrer Beziehungsverhältnisse in Bezug auf die gesellschaftliche Arbeitsteilung und die dabei entstehenden Produkte. Die aktuelle Formation ist demnach der, auf die Urgesellschaft, die Sklavenhaltergesellschaft und den Feudalismus gefolgte, Kapitalismus, welcher durch den Sozialismus/Kommunismus abgelöst werden wird (vgl. Holzkamp 1985, 199). In diesem Verständnis wurde die, durch die gesellschaftliche Vermittlung zwischen individueller Lebenstätigkeit und gesellschaftlicher Lebenssicherung frei gewordene, Zeit seit der Sklavenhaltergesellschaft von gesellschaftlichen Minderheiten dazu genutzt, die gesellschaftliche Mehrheit auszubeuten und zu unterdrücken.

Die Form dieser Ausbeutung und Unterdrückung ist die der Klassengesellschaft (vgl. Marx/Engels 1983, 10). Klassen sind durch ihre Position in der gesellschaftlichen Lebenssicherung gekennzeichnet und teilen sich in besitzende und kommandierende auf der einen Seite sowie unbesitzende und gehorchende Klassen auf der anderen Seite. Es herrscht zwar trotzdem die für die menschliche Gesellschaft allgemeingültige Arbeitsteilung, aber die Klassen kämpfen um den Anteil am hergestellten Produkt, indem die unterdrückten Klassen mehr ihrer Lebenszeit für den kleineren Anteil am Produkt verwenden als die herrschenden Klassen, die mit weniger Lebenszeit den größeren Anteil am Produkt in ihren Besitz bringen (vgl. Osterkamp 1975, 285). Dazu sind die unterdrückten Klassen gezwungen, ausgebeutet und unter dem Kommando der herrschenden Klassen, für diese zu arbeiten, da die herrschenden Klassen auch insgesamt den meisten Besitz an Produktionsmitteln auf sich vereinen. Produktionsmittel sind beispielsweise Grund und Boden sowie die Arbeitsgeräte wie Werkzeuge und Maschinen (vgl. Holzkamp 1985, 199). Das bedeutet, dass die Klassen durch gegensätzliche Interessen in der Arbeitsteilung vereint werden – Einheit und Kampf der Gegensätze.

Im Kapitalismus gehen die hergestellten Produkte in den meisten Fällen vollständig in den Besitz der besitzenden Klassen über. Von dem Verkaufserlös dieser Produkte erhalten die Ausgebeuteten einen Teil als Lohn. Im Durchschnitt muss das mindestens so viel sein, dass sie überleben und ihre Arbeitskraft wiederherstellen können. Um den Interessengegensatz zwischen herrschenden und beherrschten Klassen aufrechtzuerhalten, werden Menschen gebraucht, die im Interesse der herrschenden Klassen die beherrschten Klassen unterdrücken, da diese durch ihre Übervorteilung bei der Aufteilung der Produkte ein Interesse daran haben, diese Form der Arbeitsteilung zu überwinden. Dagegen haben die herrschenden Klassen ein Interesse daran, die aktuelle Gesellschaftsformation, also den Kapitalismus, aufrechtzuerhalten und Ausbeutung und Unterdrückung zu verewigen.

Im Kapitalismus vereint sich die Gruppe der Menschen zur Unterdrückung der Beherrschten hauptsächlich im Staatswesen, in dem sie durch juristische und physische Gewalt Herrschaft ausüben. Der Staat ist somit ein Organ der Klassenherrschaft der herrschenden Klassen (vgl. Lenin 1969, 9). In Bezug auf die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Arbeitsteilung üben die Mitglieder des Staatswesens aber auch kulturellen Einfluss aus, um den Konflikt zwischen Herrschenden und Beherrschten zu regulieren (vgl. Osterkamp 1975, 282f.). Dabei ist Unterdrückung nicht auf juristische und physische Gewalt beschränkt, sondern bezieht sich auf alle kritischen Tendenzen gegen herrschende Verhältnisse, Machtausübende und ihre Kultur (vgl. Osterkamp 1985, 172). Auch andere Gesellschaftsmitglieder, die nicht Teil des Staatswesens sind, können an Unterdrückung beteiligt sein, indem sie sich am kulturellen Einfluss zur Unterstützung der staatlichen Unterdrückung beteiligen.

Dennoch findet dies immer in einem grundlegenden Widerspruch statt: Da durch die klassenantagonistischen Besitz- und Produktionsverhältnisse im Kapitalismus die besitzenden Klassen ihr Kommando über die Produktion dafür verwenden, die Unbesitzenden sich in Konkurrenz zueinander als Arbeitskraft anbieten zu lassen, machen die miteinander Konkurrierenden gemeinsame Unterdrückungserfahrungen. Sie müssen sich aus unmittelbarer Not heraus denjenigen unterordnen, die das Kommando der Produktion haben, während sie damit einen anderen Menschen in ähnlicher Lage von Lohnzahlungen und damit von Geld als zentralem Verfügungsmittel im Kapitalismus ausschließen. Damit erhöhen sie ihr Ausgeliefertsein an die besitzenden Klassen und schwächen ihre Widerstandsbasis mit Menschen, die sich in der gleichen Lage wie sie befinden (vgl. Osterkamp 1980, 21). Diesen Widerspruch, der gleichzeitig unterschiedliche Handlungsalternativen bedeutet, fasst die Kritische Psychologie als Widerspruchspaar restriktive Handlungsfähigkeit und verallgemeinerte Handlungsfähigkeit.

2.2.3 Restriktive und Verallgemeinerte Handlungsfähigkeit

Verallgemeinerte Handlungsfähigkeit bedeutet in der Kritischen Psychologie die eigene Handlungsfähigkeit gemeinsam mit anderen Menschen zu erweitern. Dabei wird einerseits die Verfügung über die eigenen Lebensbedingungen in höherem Maße gesichert und andererseits ist man erweitert an der Verfügung über die gesellschaftliche Lebenssicherung beteiligt. Dies kann im Kapitalismus immer nur gegen die Herrschaft der besitzenden Klassen und ihre Verteidiger geschehen, da diese ein Interesse an der Aufrechterhaltung von Ausbeutung und Unterdrückung haben. Das bedeutet, man gerät bei jedem Versuch verallgemeinerte Handlungsfähigkeit zu realisieren in einen Konflikt mit den Herrschenden, einem ihrer Vertreter*innen oder ihrer Kultur. Dadurch drohen immer potenziell Sanktionen durch staatliche Gewalt, kulturelle Normierung, Isolation bis hin zum Entzug der Lebensgrundlage wie eines Arbeitsplatzes. Da es aber keinen statischen Zustand der verallgemeinerten Handlungsfähigkeit gibt, ist die Kategorie dafür gedacht, in jeder Situation die Handlungsoptionen, mit denen man seine Handlungsfähigkeit erweitern kann, herauszufinden (vgl. Holzkamp 1984, 104).

Aus Angst vor den drohenden Konflikten und Sanktionen besteht als Alternative zur verallgemeinerten Handlungsfähigkeit immer die Möglichkeit stattdessen auf dem bisherigen Niveau von Handlungsfähigkeit zu verharren. Diese Option wird in der Kritischen Psychologie restriktive Handlungsfähigkeit genannt. Bei dieser wird versucht, dem Konflikt mit den Herrschenden, ihren Vertreter*innen oder ihrer Kultur aus dem Weg zu gehen oder sich ihnen oder ihrer Kultur unterzuordnen (vgl. Holzkamp 1985, 370ff.). Da man aber dabei seine eigene Abhängigkeit von den Herrschenden sowie die Ausgeschlossenheit von Teilhabe an der Verfügung über die gesellschaftliche Lebenssicherung verstärkt, handelt man langfristig gegen die Sicherung der eigenen Handlungsfähigkeit. Das heißt, restriktive Handlungsfähigkeit ist als kurzfristige Absicherung um kurzfristiger Konfliktvermeidung willen zu betrachten. Darüber hinaus stärkt man durch dieses Verhalten die Unterdrückung der Herrschenden gegenüber anderen Beherrschten und beteiligt sich somit indirekt an der Unterdrückung anderer Menschen und an der Aufrechterhaltung und Festigung des Kapitalismus. Um restriktive Handlungsfähigkeit zu realisieren, muss die dabei entstehende Schädigung der eigenen langfristigen Interessen aus dem Bewusstsein verdrängt werden.

Die verdrängten Bewusstseinsinhalte bilden für die Kritische Psychologie das Unbewusste (vgl. ebd., 381). Deshalb lässt sich der Modus restriktiver Handlungsfähigkeit aber auch jederzeit wieder verlassen, da die verdrängten Inhalte durch Reflexion, Kritik anderer Menschen und Krisen wieder bewusst werden können (vgl. Osterkamp 1990, 165f.). Dies bedeutet aber wiederum, dass die mit den Bewusstseinsinhalten ebenfalls verdrängten Konflikte, Gefahren und befürchteten Sanktionen auch wieder bewusst werden. Die dabei entstehende Angst kann nur vollständig bewältigt werden, wenn man sich sicher ist, dass die eigene Handlungsfähigkeit weniger unter den Konflikten leidet, als wenn man die Verdrängung und Unterordnung aufrecht erhalten hätte. Eine Möglichkeit, diese Sicherheit zu gewinnen, sind Bündnispartner*innen.

Anton hat durch den Berufsbeginn als Sozialarbeiter versucht, seine Handlungsfähigkeit zu erweitern, musste aber bei seiner Bewerbung in Kauf nehmen, dass andere Bewerber*innen um die Stelle von dieser Möglichkeit, Geld zu verdienen, ausgeschlossen wurden. Damit hat er potenziellen Bündnispartner*innen im gemeinsamen Kampf um Verfügungserweiterung potentiell die Erweiterung ihrer Handlungsfähigkeit mit verbaut. Auch durch sein zurückhaltendes Agieren in der Einrichtung versucht er Konflikten aus dem Weg zu gehen, die seine Handlungsfähigkeit gefährden könnten, beispielsweise durch die Nichtverlängerung seines Vertrages. Er versucht restriktive Handlungsfähigkeit zu realisieren. Gleichzeitig versucht er sich darauf vorzubereiten, seine Handlungsfähigkeit zu erweitern, indem er gut beobachtet und seine Intervention plant. In Bezug auf Anna ist er, so lange er die ihm falsch vorkommenden Zuschreibungen ihr gegenüber toleriert, an dieser Unterdrückung ihrer gewollten Lebensvorstellungen durch die Team-Kolleg*innen beteiligt. Auf der anderen Seite versucht er den Weg der verallgemeinerten Handlungsfähigkeit zu wählen, da die Zuschreibungen der Kolleg*innen seiner Einschätzung nach möglicherweise auch zutreffen könnten und Anna ihm nur etwas vorspielt. Als er sich dafür entscheidet, die Zweifel zu überwinden und sich mit den Kolleg*innen zu streiten, setzt er sich der Gefahr aus, dafür sanktioniert zu werden, stößt aber mehr auf offene Ohren, was daraufhin deutet, dass die Kolleg*innen möglicherweise in Bezug auf Anna auf einen Anstoß von außerhalb ihrer bisher Anna gegenüber realisierten Handlungsfähigkeit gewartet haben. Es ist anzunehmen, dass sie, aufgrund ihrer mehrfach wiederholten und erfolglosen Versuche, Anna auf gleiche Weise zu einer Arbeit und einem strukturierten Lebenswandel zu motivieren, mit Anna selbst nicht weiterwussten. Möglicherweise haben sie ihre bisherige Handlungsfähigkeit nicht kritisch genug reflektiert, um dabei nicht in Konflikt zu ihren Vorstellungen eines sozialarbeiterischen Handwerkszeugs oder den Vorstellungen von Vorgesetzten oder der finanzierenden Behörde zu kommen.

Anna versuchte ihrerseits restriktive Handlungsfähigkeit zu realisieren, da sie die Angebote des Teams halbherzig wahrnahm, vorgab es zu versuchen und sie dann immer wieder abbrach. Dadurch versuchte sie dem Konflikt mit dem Team aus dem Weg zu gehen, das Team davon zu überzeugen ihr die Aufnahme der von ihr stattdessen gewünschten Tätigkeit zuzutrauen. Möglicherweise befürchtete sie, dass, wenn sie signalisieren würde, klare Vorstellungen von ihrem Leben zu haben, das Team weniger Rücksicht auf sie und ihre Schwierigkeiten nähme und sie in Überforderungssituationen nicht genug Hilfe erhielte. Gleichzeitig war sie dadurch daran beteiligt, das Team glauben zu machen, sie würde ihre Lebensziele nicht erreichen können und hat, ursprünglich mit dem Ziel sich einen Schutzraum zu sichern, sich in noch größere Abhängigkeit vom Team gebracht und somit ihrem Schutzraum wiederum dauerhaft die Grundlage verbaut, da das Team nun selbst ihren Schutzraum verletzt und ihr unpassende Vorgaben macht. Insoweit hat sie möglicherweise ebenso wie das Team auf einen äußerlichen Anstoß gewartet, um aus dieser sich wechselseitig bestärkenden Verstrickung herauskommen zu können und ihre Handlungsfähigkeit zu erweitern.

Die in diesen Handlungsalternativen bestehenden Formen der Motivation, der Emotionalität und des Denkens haben ebenfalls die Qualität restriktiv oder verallgemeinert sein zu können. Motivation hängt laut der Kritischen Psychologie davon ab, ob ein Ziel die eigene Lebensqualität und die Verfügung über die gesellschaftliche Lebenssicherung erweitert, ob dieser Umstand auch angemessen in den gesellschaftlichen Bedeutungszuweisungen repräsentiert ist und ob das Nichtvorhandensein eines solchen Umstands vom Individuum denkend erfasst werden kann (vgl. Holzkamp 1985, 411).

Im Modus der restriktiven Handlungsfähigkeit hat Motivation die Qualität von innerlichem Zwang (vgl. ebd., 412): Durch das Ausblenden von Konflikten und der Ursachen der dabei entstehenden Gefahren, beispielsweise das Interesse der Herrschenden an der Unterdrückung der Beherrschten, werden Verhaltensgebote verinnerlicht. Dadurch gewinnen sie für das Individuum den Anschein, eigene Wünsche und Interessen zu sein, da der Ursprung des jeweiligen Verhaltensgebotes sowie die Interessen, die hinter diesen stehen, verdrängt wurde.

Da im Modus der verallgemeinerten Handlungsfähigkeit der Ursprung von Verhaltensgeboten nicht verdrängt werden muss, weil mit den Herrschenden, ihren Vertreter*innen und ihrer Kultur in den Konflikt gegangen wird, können Ziele weitreichend bewusst und prüfend übernommen oder verworfen werden. Im Gegensatz zu der hohen motivationalen Irritierbarkeit unter den Bedingungen innerlichen Zwangs, entsteht so eine tendenziell unverbrüchliche und langhaltende Motivation gerichtet auf die mit anderen gemeinsam gesetzten Ziele. Ob die in den Konflikten befürchtete Gefahr hingenommen wird, hängt dabei zentral davon ab, ob die empfundene Unzulänglichkeit des bisherigen Lebens sowie die Vorhersehbarkeit von erreichbaren Verbesserungen der eigenen Lebensbedingungen groß genug sind. Dazu müssen die bisher erworbenen Fähigkeiten und ihre vermutete Entwickelbarkeit sowie die Kooperationsmöglichkeiten mit anderen Menschen hinreichend als vorhanden gesehen werden, um sich in diese Konflikte zu begeben (vgl. Osterkamp 1976, 75).

Anton war bereits bei der Aufnahme seiner Tätigkeit als Sozialarbeiter damit konfrontiert, für sich prüfen zu müssen, ob er sich hinreichend motiviert sah, in dieses Geflecht von Verpflichtungen, fremden Erwartungen, aber gleichzeitig auch von Lern-, Entwicklungs- und Verfügungsmöglichkeiten einzutreten. Einerseits benötigte er den Lohn, um sein Leben zu sichern, was einen verinnerlichten Zwang, der im Interesse der herrschenden Klassen durch das Staatswesen aufrechterhalten wird, darstellt. Andererseits hat er dies reflektierend möglicherweise entschieden, dass er den Zwang zur Lohnarbeit taktisch erfüllt, um den Lohn zu nutzen und in Konflikt mit den Herrschenden und ihren Vertreter*innen auf erweiterter Stufenleiter zu treten. Alle handlungsrelevanten Fragen seiner sozialarbeiterischen Tätigkeit sind von diesem Widerspruch in seiner Arbeitsmotivation durchzogen.

Anna ist in ihrer Handlungsfähigkeit soweit eingeschränkt, dass sie nicht allein wohnen kann und sich gleichzeitig nicht dazu durchringen kann, ihren zentralen Lebenswünschen nachzugehen. Wahrscheinlich ist sie sich unter anderem aufgrund des Zwangs zur Lohnarbeit selbst unsicher, ob sie in der Lage ist, eine Ausbildung zu bewältigen, die hauptsächlich darauf gerichtet ist, am Ende ihren Lebensunterhalt zu sichern. Sie spürt den verinnerlichten Zwang, verdrängt aber, oder hat Denkmuster gelernt, die diese Verdrängung zur Grundlage haben, die Verursacher des Zwangs. Ein bekanntes Denkmuster, welches Anna wahrscheinlich ebenfalls zur Verfügung steht, ist dabei die Vorstellung, den “..inneren Schweinehund” überwinden zu müssen. Dabei wird bereits ungeprüft vorweggenommen, dass es Handlungen gibt, zu denen man sich partout nicht motivieren kann, statt die Ursachen der Unmotiviertheit von allen Seiten zu beleuchten. Ergebnis dieses Denkmusters ist, den psychischen Energieaufwand zu erhöhen, um dem verinnerlichten Zwang Folge zu leisten und gleichzeitig genug Energie darauf zu verwenden, die Erkenntnisse um die Ursachen der Unmotiviertheit sowie ihre möglicherweise gefahrvollen konflikthaften Implikationen zu verdrängen. Dass Anna nun ihren inneren Schweinehund nicht überwinden konnte, hing entweder damit zusammen, dass die Absicherung, die sie in der Einrichtung erfuhr, noch groß genug war, um ihre Handlungsfähigkeit nicht durch eine Umwälzung ihrer Lebensweise grundsätzlich verändern zu müssen oder damit, dass sie bereits so handlungsunfähig geworden ist, dass ihr selbst die Energie für den Versuch, sich stärker zu zwingen, fehlte. Letztere Annahme erscheint im Angesicht ihrer insgesamt sich ausdrückenden starken Antriebslosigkeit vor dem Wechsel zur Aufnahme der von ihr gewünschten Tätigkeit wahrscheinlicher.

Die Kritische Psychologie sieht Emotionalität als eine individuelle Wertung der gesamten Lebenssituation, in der die Einzelnen sich befinden. Emotionen bilden das Zwischenglied zwischen Denken und Handeln und sind unmittelbar handlungsleitend (vgl. Holzkamp 1985, 403). Gleichzeitig sind sie damit auch potenzieller Ursprung von Erkenntnisbildung, da die emotionalen Wertungen denkend reflektiert werden können. Im Falle verallgemeinerter Handlungsfähigkeit entsteht eine angstfreie emotionale Bewertung der Umwelt und anderer Menschen. Dadurch können Begründungen anderer Menschen authentisch erkannt und es kann sich zu ihnen verhalten werden. Eine solche emotionale Wertung fühlt sich sicher an, sie stärkt Vertrauen in eigene zukünftige Handlungen und ist als Zuversicht spürbar.

Dagegen werden im Falle restriktiver Handlungsfähigkeit nicht nur die Verursacher von Zwängen, sondern auch die mit ihnen verbundenen Ängste und gegen sie gerichteter Ärger verdrängt. Dies ist in diesem Fall subjektiv notwendig, da sonst ein dauerhafter Widerspruch zwischen verdrängten Denkinhalten und der emotionalen Bewertung der Gesamtsituation bestehen würde. Dass eine solche Verdrängung oft nicht völlig gelingt, macht sich unter anderem in allgemeinen und ungerichteten Angstgefühlen bemerkbar. Bei diesen ist stark anzunehmen, dass begründete emotionale Wertungen von ihren Ursachen abgespalten sind, da die Denkinhalte ins Unbewusste verschoben wurden. Gleichzeitig werden neue, ungefährlichere Ziele für die Angst geschaffen, während die Emotionen durch die beigefügte Verdrängungsenergie an Intensität gewinnen (vgl. ebd. 404). Sich in dieser Weise von den eigenen Emotionen zu distanzieren, bedeutet die Fähigkeit einzuüben, Emotionen als Instrument einsetzen zu können. Damit können Emotionen auch willentlich verstärkt und als Belohnung und Strafe genutzt werden (vgl. ebd., 408f.).

Anton hat mit seinem Arbeitsbeginn in der Einrichtung mit zahlreichen möglichen Ängsten zu tun. Ist er zu unerfahren, zu unsensibel, zu übergriffig, zu zurückhaltend, überempfindlich oder konfliktscheu? Erfüllt er die an ihn gestellten Erwartungen und Vorgaben? Da er immer befürchten muss, durch falsches Verhalten im Team isoliert zu werden oder auf lange Sicht seinen Arbeitsplatz zu verlieren, fühlt er sich beobachtet. Dies entspricht zwar den Tatsachen, da das Team ihn wie jede*n neue*n Kolleg*in beobachtet und einschätzen will, aber seine Reflektion dieser Befürchtungen verbleibt wahrscheinlich innerhalb des für ihn unmittelbar Befürchtungen auslösenden Raumes der Einrichtung statt den Erwartungsdruck, der auf seinen Kolleg*innen bezüglich der Integration eines neuen Kollegen lastet, ausführlich mitzureflektieren. Da die Arbeitstätigkeit aber innerhalb einer Klassengesellschaft mit einem Gewalt ausübenden Staat stattfindet und von den kulturellen Einflüssen der Herrschenden und ihrer Vertreter*innen durchzogen ist, führt er seine Befürchtungen nicht dauerhaft auf diesen Zusammenhang zurück. So bleibt ihm tendenziell verschlossen, dass die Team-Mitglieder ebenfalls mit diesen Befürchtungen zu kämpfen haben und ihrerseits die kulturelle Übernahme von Einflüssen herrschender Denkformen nicht dauerhaft reflektieren. So ist die Team-Atmosphäre von Zurückhaltung und Misstrauen geprägt, es spricht aber niemand darüber. Diese Atmosphäre wird noch dadurch verstärkt, dass die Quellen des Misstrauens, beispielsweise die juristische Sanktionsstruktur des Staates bei sozialarbeiterischem Fehlverhalten, nicht grundsätzlich thematisiert werden. Dadurch wird das Gefühl, beobachtet zu werden, aber mit niemandem darüber sprechen zu können, dynamisiert. Der Ärger darüber in dieser Situation teilweise handlungsunfähig zu sein, wird aber nicht gemeinsam besprochen, sondern eher verinnerlicht und mit nach Hause genommen, um dort mit Vertrauten thematisiert zu werden, die einem nicht so gefährlich für die eigene Position im Team zu sein scheinen. Im schlimmsten Fall werden die Angst und der Ärger so stark verinnerlicht, dass eine Gefühlslage der unbestimmbaren Angst den Alltag der Team-Mitglieder durchzieht.

Annas Emotionalität war ebenfalls im weitesten Sinne restriktiv: Sie wohnt in einer Wohneinrichtung mit nicht selbst gewählten Mitbewohner*innen und Betreuer*innen, hatte keine Lebensperspektive und verbrachte ihre Zeit antriebslos in ihrem Zimmer. Weder konnte sie so zu den Ursachen ihrer täglichen allgemeinen Angst vordringen noch dies mit jemandem thematisieren. Das Team war für sie eine sie kontrollierende und überwachende Gruppe, das sie sogar durch unpassende Handlungsanweisungen zu für sie nicht sinnvoll erscheinendem Verhalten drängen wollte. Der Ärger über diesen äußeren Zwang wurde von ihr verinnerlicht und hat zunehmend Energien in ihrem Alltag gebunden. Dies hat die Antriebsarmut, die aus den mangelnden Zielvorstellungen resultierte, noch verstärkt. Erst mit dem Wechsel zur Aufnahme der von ihr gewünschten Tätigkeit konnte sie ihre Energien zurückgewinnen, sich auf eine dauerhafte Arbeit konzentrieren und ihre alltägliche Angst reduzieren. Zwar war ihr in der kurzen Zeit nicht möglich, die tiefer liegenden Widersprüche ihrer Ängste in der Klassengesellschaft und der staatlichen Gewaltstruktur geistig hinreichend zu erfassen, aber mit der Erkenntnis, dass sie zur Arbeit gezwungen wird, wenn sie mit diesen Widersprüchen nicht einverstanden ist, war sie einer adäquaten Erkenntnis der Realität ein Stück näher gekommen.

Das Denken ist laut der Kritischen Psychologie die zentrale Form, um Erkenntnisse zu gewinnen (vgl. ebd., 383). Das bedeutet, es bildet die Grundlage, um zwischen verallgemeinerter und restriktiver Handlungsfähigkeit entscheiden zu können. Im Modus verallgemeinerter Handlungsfähigkeit wird Denken als Begreifen bezeichnet (vgl. ebd., 395). Dabei werden die Widersprüche der Gesellschaft, die Quellen von Angst und Ärger sowie die Konflikte mit anderen Menschen tendenziell adäquat begriffen. Auch Teilerkenntnisse und teilweise adäquat gedanklich reflektierte Realwidersprüche sind im Modus verallgemeinerter Handlungsfähigkeit möglich. Entscheidend hierfür sind das Lernen von realitätsadäquaten Denkformen und Bündnis-Beziehungen zu anderen Menschen, mit denen gemeinsam sich beispielsweise gegen die Herrschenden und ihre Vertreter*innen gewandt werden kann. So wird die Verdrängung der mit diesen Konflikten verbundenen Gefahren unnötiger.

Dagegen wird Denken im Modus restriktiver Handlungsfähigkeit als Deuten bezeichnet (vgl. ebd., 388). In diesem werden Konflikte verdrängt, Gefahrquellen nicht gesehen und gesellschaftliche Widersprüche verkürzt reflektiert. Dadurch werden Informationen einseitig bewertet und die Umgebung wird eher oberflächlich wahrgenommen, um direkt mit ihr interagieren zu können. Diese Unmittelbarkeit ist funktional für ein zeitnahes Reagieren auf Gefährdungen der eigenen Handlungsfähigkeit, da die mangelnde Reflektion der tiefergehenden Ursachen von angstvollen Zuständen mitunter eine spontanere Handlungsfähigkeit ermöglicht. Dabei geraten aber wiederum die langfristige Selbstschädigung und die Entwicklungsbehinderungen anderer Menschen aus dem Blick. Ein Aspekt dieser verkürzten Sicht- und Handlungsweise ist die Personalisierung gesellschaftlicher Widersprüche. Durch sie wird das Handeln anderer Menschen vordergründig aus ihrem Charakter oder rein aus ihrem Willen heraus statt in Bezug zu gesellschaftlichen Widersprüchen erklärt. So werden gemeinsame Interessen und Konflikte zwischen Interessensgruppen schwieriger gedanklich abbildbar.

Anton hat aufgrund der vielen neuen Eindrücke Schwierigkeiten, die Widersprüche in der Einrichtung gedanklich zu erfassen. Dazu ist weder auf den Team-Sitzungen noch in der Supervision, an der er aufgrund seiner Teilzeittätigkeit kaum teilnehmen kann, Raum für ihn gemeinsam mit seinen Kolleg*innen diese Reflexion zu realisieren. Auch seine private Reflexion kann, da in ihr die Seiten und Eindrücke der Kolleg*innen fehlen, nur unvollständig sein. Hinzu kommen verkürzte Denkformen, dass Sozialarbeiter*innen prinzipiell innerhalb ihrer Einrichtung und unter den bestehenden Vorgaben weitestgehend funktionieren müssten statt Entwicklungsbehinderungen am Arbeitsplatz offen und sobald sie gedanklich erfasst werden, zu thematisieren. Beispielsweise ist die für Betreute geschlossene Team-Sitzung bereits ein Merkmal dieser verkürzten Denkform, da in ihr vorweggenommen ist, dass es einen privaten Besprechungs- und Entscheidungsraum getrennt von den Betreuten, also auch über die Köpfe der Betreuten hinweg, bräuchte. Die Funktion, von den Sozialarbeiter*innen erfasste Entwicklungsbehinderungen so lange nicht zu thematisieren und zu verschweigen, bis man sie in der sicheren Sitzung thematisieren kann, ist offensichtlich. Wenn die Sitzung dann diesen Raum ebenfalls nicht bietet, gibt es zumindest innerhalb der Einrichtung keine Möglichkeit mehr, gedankliche Klarheit zu entwickeln. Ebenfalls ist die Zurückhaltung der Kolleg*innen bei der Beratung über ihre Arbeit mit den Betreuten ein deutliches Signal an Anton, dass diese ebenfalls gedankliche Verkürzungen zu Gunsten direkterer sozialarbeiterischer Tätigkeit mit den Betreuten praktizieren. Dass diese Tätigkeit dann auch verkürzte Effekte hat, merkt Anton beispielsweise an der Arbeit mit Anna.

Anna befand sich in ihrer antriebslosen Phase in einer Situation der verunmittelbarten Alltagsbewältigung. Über die Aufrechterhaltung ihrer grundständigen Lebenssicherungstätigkeiten hinaus hat sie wenig getan. Auch sah sie sich genötigt, die Denkformen der Wohneinrichtung wie Ruhezeiten, Hygienemaßstäbe, Interaktionsniveau zumindest als ihr selbst gegenüber wirkmächtig anzuerkennen. Gleichzeitig hat sie wenig über die Hintergründe der Denkformen nachdenken können, da in der sozialarbeiterischen Tätigkeit unter anderem aufgrund von fehlender Zeit unüblich ist, den Betreuten Einsicht in alle Entscheidungskriterien hinter Regeln und tradierten Handlungsmustern zu geben. Dazu war Anna durch ihre Energielosigkeit sowie das Beschäftigtwerden mit für sie unpassenden Tätigkeiten kaum in der Lage, sich gedanklich einen realitätsadäquaten Begriff ihrer Wünsche und Ängste zu machen, geschweige denn diese zu artikulieren. Mit dem Wechsel der Tätigkeit und dem Wegfall eines Teiles der Gehetztheitsgefühle wurden neu gedankliche Kapazitäten zur reflektierteren Interaktion mit dem Team, ihren Mitbewohner*innen sowie ihren sonstigen Bezugspersonen wie Eltern und Freund*innen frei.

Alle beschriebenen Motivations-, Emotions- und Denkformen werden in der psychischen Entwicklung des Menschen angeeignet und verändert.

2.2.4 Die psychische Entwicklung

Die Kritische Psychologie unterscheidet die psychische Entwicklung des Menschen in verschiedene Entwicklungszüge, die nacheinander abgeschlossen werden (vgl. ebd., 421). Fortschritte innerhalb der Entwicklungszüge finden durch die körperliche Auseinandersetzung mit der Umwelt statt, in der die eigenen körperlichen und sozialen Fähigkeiten eingeübt werden. Gleichzeitig bilden die Widerstände der Umwelt gegen die körperlichen Einwirkungen sowie die Reaktionen anderer Menschen die Reflektionsfläche, um die eingeübten Fähigkeiten zu entfalten. So wird ein stetig höheres Niveau an Handlungsfähigkeit erreicht (vgl. ebd., 437).

Der erste Entwicklungszug ist die individuelle Bedeutungsverallgemeinerung (vgl., ebd., 423). In dieser werden Bedeutungen von Handlungen, Gegenständen und Beziehungsinteraktionen durch das Kind erlernt (vgl. ebd., 441f.). Dadurch kann das Kind die Bedeutungen von Handlungsgründen anderer Menschen zunehmend deuten und sich so in seiner weiteren Entwicklung die Handlungsgründe erschließen. Durch das Erlernen der Gegenstandsbedeutungen und ihrer Gebrauchsintentionen lernen Kinder die falsche Verwendung dieser Gegenstände durch Erwachsene zu kritisieren und zu korrigieren. So bilden sie die Grundlage für eine von den Erwachsenen getrennte Einschätzung der sie umgebenden Welt. Ebenfalls lernen Kinder durch den gemeinsamen Gebrauch von Gegenständen mit ihrem Handeln für andere Menschen Bedeutung zu haben. Gleichzeitig erfahren die Kinder die ersten Widerspruchsformen der Alternative restriktiver und verallgemeinerter Handlungsfähigkeit, insbesondere, wenn sich Erwachsene aus für Kinder unerfindlichen Gründen für bestimmte Verhaltensweisen entscheiden. So sehen Kinder denkende Verdrängung, restriktive Emotionalität und verinnerlichten emotionalen Zwang an den Erwachsenen und übernehmen teilweise deren Denkformen, emotionale Regulierungs- und Motivationsmuster.

Der zweite Entwicklungszug heißt Unmittelbarkeitsüberschreitung (vgl. ebd., 480). In dieser erfahren Kinder, dass die Wohnung, die für sie Lebensmittelpunkt ist, auch für andere Menschen ein solcher ist. Ebenfalls lernen sie den Kindergarten und die Schule als weitere Lebensmittelpunkte kennen (vgl. ebd., 483f.). So können sie verstärkt eine geistige Distanz zu ihrer Wohnung und den dort lebenden Personen aufbauen. Die ersten Einsichten in die gesamtgesellschaftliche Vermitteltheit von individueller Lebensweise und gesellschaftlicher Lebenssicherung werden gebildet. Die Kinder erkennen zunehmend ihre eigene gesellschaftliche Abgesichertheit durch das Handeln anderer Menschen sowie dadurch ihre eigene potenzielle Bedeutung für die Abgesichertheit anderer Menschen. Da die Denkformen des Kapitalismus aber davon durchzogen sind, dass die Individuen zwar relevante Funktionen der gesellschaftlichen Lebenssicherung übernehmen sollen, dabei aber kaum Teilhabe an der Verfügung über die relevanten Lebensbedingungen haben, soll sich das Kind auch zunehmend an die Lebensweise der Beherrschten anpassen und sich den Herrschenden, ihren Vertreter*innen und ihrer Kultur unterordnen.

Der letzte Entwicklungszug heißt Handlungsfähigkeitsreproduktion (vgl., ebd., 480). Diese umfasst das, was gemeinhin als Erwachsenwerden bezeichnet wird. Zentral sind dabei die individuelle Sicherung der eigenen Lebensweise sowie die Teilhabe an der gesellschaftlichen Lebenssicherung. Da damit die Ein- und Unterordnung in die Klassengesellschaft und die mehrheitlich vorgegebene Existenz als Teil der Beherrschten verbunden sind, wird dieser Entwicklungszug auch als Bruch gegenüber den vorherigen angesehen (vgl. Wetzel 1983, 71).

Anton hat die drei Entwicklungszüge abgeschlossen und befindet sich kurz nach seiner Etablierung in einer Situation der Beteiligung an der gesellschaftlichen Lebenssicherung. Er verdient Geld, kann sein eigenes Leben sichern und ist psychisch über die Phasen der Unmittelbarkeitsüberschreitung und der Bedeutungsverallgemeinerung weit hinaus. Gleichzeitig ist seine Etablierung gefährdet, da er noch neu in der Arbeitsstelle ist. Besonders der Verlust des Arbeitsplatzes sowie die damit verbundene potenzielle Isolation schränkt seine expansive Aneignung der neuen Lebenssituation ein, da er viel Energie darauf verwenden muss, neue Eindrücke zu verarbeiten und ebenso darauf, sich so zu verhalten, dass er nicht sanktioniert wird. Gleichzeitig lenkt der Fokus auf die Absicherung der Etablierung davon ab, dass er wenig an der Verfügung über die gesellschaftliche Lebenssicherung teilhat. Er ist nicht an den sozialpolitischen Entscheidungen beteiligt, die seinen Arbeitsplatz unmittelbar reglementieren sowie auch nicht an betriebsratlicher oder ähnlicher Gestaltung der direkten Arbeitsbedingungen seiner Tätigkeit. Der einzige Ansatzpunkt zur Gestaltung der Arbeitsbedingungen ist zurzeit die Team-Sitzung. Diese von Verfügung weitestgehend ausgeschlossene Existenz ist typisch für den Kapitalismus und stellt Anton vor die Schwierigkeit, Ängste vor beispielsweise großen Kürzungswellen im Zuge staatlichen Sozialabbaus nicht bearbeiten zu können. Ähnlich wie die anderen Team-Mitglieder muss er früh lernen, mit dieser Situation zurechtzukommen und sich überlegen, was er dagegen tun kann.

Anna hat ebenfalls die Entwicklungszüge der Unmittelbarkeitsüberschreitung sowie der Bedeutungsverallgemeinerung abgeschlossen und befindet sich in der Vorbereitung des Abschlusses der Handlungsfähigkeitsreproduktion. Sie ist zwar volljährig, hat aber die sozialen Bedingungen einer Erwachsenen noch nicht aneignen können. Sie wohnt nicht in einer eigenen, sondern in einer betreuten Wohnung, hat keine Arbeit, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen und gestaltet ihren Alltag nicht allein, sondern innerhalb der Vorgaben des Einrichtungs-Teams. Sie ist zwar ähnlich wie Anton von der Teilhabe an der Verfügung über die gesellschaftliche Lebenssicherung ausgeschlossen, hat aber nicht mal ein eigenes Einkommen, mit dem sie ihr individuelles Leben ihren Wünschen gemäß gestalten kann. Mit dieser Abhängigkeitssituation ist bei ihr ein grundsätzliches Lebensgefühl der Verunsicherung verbunden. Auch der Versuch, den Entwicklungszug der Handlungsfähigkeitsreproduktion abzuschließen, indem sie eine lebenssichernde Tätigkeit aufnimmt, wurde vom Einrichtungs-Team durch ihre unpassenden Angebote bisher eher behindert als befördert. Dadurch wurden ihre ohnehin durch die verunsichernde Lebenssituation bereits angestrengten Energiereserven weiter belastet, was den Bruch mit den bisherigen Entwicklungszügen stark erschwerte. Erst mit der Aufnahme der von ihr gewünschten Tätigkeit hat sie, trotz der damit verbundenen antizipierbaren Lebenssituation einer Beherrschten im Kapitalismus, den entscheidenden Schritt hin zur Selbstständigkeit gemacht.

Als weitere Spezifizierung der individuellen Existenz dienen in der Kritischen Psychologie die Kategorien der Position und der Lage.

2.2.5 Position und Lage

Als Position wird die jeweilige Verortung innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung verstanden. Dabei geht die Kritische Psychologie von historisch herausgebildeten und für die gesellschaftliche Lebenssicherung notwendigen Arbeiten aus, die als gesellschaftliche Gesamtarbeit realisiert werden müssen (vgl. ebd., 196). Gemeinhin werden die Denk- und Handlungsformen bestimmter, anhand ähnlicher Arbeitsinhalte tradierter, Positionen auch als Berufe bezeichnet. Ein grundsätzliches Merkmal der Position der Mehrheit der Menschen im Kapitalismus ist das der Lohnabhängigkeit. Diese ist gekennzeichnet durch: Die Arbeit unter dem Kommando anderer Menschen, von denen Leistungsdruck ausgeübt wird, von der Konkurrenz zwischen den Lohnabhängigen und der Gefahr des Arbeitsplatzverlustes sowie von der kulturellen Legitimation, dass diese Situation zwar hart, aber alternativlos sei (vgl. ebd., 196).

Durch die so täglich reproduzierte Arbeitsteilung als Ausbeutung und Unterdrückung der Mehrheit der Lohnabhängigen durch eine Minderheit an Besitzenden und Kommandierenden bilden sich Denkmuster heraus, die diese für die Lohnabhängigen selbstfeindliche Lebenssituation der Dauerkonkurrenz legitimieren. Beispielsweise ist die Vorstellung, dass die Schädigung von Körper und Psyche ein notwendiger Preis der Freiheit, sich durch Geld potenziell alles und jeden kaufen zu können, sei, einerseits die Anerkennung von Ausbeutung und Unterdrückung und andererseits die Integration der Kritik an derselben. Dennoch bleibt die dauerhafte Verunsicherung und die damit verbundene Angst, das oberste Lebensbedürfnis der Teilhabe an der Verfügung über die gesellschaftliche Lebenssicherung nicht zu befriedigen, bestehen.

Anton realisiert die Position eines Sozialarbeiters und hat seine Lohnabhängigkeit tendenziell anerkannt, mit allen damit verbundenen Lebensmöglichkeiten und Verunsicherungen. Er legitimiert damit einerseits das System der Lohnabhängigkeit gegenüber den Menschen, mit denen er in Beziehung steht und hat andererseits bestimmte dafür nötige Denkformen angeeignet. Seine gewählte Ausprägung der Form, Lohnarbeit als Preis für Freiheit zu leisten, ist aber insoweit spezieller, da er nicht die Haltung einnimmt, dass es gänzlich egal ist, welcher Arbeit man nachgeht, um Geld zu erhalten, sondern seiner Auffassung nach ist es aussichtsreicher, eine Tätigkeit zu wählen, für die man sich interessiert. Diese Denkform wendet er beispielsweise gegenüber Anna an.

Anna realisierte noch keine eigenständige Position im Kapitalismus und nahm damit die Position einer Arbeitslosen ein. Diese ist mit einer noch größeren Abhängigkeit von anderen Menschen, die einen finanzieren oder einem staatliche Finanzierung gewähren, verbunden. Ihre Denkform ist zwar ähnlich akzeptierend gegenüber dem gesellschaftlich abgesicherten Zwang zur Lohnarbeit, da sie diese Position aber bisher nicht realisierte, zeigt sich zumindest eine Teilablehnung der inhaltlich unbezogenen Erfüllung dieses Zwanges. Damit steht sie Antons Haltung, dass es darauf ankommt, dass einen interessiert, in welcher Arbeit man sich ausbeuten und unterdrücken lässt, nahe.

Alle weiteren, nicht unmittelbar positionsbezogenen, Eigenschaften der Lebenssituation von Menschen werden in der Kritischen Psychologie als Lage bezeichnet (vgl. ebd., 197). Diese ist vor allem durch die Lebensgemeinschaft geprägt. Die vorherrschende Lebensgemeinschaft im Kapitalismus ist die Familie. Sie dient laut der Kritischen Psychologie der Organisation der alltäglichen Lebensführung, der Wiederherstellung der Arbeitskraft sowie der kulturellen Bildung (vgl. Holzkamp 1973, 255). Einerseits wird dadurch die Handlungsfähigkeit der Familienmitglieder erweitert, da sie sich bei ihrer individuellen Lebenstätigkeit unterstützen und gegenseitig stützen können. Andererseits kostet die Abstimmung der Familientätigkeiten Zeit und im Falle von ungelösten Konflikten mitunter viel Energie. Gleichzeitig wird die Familie, durch ihre Funktion, die Arbeitskraft wiederherzustellen, mitunter zum eigentlichen Lebenszentrum, wenn die Familienmitglieder in ihrer Arbeit wenig Sinn sehen und sich dort isoliert fühlen (vgl. Dreier 1980, 98). Dadurch wird die Familie als gewollter Ort der Sinnstiftung mit Erwartungen überfrachtet, da die Teilhabe an der Verfügung über die gesellschaftliche Lebenssicherung über die Familie nicht grundsätzlich zu erhöhen ist. So werden Frust über die eigene Verfügungslosigkeit oder Enttäuschungen im Falle gescheiterter Versuche, das gemeinsame Leben zu verbessern, auf die Familie gerichtet und die Familienmitglieder überfordert (vgl. ebd.).

Diese Abkehr von der Realisierung eines erfüllten Lebens im zentralen Bereich der individuellen Lebenstätigkeit, der Arbeit in einer Position, geht oft mit einer Abkehr vom Prinzip der Anerkennung von Leistungen einher. Dadurch werden auch in der Familie die Familienmitglieder nicht für ihre Handlungen geschätzt, sondern teilweise ihrer möglicherweise schädigenden und stark belastenden Handlungen zum Trotz (vgl. ebd., 106). Dadurch wird die Beziehung zwischen den Familienmitgliedern extrem brüchig, da es häufig keine gemeinsame dritte Sache gibt, auf die man sich beziehen kann. Dies senkt wiederum ihre Verlässlichkeit und Dauer und macht sie noch weniger geeignet dafür, ein Ort der Sinnstiftung zu sein.

Abgesehen von Antons Lebensgemeinschaft außerhalb der Einrichtung, erfüllt er innerhalb der Einrichtung während seiner Dienstzeit zentrale Funktionen eines Familienmitgliedes: Er trägt Sorge dafür, dass die Hausarbeit erledigt wird, die Küche und das Bad regelmäßig gereinigt sind, die Betreuten sich mit Essen versorgen können, er bildet die Betreuten kulturell und er unterstützt die Betreuten in ihrer alltäglichen Lebensführung. Gleichzeitig ist er dadurch mit Sinnerwartungen der Betreuten konfrontiert, dass diese für die Erledigung der Hausarbeit sowie für die Realisierung ihrer alltäglichen Lebensführung Anerkennung erhalten. Dazu bilden die Betreuten Anton ebenfalls kulturell. Beispielsweise sind die Regelmäßigkeit der Hausarbeit selbst Ort der Auseinandersetzung um die Hauskultur. Da diese Tätigkeiten aber insoweit alle in einem familienähnlichen Rahmen verbleiben und die positionsrelevanten Tätigkeiten von den Betreuten üblicherweise inhaltlich vordergründig ohne das Einrichtungs-Team realisiert werden, ist die Beziehung zwischen Team und Betreuten unter dem Strich sehr brüchig und von leistungsunbezogenen Beziehungsinteraktionen geprägt.

Anna ist ihrerseits auf der Seite der Betreuten Teil der familienähnlichen Situation. Sie soll zwar die Organisation ihrer alltäglichen Lebensführung lernen und kulturelle Bildung erhalten, da die Tätigkeiten aber nicht direkt auf ihre Aneignung einer gesellschaftlichen Position oder die Wiederherstellung ihrer Arbeitskraft für diese gerichtet sind und sie somit auch keine eigenständige Existenz aufbauen kann, empfindet sie ihr Leben in der Einrichtung teilweise als sinnentleert. Dadurch wird ihre Energiearmut durch die Situation der mangelnden Zielorientierung wiederum durch die wenig sinnvolle Gestaltung des Alltags und die wenig auf eine gemeinsame dritte Sache bezogenen Beziehungen innerhalb der Einrichtung bestärkt. Auch das Erlernen von Kriterien, wann man für seine Tätigkeiten geschätzt wird und wann nicht, wird ihr so erschwert, da das Einrichtungs-Team ihr zwar positive Rückmeldungen für erledigte Hausarbeit oder Ähnliches gibt, aber da diese Tätigkeiten gesellschaftlich kaum anerkannt sind und auch keinen Lohn einbringen, wird sie das Gefühl nicht los, dass ihre aktuelle Lebenstätigkeit ihre Eigenständigkeit nicht befördern wird.

Eine weitere zentrale Ausprägung der Lage bilden die geschlechterbezogenen Handlungs- und Denkformen. Frauen werden laut der Kritischen Psychologie traditionell auf ihre Sexualität und das Gebären von Kindern reduziert und für diese Reduzierung diskriminiert und verachtet (vgl. Osterkamp 1987, 213). Dazu werden sie auf die Handlungen als Hausfrau festgelegt. Dies umfasst Hausarbeit, welche als sich wiederholende Routine viel Zeit in Anspruch nimmt und durch die Lebensrhythmen der Familienmitglieder zeitlich fremdbestimmt wird (vgl. Dreier 1980, 131ff.). Gleichzeitig sollen Hausfrauen die Gemeinschaft der Familie stärken, obwohl sie die zentralen Lebenstätigkeiten der anderen Familienmitglieder, beispielsweise in der Lohnarbeit oder in der Schule, nicht miterleben (vgl. ebd., 190). Das stärkt die bei der Familie beschriebenen Konsequenzen, dass die Familie mit der Erwartung ein Ort der Sinnstiftung zu sein, überfordert wird, da das Familienmitglied, was den Haushalt zentral organisiert von der Teilhabe an der Verfügung über die gesellschaftliche Lebenssicherung noch stärker ausgeschlossen wird. Dazu soll die Hausfrau Konflikte in der Familie lösen oder, wenn sie unlösbar sind, unsichtbar werden lassen (vgl. ebd.). Da beispielsweise Konflikte, die in der Lohnarbeit entstehen, kaum innerhalb der Familie lösbar sind, bringt dies Frauen, an die solche Erwartungen angelegt werden, dazu, sich zwischen der Entleerung ihrer Beziehung zu den Familienmitgliedern durch Konfliktvermeidung oder der Störung der Beziehung durch das Ansprechen unlösbarer Konflikte entscheiden zu müssen. Zusätzlich ist das Verhältnis von Frauen zu Männern durch ihre ökonomische Schlechterstellung von einer starken Abhängigkeit geprägt.

Männern wird im Kapitalismus traditionell die Handlungsform des Ernährers zugewiesen, während die Wiederherstellung ihrer Arbeitskraft der Frau im häuslichen Bereich zugeschrieben wird. Damit geht eine tendenzielle Nichtbeteiligung an der Hausarbeit einher. Stattdessen sollen sie schnell und harsch Probleme lösen (vgl. ebd., 65). Während Männer also in ihrer Lohnarbeit wenig Teilhabe an der Verfügung über die gesellschaftliche Lebenssicherung realisieren und die Arbeit deshalb als wenig sinnstiftend erleben, sollen sie sich auch nur wenig an der Beziehungsarbeit im Haus beteiligen. Damit wird Männern zusätzlich der Versuch, die Familie zu einem Ort der Sinnstiftung zu machen, weniger nahegelegt, was dazu führt, dass sie im Extrem zwischen Arbeit und Familie hin und her pendeln und sich in der Verwirklichung ihrer Lebensinteressen als grundsätzlich gehemmt erleben (vgl. ebd., 104).

Anton gehört als Mann zwar im Durchschnitt zum besser bezahlten Geschlecht, ist als Sozialarbeiter aber aufgrund der dem Tarifvertrag der Länder angepassten Lohnstruktur den weiblichen Kolleginnen gleichgestellt. Ebenfalls umfasst sein Tätigkeitsinhalt Beziehungs- und Hausarbeit, was bedeutet, dass er für traditionell Frauen zugeschriebene Arbeit bezahlt wird. Damit ist er aber gleichzeitig mit dem Problem konfrontiert, dass die nicht auf die Teilhabe an der Verfügung über die gesellschaftliche Lebenssicherung gerichtete Hausarbeit als der Tätigkeitsinhalt seiner Lohnarbeit die Sinnentleerung dieser Lohnarbeit verstärkt. Er bildet zwar Menschen, die wiederum an der Verfügung über die gesellschaftliche Lebenssicherung teilhaben können, da diese aber höchstwahrscheinlich ebenfalls eine Existenz als Beherrschte wahrnehmen werden, ist die mit dieser Bildung verbundene Verfügungserweiterung nur sehr begrenzt.

Anna hat dem traditionellen Frauenbild gemäß keine Lohnarbeit und verbringt ihren Alltag mit Hausarbeit. Zwar muss sie keine Hausarbeit für ihre Familienmitglieder leisten, aber sie hat dementsprechend auch keine täglichen Beziehungsinteraktionen mit solchen. Sie ist dadurch, dass sie in der Einrichtung wohnt, tendenziell mehr von sexuellen Erwartungen an ihre sexuelle Verfügbarkeit oder ihre Gebärfähigkeit abgeschirmt, nimmt diese Erwartungen aber weiterhin als gesellschaftlich verbreitet wahr. Auch sie muss zwischen dem Aufnehmen einer das Leben eigenständig sichernden Lohnarbeit und dem Heiraten eines ausreichend verdienenden Mannes entscheiden. Die Tatsache, dass das Einrichtungs-Team ihr unpassende Vorgaben bezüglich der Aufnahme einer Tätigkeit hin auf den Erhalt einer Lohnarbeit macht, erinnert ebenfalls stark an die Fremdbestimmung, die Hausfrauen in ihrer Hausarbeit erleben. Auch dort bestimmen andere Menschen den zeitlichen Verlauf der Hausarbeit als zentralem Lebensinhalt der Hausfrau.

Im Weiteren soll untersucht werden, wie Sozialarbeiter*innen kulturellen Einfluss ausüben und damit die beschriebenen Handlungs- und Denkformen im Kapitalismus gestalten.

3 Hegemonie – Funktionen Sozialer Arbeit

Um den kulturellen Einfluss zu untersuchen, wird, dem Hinweis des Holzkamp-Schülers und Professors für Psychologie, Morus Markard, folgend (vgl. Markard 1999, 50ff.), auf Antonio Gramscis (1891—1937) Konzept der Hegemonie zurückgegriffen. [Anm. d. Red.: Der Teil zur Hegemonie inkl. des Kapitels 3.1 wurde an dieser Stelle gekürzt, da er dem Inhalt nach bereits in folgenden Artikeln veröffentlicht wurde: https://kritischewissenschaft-heute.de/2019/06/23/gramsci/ sowie http://kritischewissenschaft-heute.de/2019/06/24/alltagsverstand/ Alle folgenden Begriffe sind dort nachzulesen. Die Analyse arbeitet unmittelbar mit ihnen und knüpft an sie an.]

Das Sozialwesen – verankert im Grundgesetz und anknüpfenden Gesetzen – wird durch die juristische und polizeilich-militärische Gewalt der politischen Gesellschaft gesichert. Damit ist es Teil des Staates. Es dient der führenden herrschenden Klasse dabei, den Konsens der Bevölkerung mit der herrschenden Politik und Kultur zu sichern. Dies geschieht durch die, für den Konsens eigentümliche, materielle Beteiligung der Beherrschten am gesellschaftlich erwirtschafteten Produkt in Form von Sozialleistungen. Gleichzeitig soll das Sozialwesen die Beteiligung der Beherrschten an ihrer Ausbeutung und Unterdrückung sichern, indem es diese in die gesellschaftliche Arbeitsteilung integriert oder sie zumindest soweit ruhigstellt, dass sie das System der Arbeitsteilung nicht zu sehr behindern oder sogar gefährden.

Anton ist Teil dieses Sozialwesens. Da das Sozialwesen sowie seine Trägereinrichtungen in ihrer Funktion der Konsensbildung hegemonieschaffende kulturelle Organisationen sind, ist Anton somit einerseits beeinflusst durch die dort vorherrschenden Hegemonien und andererseits beteiligt an ihrer Schaffung. Das heißt, er ist staatlicher Kulturträger und kann die Gewaltorgane zur Hilfe rufen, um seine kulturelle Praxis im eskalierenden Konfliktfall verteidigen zu lassen. Anton ist dabei zwar ein Teil der Beherrschten und befindet sich im anteiligen Konsens mit dem aktuellen geschichtlichen Block, vertritt aber im Besonderen die Hegemonien der Herrschenden innerhalb des Sozialwesens, da dieses in Bezug auf finanzielle und inhaltliche Rahmenbedingungen in letzter Instanz der politischen Führung der Herrschenden unterliegt.

Anton trifft in der Einrichtung auf ein Team, welches Elemente des Alltagsverstandes sowie des gesunden Menschenverstandes in sich trägt, was auch auf ihn zutrifft. In Bezug auf Anna misstraut er den deterministischen Aussagen, sie wäre einfach zu bestimmten Sachen nicht fähig und bedient sich damit seines gesunden Menschenverstandes. Er sucht die einfachste Erklärung für Annas Verhalten und findet sie in dem Mangel an für sie verwirklichbar erscheinenden Lebenszielen. Da er erkennt, dass das Team diesen Mangel, durch eine Kombination aus Determinismus und Konservatismus in Bezug auf die stoische Wiederholung der Technik des unpassenden Angebote machens, selbst mit hergestellt hat, kann er ihr an dieser Stelle im Alltagsverstand verhaftetes Denken verstehen und durch seine Interaktionen kohärenter und systematischer machen.

Anna befindet sich, da sie keine Position in der gesellschaftlichen Lebenssicherung realisiert, als Teil der Beherrschten in noch größerer Abhängigkeit von den Herrschenden, da ihre Abhängigkeit von anderen Beherrschten um ein Vielfaches höher als bei Volljährigen üblich ist. Sie befindet sich zwar ebenfalls in einem anteiligen Konsens mit dem aktuellen geschichtlichen Block und vertritt Teile der Hegemonie der Herrschenden. Dabei ist sie aber nicht Teil des Sozialwesens und versucht somit nicht durch ihre Funktion in einer kulturellen Organisation zur hegemonialen Konsensbildung den Konsens der Beherrschten durch die Erbringung von Sozialleistungen herzustellen oder die Hegemonien der Herrschenden durch juristische oder polizeilich-militärische Gewalt abzusichern. Vielmehr ist sie selbst Ziel dieser Konsensbildung und im eskalierten Konfliktfall auch Ziel der juristischen oder polizeilich-militärischen Gewalt.

Eine Ausformung dieser potenziellen Gewalt ist in Bezug auf Anna in besonderer Weise das Psychiatriewesen als Teil des Gesundheitswesens. Während Letzteres für die Wiederherstellung und Erhaltung der Gesundheit der Bevölkerung zwecks ihrer besseren Ausbeutbarkeit und Unterdrückbarkeit sowie für die Verbreitung von Menschenbild- und Körpervorstellungen der Herrschenden zuständig ist, ist das Psychiatriewesen neben der Wiederherstellung und der Erhaltung der psychischen Gesundheit speziell für die Verbreitung von Psychevorstellungen der Herrschenden zuständig. Lehnt sich Anna beispielsweise zu sehr gegen das Einrichtungs-Team auf, kann sie, da sie bereits in einer Vorstufe des Psychiatriewesens betreut wird, sehr viel leichter weitere Stationen bis hin zur geschlossenen Psychiatrie durchlaufen. Die Angst vor dem Handlungsfähigkeitsverlust durch diese Form von Unterdrückung ist bei jeder Interaktion innerhalb der Einrichtung und vor allem in Konflikten mit Team-Mitgliedern vorhanden. Der Druck auf sie, die Hegemonien der Team-Mitglieder anzuerkennen und zu übernehmen, ist somit sehr viel höher als umgekehrt. Ihr Konsens mit diesen Hegemonien ist zwar aufgrund der drohenden Gewalt brüchig und vorgetäuscht, aber trotzdem für sie nahezu unüberwindbar. Dazu vertritt sie ebenfalls das deterministische Geschichtsbild des Alltagsverstandes, da sie vor Antons Intervention es nicht fertig brachte, das Einrichtungs-Team von ihren Lebenswünschen zu überzeugen, sondern sich fatalistisch, als Folge des Mangels an ihr realisierbar erscheinenden besseren Handlungsalternativen, auf ihr Zimmer zurückzog. Sie teilt zwar den Aspekt des gesunden Menschenverstandes von Anton, sich nicht vom Fatalismus der Mehrheit des Einrichtung-Teams ihre Lebenswünsche gänzlich ausreden zu lassen und ist dem Team dementsprechend misstrauisch und halbmotiviert begegnet, konnte daraus aber nicht ein kohärenteres oder systematischeres Handeln entwickeln.

Die Menschen, die Hegemonien schaffen, durchsetzen und erhalten, zeichnen bestimmte Eigenschaften aus, die Gramsci in der Kategorie der Intellektuellen fasst.

3.2 Intellektuelle

[Anm. d. Red.: Der Teil zu den Intellektuellen wurde an dieser Stelle gekürzt, da er dem Inhalt nach bereits in folgendem Artikel veröffentlicht wurde: https://kritischewissenschaft-heute.de/2019/06/24/intellektuelle-nach-antonio-gramsci/ Alle folgenden Begriffe sind dort nachzulesen.]

Anna ist keine professionelle Intellektuelle. Sie nimmt weder eine organische hegemoniale Funktion der herrschenden Klasse des Kapitalismus oder der Arbeiter*innenklasse wahr noch hat sie eine Stellung, die es ihr erlaubt, eine traditionelle Intellektuelle zu sein. Stattdessen ist sie eine unprofessionelle Intellektuelle mit einer eigenen Lebensauffassung, Kunstgeschmack, Moral und großen Teilen von Alltagsverstand. Dabei orientiert sie sich an professionellen Intellektuellen. Sie sieht, dass die herrschende Hegemonie die des Kapitalismus ist und versucht sich ausbeutungsfähig zu machen, damit sie durch Lohnerhalt ihr Leben gestalten kann. Gleichzeitig akzeptiert sie tendenziell ihre damit verbundene Unterdrückung. Dennoch konnte sie bisher keinen Weg verfolgen, in dem sie beispielsweise eigenständig in einer Wohnung lebt und selbstständig ihren Berufsweg plant. Dabei wird sie von Sozialarbeiter*innen betreut, die sie gleichzeitig kontrollieren, ihr Hilfe anbieten und ihr bei zu großem Fehlverhalten mit Strafen drohen.

Um zu klären, welche Art Intellektuelle Sozialarbeiter*innen – einschließlich Anton – sind, wird im Weiteren ein Überblick über die Geschichte der Sozialen Arbeit gegeben.

3.3 Sozialarbeiter*innen als Intellektuelle

Es erscheint sinnvoll, Sozialarbeiter*innen als organische Intellektuelle der herrschenden Klasse des Kapitalismus – der Kapitalist*innen – zu bezeichnen, da die Funktion der Sozialen Arbeit bei ihrer geschichtlichen Herausbildung laut Richard Sorg, Professor für Soziologie am Fachbereich Sozialpädagogik, war, die sozialen Folgen des Kapitalismus zu bearbeiten (vgl. Sorg 2012, 98).

Dabei vereinte sie zwei Entwicklungsstränge: die Armenfürsorge und die Erziehungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Bis dahin waren diese Aufgaben von der Kirche wahrgenommen worden (vgl. ebd., 101f.). Zwar hatten deutsche Stadtbürger*innen bereits im 16. Jahrhundert versucht, die Armen beispielsweise durch Bettelordnungen zu kontrollieren, aber erst im 17. Jahrhundert kam es zur Gründung der ersten Armen- und Arbeitshäuser. Diese waren in vielen Fällen dazu gleichzeitig Gefängnis und Irrenanstalt. Zentrales Ziel dieser Einrichtungen war die Disziplinierung und Erziehung zur Arbeit, wofür viele der so Disziplinierten an frühkapitalistische Unternehmen vermietet wurden.

Mit der Entwicklung des Kapitalismus, beispielsweise durch die Vertreibung der Bäuerinnen und Bauern von ihren Schollen durch hohe Abgabenordnungen sowie die Integration der unter anderem so frei werdenden Arbeitskräfte in die Produktion, stiegen zwar einerseits die Produktivkräfte in der Wirtschaft, aber andererseits wurden dadurch regelmäßig große Menschenmassen in die Armut getrieben (vgl. ebd., 102f.). Da die Kirchen mit dem Versorgen und Betreuen dieser Massen überfordert waren, wurden vor allem von organischen Intellektuellen der zur politischen Herrschaft drängenden Kapitalist*innen Konzepte zur Bearbeitung dieser angestiegenen sozialen Probleme erdacht. Dabei sahen manche kommunale Vorhaben schon früh die Effektivierung dieser Konzepte, mit minimalen Kosten maximale Arbeitsfähigkeiten bei den Betreuten herzustellen, vor.

Im kirchlichen Bereich tat sich im 19. Jahrhundert besonders Johann Wichern (1808–1881) hervor. Er wollte die sozialistisch-kommunistische Arbeiterbewegung, die ihre eigenen Konzepte zur Lösung sozialer Probleme hatte und die er als zu bekämpfende gottlose Bewegung sah, davon abhalten, eine Revolution zu verwirklichen und propagierte dafür das Konzept der Inneren Mission, bei dem die Armen moralisch im Sinne der Kirche gefestigt werden sollten, um arbeiten zu können und gleichzeitig dem feudalen Staat zu dienen. Wichern sorgte dann mit der Gründung des protestantischen “Rauhen Hauses” in Hamburg zum ersten Mal dafür, dass in der Sozialen Arbeit Tätige beruflich ausgebildet und bezahlt wurden.

Mit der Einführung der Sozialgesetzgebung unter Otto von Bismarck (1872–1948) wurde ein Kompromiss zwischen den revolutionären Bestrebungen der Arbeiterbewegung und den sozialkaritativen Ansätzen der Armenfürsorge geschlossen und der Staat zum Aufseher der Armenfürsorge für jeden Menschen erhoben.

Daran knüpften die Frauenschulen im 20. Jahrhundert an – namentlich Alice Salomon (1837–1954) in Berlin sowie Gertrud Bäumer (1837–1954) und Marie Baum (1874–1964) in Hamburg – und schufen die Anfänge der heutigen Profession der Sozialen Arbeit (vgl. ebd., 104ff.). Hochschulisch institutionalisiert wurde die Soziale Arbeit dann 1969/70 durch die Etablierung ihrer Lehre an Fachhochschulen sowie im Fach Erziehungswissenschaft im Sonderbereich Sozialpädagogik an Universitäten.

Darüber hinaus wurden zunehmend in der Sozialen Arbeit Tätige in weiteren Bereichen wie der Straßensozialarbeit oder im Krankenhaus eingesetzt. Dabei übernahmen sie immer mehr Aufgaben, die früher im Bereich der Familie oder von Lehrer*innen, Kirchenleuten, Nervenärzt*innen, Polizist*innen und sogar Jurist*innen lagen. Beispielsweise ist der allgemeine soziale Dienst als Überwachungsinstanz von Familien mit Kindern gleichzeitig unterstützend und sanktionierend tätig. Dabei müssen die dort Beschäftigten täglich Gesetze auslegen und anwenden. Ebenso leisten betreute Wohneinrichtungen alternative Wohnmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche. Dort lernen sie, ähnlich zur klassischen Aufgabe der Familie, die eigene Lebenssicherung zu gewährleisten und sich zu gesellschaftlichen Erwartungen zu verhalten. Dabei leisten die Sozialarbeiter*innen teilweise auch Unterstützung bei den Schulaufgaben und nehmen klassische Aufgaben von Lehrer*innen wahr. Insbesondere das Einüben von sozialen Handlungsformen stellt die Aufhebung der klassischen Funktion der Kirche als Moralinstanz dar, während gleichzeitig die Moral, die in der Sozialen Arbeit Tätige verbreiten, keiner zentralen Instanz wie dem Papst oder einem Bischof mehr unterliegt. Vielmehr sind die Hochschulen, die gesetzlichen Grundlagen sowie die Berufsverbände und Trägereinrichtungen von viel größerer Bedeutung für den Inhalt der jeweilig vertretenen sozialen Handlungsformen und damit auch für die Handlungsmoral. Selbst die klassische christliche Beichte ist teilweise in der Praxis der Sozialen Arbeit aufgehoben, da in Beratungssituationen oft Probleme und eigene Fehler thematisiert werden, was den Charakter einer Beichte annehmen kann. Ebenso im gesundheitlichen Bereich erfüllen Sozialarbeiter*innen oft die Funktion von Therapeut*innen, wie die Weiterbildung zu*r Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*in für Sozialarbeiter*innen oder sozialtherapeutische Wohneinrichtungen zeigen. Dabei sind sie in den ehemaligen Bereich der Nervenärzte vorgedrungen und nehmen durch Gesundheitsberatung und psychologische Weiterbildung partiell deren Funktion wahr. Nicht zu Letzt sind Sozialarbeiter*innen auch eng mit Polizei und Justiz verzahnt. Sie diskutieren zwar und üben somit in erster Linie Hegemonie aus, im Falle von Eskalationen wenden sie aber staatlichen Zwang an und lassen ihre Betreuten von den entsprechenden Kräften unterdrücken. Dazu kommt die klassisch polizeiliche, aber gleichfalls familiäre, kulturelle Überwachungsfunktion, die von Sozialarbeiter*innen geleistet wird, da sie in vielen Fällen ihre Betreuten familienähnlich in Wohneinrichtungen kontrollieren.

Das bedeutet, dass Sozialarbeiter*innen viele der Funktionen von traditionellen Intellektuellen übernommen haben, die sich bereits im Feudalismus und früher als Funktionen von organischen Intellektuellen der grundbesitzenden Aristokratie herausgebildet haben. Damit erfüllen sie für die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung sowie für die Machtsicherung der in dieser Wirtschaftsordnung herrschenden Klassen, ihrer Vertreter*innen und ihre Kultur eine zentrale Rolle.

Anton übt als Sozialarbeiter die Funktion eines organischen Intellektuellen der herrschenden Klasse der Kapitalist*innen aus. Er hat für die Erfüllung dieser Funktion die Schule und die Hochschule durchlaufen. Dabei gehört er wegen seines für einen Hochschulabsolventen vergleichsweise geringen Gehaltes den unteren Hierarchiestufen der professionellen Intellektuellen an.

Dennoch ist der bei professionellen Intellektuellen in anderen unteren Rangstufen verbreitete Korpsgeist, wie innerhalb von Militär und Polizei, bei Sozialarbeiter*innen wenig verankert. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass es keine so großen Rangunterschiede innerhalb der Sozialarbeiter*innen gibt sowie damit, dass sie nicht staatlich in einheitlichen Organisationen zusammengefasst sind und ebenfalls damit, dass die Verbindung zwischen den Hierarchiestufen von Sozialarbeiter*innen nur lose besteht. Auf der anderen Seite kann man aber auch nicht von einer gefühlsmäßigen Verbindung zwischen Sozialarbeiter*innen und der Bevölkerung sprechen, da die Sozialarbeiter*innen eine eher bürokratische und formale Beziehung zu ihren Betreuten und durch diese, sowie Freund*innen und Verwandte, auch zur restlichen Bevölkerung haben. Dazu verfassen Sozialarbeiter*innen selten auf Popularität gerichtete Bücher, Zeitungsartikel oder produzieren eine solche Kunst, welche den Ausgangspunkt in ihrer Tätigkeit als Sozialarbeiter*innen haben. Ebenso sind, im Verhältnis zu anderen Berufen wie Anwält*innen, wenig bekannte Sozialarbeiter*innen in der Politik aktiv. Auch die wissenschaftlichen Diskussionen unter Sozialarbeiter*innen finden eher in Fachzeitschriften und auf Fachtagungen statt als dass sie in Fernsehsendungen oder populärer Literatur erörtert werden. Selbst Formate wie die “Super-Nanny” waren zwar berufsspezifisch, aber wenig wissenschaftlich diskursiv darauf gerichtet, eine emotionale Verbindung zwischen Sozialarbeiter*innen und Bevölkerung aufzubauen (RTL 2018).

Trotzdem erfüllt Anton die Funktion eines organischen Intellektuellen der Klasse der Kapitalist*innen, da er durch sein berufliches Handeln daran beteiligt ist, dass die Homogenität der Kultur dieser Klasse sowie das Bewusstsein ihrer gesellschaftlichen Stellung täglich wiederhergestellt wird.

Auch Ursula Tilk (2002) verweist anhand der Theorien Sozialer Arbeit von Thiersch (Lebensweltorientierung) und Böhnisch (Milieubildung) auf die kulturelle Integrationsfunktion Sozialer Arbeit: Während das Bismarcksche Sozialstaatsprinzip zu Gunsten höherer Ausgaben für kapitalistische Unternehmenssubventionierung zur besseren Weltmarktkonkurrenz sowie für das Militär zurückgefahren wird, beteiligen sich Thiersch und Böhnisch exemplarisch für viele Theoretiker der Sozialen Arbeit an der wissenschaftlich dargestellten Legitimation dieser politischen Entwicklung, indem sie den Individuen die Verantwortung für ihre soziale Integration und Sicherheit als Normalität persönlich zuschreiben, daraus ein „Programm der Selbstbestimmung“ (ebd., 140) machen und gleichzeitig staatliche, also gemeinschaftlich organisierte, Daseinsfürsorge als entmündigend und abhängig machend kritisieren (vgl., ebd. 132) und wie bei Böhnisch nur noch als Garanten „sozialer Geborgenheit“ verstanden wissen wollen (ebd., 133). Die Konzepte der Netzwerk- und Ressourcenorientierung sowie das Verständnis der Gemeinschaftsbildung haben dabei den funktionalen Charakter, von den Einzelnen möglichst viel Leistung und Lebenszeit abrufen zu können, um die ausbleibenden zuvor staatlich organisierten Regelaufgaben aufzufangen (vgl. ebd., 128ff.), wofür Böhnisch zusätzlich die Moral des Einzelnen als emotionalen Kitt der erhofften gemeinschaftlichen Nahräume (Milieus) nennt (vgl. ebd., 135). Tilk verweist an gleicher Stelle darauf, dass die Elemente sozialer Kontrolle (wie weiter oben ausgeführt durch Hegemoniebildung) ein Kernelement Sozialer Arbeit darstellen, gleichzeitig aber kaum reflektiert werden (vgl. ebd., 135), obowohl in den Theorien die Soziale Arbeit selbst als normativ und affirmativ agierend dargestellt wird (vgl. ebd., 139) – auch, wenn die Soziale Arbeit sich dabei zurückhalte, um letztendlich aber noch wirksamer die gewünschten Normen herstellen zu können (vgl. ebd., 149) –, was zur Aufrechterhaltung sozialarbeiterischer Interventionen mit der dazugehörigen Binnendifferenzierung unter den Klient*innen zur Wirksamkeit der Kontrollnormen als funktional erscheint. Auch bei Thierschs Konzept des Alltagsbewusstseins der Lebensbewältigung sieht Tilk eine Orientierung, die Klient*innen der Sozialen Arbeit nicht dazu ermutigen soll, nach den gesellschaftlichen Gründen ihrer Lage zu fragen, sondern sich unhinterfragt in der jeweiligen Situation Handlungsfähigkeit zu verschaffen (vgl. ebd., 136).

Welche Kulturelemente bei der Wahrnehmung der genannten Intellektuellen-Funktionen zentral sind, soll nun anhand der Praxis der Sozialarbeiter*innen im nächsten Kapitel weiter untersucht werden.

4 Die Praxis der Sozialarbeiter*innen

Um sich der Praxis von Sozialarbeiter*innen und damit auch dem Verhältnis zwischen ihrem Bewusstsein und ihrer gesellschaftlichen Funktion zu nähern, wird der Forschungsstand Sozialer Arbeit beleuchtet. Darin sind enthalten: Analysen des Studiums der Sozialen Arbeit, des Berufseinstieges, des Verhältnisses zu den Betreuten sowie zu den Kolleg*innen. Zum Abschluss werden dann die sozialarbeiterischen Hegemonien, die diese in ihrer Funktion also organische Intellektuelle vertreten, dargelegt.

4.1 Forschungsstand zu Sozialer Arbeit

Laut der Sektion Forschung der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit beinhalte der Forschungsauftrag Sozialer Arbeit “in der Praxis vorhandenes implizites Wissen über Klient*innen, Rahmenbedingungen, Bedingungen der eigenen Praxis uvm. zu explizieren und somit für reflektierte Handlung verfügbar zu machen” (Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit 2018, 1). Hier wird deutlich, dass Wissen über Sozialarbeiter*innen, ihr Bewusstsein und ihre gesellschaftliche Funktion nicht explizit genannt wird. Dagegen ist die Orientierung auf diese Gegenstandsbereiche mit der Formulierung “Bedingungen der eigenen Praxis” eher unkonkret gehalten. Der Anspruch der Kritischen Psychologie vom Subjektstandpunkt eines jeden Menschen auszugehen, wird nicht vollständig geteilt, da die zentralen Akteur*innen der sozialarbeiterischen Praxis, die Sozialarbeiter*innen, nicht systematisch und auf gleicher Ebene wie die “Klient*innen” untersucht werden. Darüber hinaus heißt es dort:

“Forschende in der Sozialen Arbeit sind der Sozialen Arbeit mit ihren Grundlagen, Werten und Aufgaben verpflichtet und müssen sensibel ihre Rolle als Forschende und/oder Sozialarbeitende definieren. Wie in der Praxis der Sozialen Arbeit gilt es hier, nicht nur sensibel für Rechte der beforschten Personen zu sein, sondern auch für die eigenen.”(ebd., 2).

Mit diesen Maßstäben wird zwar eine Definition von forschenden Sozialarbeiter*innen gefordert, diese wird aber nicht näher inhaltlich benannt, beispielsweise mittels des an dieser Stelle angemessen erscheinenden Kriteriums der Analyse der Funktion von Sozialer Arbeit im Kapitalismus. Als Konkretisierung werden zwar die jeweiligen Rechte von Forschenden und Beforschten benannt, diese werden aber ebenfalls nicht weiter ausgeführt. Auch die Geschichte, die Idealvorstellungen sowie die Auslegungs- und Umsetzungspraxis dieser Rechte werden nicht näher qualifiziert. Deshalb ist anzunehmen, dass die aktuell geltende Rechtslage in der BRD gemeint ist. Da diese aber ständig Gegenstand von politischen Kämpfen und in Veränderung begriffen ist, ist ein solch abstrakter Bezug nicht tragfähig. Auch bei der Forschungsethik lässt sich nur ein Fokus auf die Betreuten finden: “Ziel ist immer die Unterstützung von und der Entwicklung zu selbstbestimmtem Leben der Adressant_innen Sozialer Arbeit.” (ebd., 3).

Das bedeutet, selbst in den Zielvorstellungen für Forschung in der Sozialen Arbeit kommen die Sozialarbeiter*innen als zu Beforschende sowie ihr Bewusstsein und ihre gesellschaftliche Funktion nur indirekt vor. Aus diesem Grund wird im Weiteren auf die Forschung der Kritischen Psychologie zurückgegriffen, da diese den Subjektstandpunkt aller am Forschungsprozess Beteiligten als Einzige explizit zum Ausgangspunkt macht. Dafür werden die Ergebnisse von Kurt Bader, Professor für Sozialpädagogik, an dieser Stelle ausgeführt.

4.2 Das Studium der Sozialen Arbeit

Bader formuliert seinen aus den Kategorien der Kritischen Psychologie abgeleiteten Forschungsleitfaden für die Soziale Arbeit wie folgt:

“Deshalb stellte sich als wesentliche Leitschnur das Verhältnis von objektiven Bedingungen bzw. gesellschaftlichen Anforderungen und der je individuellen psychischen Verarbeitung durch die Subjekte.” (Bader 1987, 7).

Den Beginn seiner Untersuchung wählt er in der Vorgeschichte der Berufspraxis Sozialer Arbeit: dem Studium der Sozialen Arbeit. Die Studienmotivation Sozialer Arbeit ist laut Bader, Menschen zu helfen, die in Not sind. Diese Motivation wird besonders im Kontrast zu repetitiver Fließband- und Büroarbeit oder untertänigen Dienstleistungen artikuliert (vgl. ebd., 13). Sozialarbeits-Studierende befürchten deshalb besonders stark, dass bürokratische Tätigkeiten ihre Arbeit mit den Betreuten ersetzen und sind sensibler als der Durchschnitt gegenüber der Ausweitung bürokratischer Tätigkeiten (vgl. Bader 1984, 123). Bei der Aufnahme des Studiums der Sozialen Arbeit erhoffen sie sich höhere gesellschaftliche Anerkennung und Entlohnung (vgl. Bader 1987, 13f.).

Hirschfeld nennt als den kulturellen Hintergrund vieler Sozialarbeiter*innen den von Bildungsaufsteiger*innen und verweist darauf, dass für die meisten das Studium ein sozialer Aufstieg bedeutet, der aber wegen der für einen Hochschulabschluss relativ geringen Bezahlung und der, meist in der Vermögensverteilung bei den Ärmeren verorteten, familiären Hintergründe ein dauerhaftes Gefühl von Fragilität beinhaltet (vgl. Hirschfeld 1998, 201).

Bader benennt auch die hohen Zugangshürden anderer Studiengänge als Entscheidungsgrundlage für die Wahl eines Fachhochschulstudiums der Sozialen Arbeit, was, vor dem Hintergrund der hohen sozialen Immobilität in der BRD, Hirschfelds These der Bildungsaufsteiger bekräftigt (vgl. Bader 1987, 15). Während des Studiums suchen die Studierenden aufgrund ihrer Ortsfremdheit oder aufgrund von wenigen Erfahrungen mit dem Ablauf eines Studiums schnell Kontakt zu anderen Studierenden. Desto unkonkreter dabei die Ziele der Lehrveranstaltungen sind, desto mehr fokussieren sich die Studierenden auf informelle Kontakte in zufälligen Gesprächen, beim Essen, auf dem Flur oder bei Treffen außerhalb der Hochschule. Dabei wirkt sich die Studienmotivation, mit Menschen arbeiten zu wollen, verstärkend darauf aus, nicht studieninhaltsbezogene Kontakte zu suchen, da die Studierenden sich als soziale Akteur*innen eher außerhalb der Lehrveranstaltungen ausprobieren und dabei meinen, sich so für die Tätigkeit in der Sozialen Arbeit schulen zu können. So gewinnen die Studierenden oft den Eindruck, dass es zur erfolgreichen Tätigkeit in der Sozialen Arbeit wenig theoretischer Fundierung bedürfte, da sie erleben, dass sie ihre informellen sozialen Kontakte auch ohne theoretisches Wissen gut gestalten können. Da diese Kontakte aber häufig keine direkte gemeinsame dritte Sache, beispielsweise in Form von gemeinsam erarbeiteten Studieninhalten haben, müssen sie stärker durch soziales Wohlverhalten stabilisiert werden. Damit gewinnt das bloße Miteinander am Küchentisch, auf der Coach, in der Kneipe oder auf der Wiese eine überhöhte Bedeutung, um die eigene psychische Stabilität, besonders auch gegenüber den Studien- und etwaigen Lohnarbeitsanforderungen, zu stärken. Um die Beziehungen halten zu können, bildet sich zur Sicherung des gegenseitigen Wohlverhaltens ein System der sozialen Kontrolle heraus, durch das die Studierenden-Jahrgänge in viele Kleinstgruppen zerfallen, die sich durch willkürliche Gemeinsamkeiten voneinander abgrenzen. Diese Zersplitterung sowie die mangelnde studieninhaltliche Bezogenheit der sozialen Interaktionen befördert Sprech- und Positionierungsangst in den Veranstaltungen, was durch die Notengebung immens verstärkt wird. Ein Scheitern an den Prüfungen wird vor diesem Hintergrund mehr als persönliches Versagen erlebt, da eine ausreichend durch Diskussion herausgebildete Kriteriensicherheit zur Bewertung des eigenen Lernfortschritts fehlt. Dadurch verschärft sich der Widerspruch zwischen scheinbarer sozialer Integration in informelle Gruppen und der zunehmenden Verunsicherung durch die schwer vorhersehbaren Leistungsergebnisse (vgl. ebd., 16ff.). Ausgehend von dieser mangelnden inhaltlichen Qualifizierung des Wissens um den Studienverlauf sowie damit verbunden auch der eigenen Studieninteressen und Vorlieben, werden Studienpläne, wo sie wählbar sind und nicht vorgegeben werden, mehr nach personalisierten Sympathien und Antipathien zu den Lehrkräften gewählt (vgl. ebd., 21). Damit entstehen weniger wissenschaftliche Entwicklungsbeziehungen zwischen Lehrkräften und Studierenden, was die Hinwendung zu inhaltlichen Auseinandersetzungen in den Lehrveranstaltungen weiter behindert. Dadurch erleben die Lehrkräfte ihre hauptsächlich theoretisch zu vermittelnden Kenntnisse als von wenig Interesse bei den Studierenden, was wiederum zu resignativen und sich vom Inhalt der Lehrveranstaltung abwendenden Tendenzen bei den Lehrkräften beiträgt. Die Sprechangst der Studierenden wird so vermehrt als Desinteresse interpretiert. Auch sind die Lehrkräfte durch diese Situation dazu gedrängt, in den Beziehungen mit den Studierenden das bloße Miteinander in den Vordergrund zu stellen, wodurch sie wiederum von den Studierenden vermehrt personalisiert wahrgenommen werden. Eine schlechte Note wird so zum vermeintlichen Ausdruck von Abneigung oder persönlichen Differenzen zwischen Lehrkräften und Studierenden. Gleichzeitig stellt sich auch hier ein dauerhafter sozialer Kontrolldruck ein, der ebenso Lehrkräfte unter Druck setzt, sich sozial erwünscht zu verhalten. Zu dem Eindruck der Studierenden, sie benötigten für einen erfolgreichen sozialen Umgang keine Theorie, kommt so die inhaltsabgewandte personalisierende Interaktion in den Lehrveranstaltungen hinzu, was den Studierenden den Eindruck vermittelt, die dort erlernte Theorie wäre gänzlich unwichtig und nur für die Prüfung, aber nicht für die Praxis relevant. Bader argumentiert, dass diese Zustände zu einer regelrechten Theoriefeindlichkeit bei Sozialarbeiter*innen führen (vgl. ebd., 26).

Holzkamp betont dabei, dass eine behauptete Theorielosigkeit in den meisten Fällen die unbewusste Übernahme von gesellschaftlich herrschenden Kulturen bedeutet und sich die diese Kulturen begründenden Theorien hinter dem Rücken der angeblich theorielos handelnden Sozialarbeiter*innen durchsetzen (vgl. Holzkamp 1984, 92).

Anton hat ein Studium der Sozialen Arbeit durchlaufen. Er ist durch das Studium sozial aufgestiegen und erhält trotz Teilzeit ein relativ gutes Gehalt, kann sich aber aufgrund des anhaltenden Sozialabbaus, der dazu gehörenden befristeten Arbeitsverträge sowie möglicher anderer Zufälle nie sicher sein, ob dies so bleibt. Während des Studiums hat er ebenfalls informelle Gruppen gebildet. Er ist somit erfahren in der Anwendung entsprechender sozialer Kontrollmechanismen sowie geübt darin, ohne größere theoretische Reflexion sozialarbeiterisch tätig zu sein. Gleichzeitig ist er sich der Wirksamkeit seiner Arbeit sehr unsicher, da er die Kriterien für gute Soziale Arbeit im Studium nicht hinreichend gebildet hat. Dadurch ist er auch im Kontakt mit dem Einrichtungs-Team unsicher, da er zwar handeln kann, aber das Handeln nicht adäquat auf den Begriff bringen oder sogar zu ausgedrücktem Handeln anderer Team-Mitglieder sich mit seiner Auffassung souverän positionieren kann. Auf Team-Sitzungen hat er ähnlich wie in den Seminaren Sprechangst. Auch die möglichen Sanktionen der kulturellen Unterdrückung durch das Einrichtungs-Team, der Abmahnung durch Vorgesetzte oder die Entlassung bestärken diese Situation. Darüber hinaus kann auch gegen ihn der staatliche Gewaltapparat jederzeit angewendet werden, wenn er einen Streit entsprechend eskalieren würde, was als latente Befürchtung in bestimmten Situation auftreten kann und wiederum die Sprechangst befördert. Er neigt aufgrund seiner Studienerfahrungen zu einer personalisierten Deutung des Handelns anderer sowie der Beziehungen zu ihnen und zwischen ihnen. Deshalb sieht er missglückte Vorhaben anderer sowie eigene missglückte Vorhaben eher als persönliches Versagen statt als Ausdruck der jeweiligen subjekthaften Aneignung der Umweltbedingungen. Zur schweren Bewertbarkeit der Wirkung seiner Arbeit kommt somit eine eher oberflächliche Beziehung zu den Team-Mitgliedern, was grundsätzlich eine Fortsetzung der Situation der Verunsicherung, die er schon im Studium erlebt hat, darstellt.

4.3 Der Berufseinstieg

Bader nennt besonders die Vorbereitung auf den Berufseinstieg unzureichend. Deshalb würden Sozialarbeiter*innen ihren Berufseinstieg als Schock erleben (vgl. Bader 1987, 31). Da die Theorie als wenig handlungsleitend empfunden wird, treffen die Berufsanfänger*innen in Einrichtungen auf Kolleg*innen, die ähnlich denken, aber im Gegensatz zur Berufsanfängerin eine etablierte Praxis haben. Zusätzlich muss viel Zeit für Bürokratie und Finanzierungssicherung verwendet werden, was die mögliche Zeit für Reflexion zusätzlich mindert. So wird die im Studium angeeignete Theoriefeindlichkeit eher hinter Sachzwängen verborgen, da insgesamt wenig Zeit für Reflektion zur Verfügung zu stehen scheint (vgl. ebd., 33). Ist die Berufsanfängerin doch an theoretischen Debatten, die die Praxis verbessern sollen, interessiert, gerät sie mit den etablierteren Kolleg*innen in den Konflikt. Diese erleben die Debatten als wenig hilfreich für ihre Arbeit und damit im Angesicht bürokratischer und anderer Zeitanforderungen sogar eher als Behinderung. Die Berufsanfängerin wird aufgefordert, sich anzupassen und sich einzuordnen (vgl. ebd., 35). Bevor dies geschieht, gewähren die meisten Teams den Neulingen aber eine Orientierungsphase der Eingewöhnung, in der diese sich ausprobieren können. Dabei wird von den anderen Team-Mitgliedern oft wenig Rückmeldung zu den Probiertätigkeiten gegeben. Gerät die Neue dabei aber an bestimmte Grenzen, kann sie mit plötzlicher Begrenzung rechnen. Da bis zu dem Zeitpunkt wenig über Kriterien guter Arbeit in der Einrichtung geredet wurde, wird diese Begrenzung oft als Überraschung und als Übergriff erlebt. Die Tendenz der Personalisierung verstärkt bereits zu diesem Zeitpunkt die Möglichkeit, durch die Begrenzung tiefe und langanhaltende Verletzungen und Verunsicherungen bei den Neulingen zu verursachen. Gleichzeitig ist die Zurückhaltung der Kolleg*innen ein weiterer Faktor dafür, die Sprechangst der Neuen zu bestärken, da diese sich stetig unsicher darüber sind, ob sie etwas in den Augen der erfahrenen Kolleg*innen richtig oder falsch machen (vgl. ebd., 39). Die Situation der hochschulischen Lehrveranstaltungen wiederholt sich. Eine Folge dieser Situation ist eine für Berufsanfänger*innen typische Form von Passivität, die sich in einer übereifrigen Erfüllung erkannter Anforderungen der Kolleg*innen, einem übersensiblen Erkennen wollen dieser Anforderungen sowie einer für die Berufsanfängerin ansonsten ungewöhnlichen Initiativenarmut ausdrückt. Gewinnt die Berufsanfängerin mit der Zeit nicht ausreichend Souveränität oder behalten die Kolleg*innen ihre Zurückhaltung bei, kann sich diese Passivität auf alle Arbeitstätigkeiten und die Arbeitsziele ausdehnen. Gleichzeitig erschwert die Passivität mit fortlaufender Zeit zunehmend den Wechsel zu einer aktiven Gestaltung der Arbeit und der Arbeitsbedingungen. Zusätzlich ist das aktiv werden in diesem Fall mit erheblich größeren Unsicherheiten verbunden, da die bisher empfundene Unsicherheit sich angesammelt hat (vgl. ebd., 40ff.). Grundsätzlich sind Lern- und Arbeitssituationen, in denen die Prozesse einer Einrichtung nur nachvollzogen und nicht streitbar verändert werden, wenig dafür geeignet, sich die Arbeitsprozesse anzueignen und vertiefte Lernfortschritte zu machen. In dem so die Prozesse nicht verändert werden, gewinnen die Berufsanfänger*innen zunehmend die Auffassung, dass die Prozesse in ihrer Natur an sich wenig veränderlich wären (vgl. ebd., 47).

Anton ist Berufsanfänger und hat die Phase der Zurückhaltung seiner Kolleg*innen erlebt. Ihm wurde weder viel rückgemeldet, ob er sich angemessen verhält, noch sind die Kolleg*innen mit ihm viel in die Diskussion gegangen. Er hat als Antwort darauf versucht, sensibel zu beobachten, hat aber dabei lange abgewartet, bevor er beispielsweise im Hinblick auf Anna interveniert. Mit zunehmender Zeit hätte es auch unwahrscheinlicher werden können, dass er überhaupt eingreift, da er sich bereits in eine Phase der Passivität begeben hatte. Mit seinen theoretischen Überlegungen zur bisherigen falschen Praxis seiner Kolleg*innen im Hinblick auf Anna ist er genau in die Art von unsichere Situation geraten, die er durch seine Zurückhaltung ursprünglich vermeiden wollte und war mit den Arbeitsalltagserfüllungsanforderungen seiner Kolleg*innen konfrontiert, die während des Streits mit ihm abwägen mussten, ob sie die oberflächliche Zugewandtheit bei gleichzeitiger Kriterienarmut untereinander durchbrechen und dafür in Kauf nehmen, bei der Erfüllung ihrer bürokratischen und die Finanzierung sichernden Aufgaben ins Hintertreffen zu geraten. Mit der ebenfalls wenig kriteriengestützten Beantwortung seiner Kritik durch die Frage, was er denn besser machen würde, wichen seine Kolleg*innen einer konstruktiven Debatte ihrer bisherigen Praxis aus und beschränkten sich auf einen oberflächlichen Handlungswechsel. Damit lehnten sie es ab, für zukünftige Fälle vertiefte Erkenntnisse zu gewinnen und zeigten Anton die genannten überraschend harten Grenzen der Orientierungsphase des Berufseinsteigers auf. Ebenfalls nahm Annas Bezugsbetreuerin es nicht auf sich, theoretische Fortschritte im Hinblick auf ihre Praxis mit Anna zu machen, sondern versuchte den Konflikt mit Anna sowie mit Anton damit zu lösen, dass sie Anna an einen Kollegen übergab. Damit hat Anton erfahren, dass es seinen Team-Mitgliedern nicht um die gemeinsame Erkenntnisgewinnung und die Weiterentwicklung ihrer Arbeit sowie der Einrichtung geht, sondern um die Aufrechterhaltung der oberflächlichen sozialen Verbundenheit bei gleichzeitiger Kriterienarmut, in der jede Kollegin individuell machen kann, was sie will und dabei Erfolge als persönliches Glück und Rückschläge als persönliches Versagen personalisiert werden. Er hat somit ebenfalls erfahren, dass die Prozesse im Team und in der Einrichtung wenig veränderbar sind, da er sich gegen die Diskussions- und damit Veränderungsunwilligkeit seiner Team-Kolleg*innen durchsetzen müsste. Seine ersten Eindrücke in den Beruf der Sozialen Arbeit sind dadurch nachhaltig durch Stagnation, Sachzwänge, gegenseitiges Misstrauen, Zurückhaltung und Alltagsroutinen geprägt. Der Leidensdruck der Situation wird für Anton noch dadurch gesteigert, dass die Team-Kolleg*innen aus Antons Sicht trotz dieser kaum vertieften und unkooperativen Kultur eine sozial kontrollierende und eine, sich an nicht berufsbezogenen Lebensinhalten orientierte, Beziehung zueinander pflegen, um die unter der Oberfläche liegende Unsicherheit zu überdecken, was aus Sicht der Kolleg*innen für sie subjektiv funktional ist.

4.4 Das bloß Soziale

Um dem Tätigkeitsinhalt der Sozialen Arbeit näherzukommen, bestimmt Bader menschliche Interaktionen als auf gemeinsame Arbeit, Lernen und das Gefühl der Aufgehobenheit gerichtet. Demgegenüber benennt er soziale Interaktionen, die bloß um der Interaktion willen geschehen, als bloß sozial und macht diese besonders bei Sozialarbeiter*innen ausfindig. Sie haben zwar mindestens ebenso den Zweck, dass Menschen sich aufgehoben zu fühlen, erhalten aber durch eine tendenzielle Abkehr von gemeinsamer Arbeit oder einer anderen gemeinsamen dritten Sache eine verselbstständigte Überhöhung (vgl. ebd., 51f.). Diese bloß sozialen Interaktionen gründen in einer vorherrschend individualistischen Vorstellung vom Menschen, gekoppelt an eine starke Gefühlsorientierung bei gleichzeitiger Aufmerksamkeitsabkehr von überindividuellen gesellschaftlichen Bedingungen. In der Sozialen Arbeit wird die Orientierung auf das bloß Soziale von Sozialarbeiter*innen hauptsächlich im Gespräch realisiert und im Kontrast zu bürokratischen Tätigkeiten gesehen. Dadurch solle eine Objektivierung der Betreuten verhindert werden (vgl. ebd., 53ff.).

Da aber durch diese Orientierung die gesellschaftlichen Bedingungen aus dem Blick geraten und damit auch die zentralen Lebensgrundlagen der Betreuten wie Arbeit, Wohnung, Lebensmittel und Einkommen, erleben Sozialarbeiter*innen sich zunehmend als hilflos bis nicht interessiert gegenüber diesen Grundlagen. Bestärkend kommt hinzu, dass Sozialarbeiter*innen oft mit Krisen aus dem Bereich gerade dieser zentralen Lebensgrundlagen zu tun haben und damit beauftragt sind, diese als soziale Probleme zu lösen, aber durch die geringe Finanzierung der Leistungen Sozialer Arbeit sowie durch die im kapitalistischen Wirtschaftssystem begründeten unlösbaren Widersprüche der Lebenslage der Betreuten kaum substantiell eine Verbesserung der Lebenslagen ihrer Betreuten herbeiführen können. Dadurch erscheint die Fokussierung auf eine oberflächliche soziale Beziehung naheliegend, die emotionale Linderung gegenüber dem durch die jeweiligen Probleme verursachten Leid verspricht, aber die zugrundeliegenden sozialen Probleme nicht in ihrem Wesen lösen kann. So gewinnen die sozialarbeiterischen Gespräche die Qualität, auf emotionale Zustände, die gute Beziehung zwischen Sozialarbeiter*innen und Betreuten sowie auf gutes Zureden fokussiert und zunehmend beschränkt zu werden. Die materielle Verbesserung der Lebenslage gerät weiter aus dem Blick.

Auf der anderen Seite wird diese bloß soziale Gesprächsorientierung von den Betreuten positiv aufgenommen: Sind sie bisher oft mit Konkurrenz, Herabwürdigung und Ignoranz konfrontiert gewesen und litten unter den materiellen Entbehrungen, erscheint es ihnen als heilsame Alternative von jemandem wie der/dem Sozialarbeiter*in in ihren Gefühlen ernst genommen und scheinbar verstanden zu werden (vgl. ebd., 55ff.). Da durch die Gespräche aber nur eine vorübergehende Linderung erfahren wird und die langfristigen Probleme, indem sie an dem Ort der Sozialarbeits-Einrichtung, der gesellschaftlich dafür vorgesehen ist, solche Probleme zu lösen, keine echte Weiterentwicklung erfahren, trägt dies dazu bei, das subjektive Leiden noch zu erhöhen, da die Betreuten nun bereits intensiv und mit Hilfe versucht haben, sich aus ihrer Lage zu befreien. Somit erscheint die bloß soziale Gesprächsorientierung als eine mit gegenseitigem Einverständnis vorgenommene wechselseitige Beschwichtigung, dass so lange man zusammen ist, die Probleme nicht so schlimm sind, sondern dass sie erst wieder mit voller Wucht zurückkommen, wenn man die Gesprächssituation verlässt und wieder allein ist. So entstehen ausgeprägte Abhängigkeitsbeziehungen zwischen Betreuten und Sozialarbeiter*innen, in denen Betreute die Gespräche mit den Sozialarbeiter*innen teilweise wie Drogen konsumieren. Dadurch wird die Situation des Alleinseins, in der die Probleme in alter Stärke und nun verstärkt durch den nicht grundlegend hilfreichen Versuch des sozialarbeiterischen Gespräches hochkommen, zunehmend angstbesetzt. Gefestigt wird diese Situation durch die Abneigung von Sozialarbeiter*innen gegenüber bürokratischer Arbeit. Da die eigentlich viel dringender benötigte materielle Hilfe für die Betreuten fast ausschließlich in diesem Bereich erreicht werden kann, liegt so die bloß soziale Gesprächsorientierung noch näher (vgl. ebd., 58f.). Bei den Betreuten macht sich dadurch eine zunehmende Passivität bemerkbar, da die bloß soziale Gesprächsorientierung von den sozialen Bedingungen ablenkt und die Betreuten so zu Anhängseln der von ihnen nicht veränderbaren Bedingungen degradiert. Hinzu kommt, dass die Betreuten sich bereits vor dem Kontakt mit der/dem Sozialarbeiter*in oft in einer solchen passiven Lage erlebten und nun im Hilfesystem darin auch noch Bestätigung finden (vgl. ebd., 59f.). Der bei der bloß sozialen Interaktion eintretende Effekt der gegenseitigen Personalisierung lässt die Problematik dieser Situation zusätzlich schwer erkennbar werden. Während Sozialarbeiter*in und Betreute in einem wechselseitigen sozial kontrollierenden Demonstrationssystem von sozialem Wohlverhalten agieren und ihre Bestätigung im erfolgreichen Wiederherstellen dieser vermeintlich guten Beziehung suchen, lassen sich Misserfolge der Beziehungsgestaltung vordergründig nur in den persönlichen Eigenschaften der Beteiligten finden. Dann sind die Personen scheinbar entweder beziehungsmäßig erfolgreich oder haben versagt, was oft zur Konsequenz hat, dass Sozialarbeiter*innen und Betreute bei gescheiterten Versuchen, eine bloß soziale Gesprächsbeziehung zu etablieren, sich gegenseitig beschuldigen oder sich schuldig fühlen. Dass die Grundlage der meisten sozialen Probleme in der aus den gesellschaftlichen Widersprüchen entspringenden Armut, Isolation und Unbildung besteht, wird in dieser Sichtweise kaum begriffen oder aktiv verleugnet (vgl. ebd., 60ff.).

Hinzu kommt, dass viele Sozialarbeiter*innen den Wunsch nach einer bloß sozialen Gesprächssituation damit durchzusetzen versuchen, dass sie die Wut und die Anspruchsartikulation von Betreuten unterdrücken. Ursprünglich sind die Ansprüche meist materieller Natur und die Wut häufig eine Reaktion auf die Versagung dieser Wünsche. Deshalb erwarten Sozialarbeiter*innen, insbesondere wenn sie direkt beim Staat angestellt sind und damit stärkeren dienstrechtlichen Vorschriften und einer strengeren Kultur unterliegen, von Betreuten eine eher untertänige bis bittstellerische Haltung. Dies korrespondiert mit der Kombination aus hegemonialer Überzeugungsarbeit und, im Falle der Eskalation, der Anrufung der Staatsgewalt gegen die Betreuten. Die Konsequenz dieser Erwartungen ist ein begründetes Misstrauen der Betreuten, die die Sozialarbeiter*innen als potentielle Gefahr wahrnehmen. Ebenfalls liegen Falschaussagen seitens der Betreuten nahe, um Leistungen zu erhalten, sich aber nicht kontrollieren lassen zu müssen, oder wenn die juristischen Vorgaben so realitätsfern sind, dass die Betreuten bereits ahnen, dass sie keine oder zu wenig Leistungen erhalten. Dadurch wird auch auf der Seite der Sozialarbeiter*innen Misstrauen befördert, was häufig zu einer wechselseitigen Negativdynamik führt. Da die hinter den bloß sozialen Interaktionen liegenden sozialen Bedingungen bereits vermehrt aus dem Blick geraten sind, werden dieses Misstrauen und die Falschaussagen durch die Sozialarbeiter*innen ebenfalls tendenziell als persönliche Bösartigkeit interpretiert, was das Verhältnis zusätzlich vergiftet. In einer solchen unehrlichen und von scheinbar unlösbaren sozialen Problemen getriebenen Situation liegt es seitens der Sozialarbeiter*innen näher, sich rigiden Interventionsmaßnahmen zuzuwenden. Bestrafungen für Falschaussagen oder nicht eingehaltene Absprachen werden zum letzten hilflosen Mittel des Versuches der Verhaltenskontrolle. Der Effekt bei den Betreuten ist ein erneuter Anstieg von Misstrauen und ein ausgearbeiteteres Taktieren, damit sie von den Sozialarbeiter*innen bekommen, was sie wollen.

Eine Folge dieser Verstrickung ist die Haltung der Sozialarbeiter*innen, dass Betreute nur dann ehrlich sind, wenn sie ihr Leid besonders stark zum Ausdruck bringen, da sie annehmen, dass Betreute am ehrlichsten sind, wenn sie über ihre eigenen Probleme sprechen. Gleichzeitig erscheinen den Sozialarbeiter*innen Interaktionen, wo Betreute dies nicht tun – unter anderem weil sie noch nicht so stark in die beschriebene negative Beziehungsdynamik verstrickt sind – als unecht oder nicht wichtig genug, was die noch nicht verstrickten Betreuten sofort in den beschriebenen Teufelskreis hineinzieht und damit Sozialarbeiter*innen zu Träger*innen eines wenig effektiven, bloß sozial orientierten Hilfesystems macht, was seine behauptete Hilfefunktion kaum erfüllen kann (vgl. ebd., 66ff.).

Anton bemerkt zu Beginn seiner Arbeit, dass die Hilfeangebote, die das Einrichtungs-Team beispielsweise gegenüber Anna macht, nicht zu ihr passen. Er erkennt eine starke Personalisierung ihres Handelns und ihrer Handlungsgründe seitens des Teams. Es ist anzunehmen, dass das Team vor Antons Intervention Anna gegenüber dominant eine bloß soziale Gesprächsorientierung praktiziert hat. Die für Anton spürbare Frustration von Annas Bezugsbetreuerin sprach dafür, dass die Betreuerin ihren Misserfolg dabei, mit Anna eine gute Beziehung zu führen, als persönliches Versagen sieht. Dadurch erschien ihr auch näher, Anna an einen Kollegen abzugeben und sich so der eigenen Schmach teilweise zu entledigen. Ebenso ist Annas Verhalten, die unpassenden Tätigkeitsangebote scheinbar anzunehmen, sie aber immer wieder abzubrechen, ein Indiz dafür, dass zwischen Anna und ihrer Bezugsbetreuerin eine misstrauische und auf sozialer Kontrolle basierende Atmosphäre geherrscht hat. Annas hauptsächliche Lebensinteressen an einer gesicherten Existenz stehen zwar im beiderseitigen Fokus, indem das Team sowie Anna sich um die Aufnahme einer Tätigkeit bemühen, aber durch die nur oberflächlichen Versuche, wirkliche Fortschritte zu erzielen, fallen Anna und das Team immer wieder in den bloß sozialen Modus zurück. Auch sind die weiteren Lebensthemen von Anna wie eine eigene Wohnung durch das Wohnen in der Einrichtung größtenteils verbaut, was aber als belastende Problematik zwischen Anna und dem Einrichtungs-Team kaum eine Rolle spielt.

Bei Anna hat sich eine große Passivität eingestellt, die sie sowie das Team belastet. Dass das Team durch die bloß soziale Gesprächsorientierung Anna mit in diese Lage, als bloßes Anhängsel ihrer sozialen Bedingungen zu leben, gedrängt hat, kommt dem Team wenig in den Sinn. Stattdessen liegt näher, dass die Team-Mitglieder abwechselnd mal mehr an ihrer Kompetenz als Sozialarbeiter*innen und mal mehr an Annas Besserungsfähigkeit als Person zweifeln. Zudem verhält sich Anna fordernd gegenüber dem Team und artikuliert ihre Wünsche mitunter lautstark. Im Angesicht der vom Team eher als angemessen empfundenen bittstellerischen Haltung ihrer Betreuten, kommt das Team mehrfach zu dem Schluss, dass Anna vielleicht gar nicht so hilfebedürftig ist, wie sie im Hinblick auf ihre Arbeitsentwicklung vorgibt. Gleichzeitig “jammert” Anna viel über ihre Probleme, was das Team dazu veranlasst, ihr Hilfestellung zu leisten und sie ernster zu nehmen. Da Anna aber dabei spürt, dass sie mehr ernst genommen wird, wenn sie jammert und weniger, wenn sie fordernd ist, verstärkt sie das Jammern und reizt das Team damit ständig. Dies hat die Abwehrhaltung des Teams gegenüber Anna und der Bearbeitung ihrer zentralen Lebensprobleme verfestigt, was die Situation zusätzlich zum Stagnieren gebracht hat.

Da Anton noch nicht so verstrickt in diese negative Beziehungsdynamik war, konnte er hinter das Jammern schauen und Annas Forderungen als ihre Lebenswünsche ernster nehmen. So gelang ihm vor dem Hineinfallen in die bloß soziale Gesprächsorientierung seiner Kolleg*innen wirksame Interventionen zu planen, um Anna in ihrer Entwicklung zu befördern. Anna konnte sich ihm gegenüber auch offener und authentischer ausdrücken, da er sie weniger hat spüren lassen, dass sie sich ihm gegenüber bittstellerisch oder besonders jammernd verhalten müsste.

4.5 Die Betreuten

Bader identifiziert im Verhältnis der Sozialarbeiter*innen zu ihren Betreuten die gleichen Probleme wie in der sozialarbeiterischen Ausbildung und der damit verbundenen Sicht auf die Betreuten: Die mangelnde theoretische Fundiertheit und die nicht ausreichende Bereitschaft der Sozialarbeiter*innen sich mit der spezifischen Klassenlage ihrer Betreuten auseinanderzusetzen, führten in der Bewertung ihrer Betreuten oft zu einer Aneinanderreihung von Alltagserfahrungen und einer personalisiert verkürzten Sichtweise. Aus dieser verkürzten Sicht heraus machen Sozialarbeiter*innen ihre Betreuten zunehmend zum Träger ihrer eigenen Berufsmotivation, da sie dazu neigen, eher das Einzelschicksal statt die Verallgemeinerbarkeit bestimmter Lagen zu sehen und erfolgreich geleistete Hilfe den Sozialarbeiter*innen wenig gesellschaftlich relevant erscheint. Daraus ergibt sich, dass auch eine erfolgreiche Hilfe scheinbar nur für die Einzelperson wirksam wird und die Sozialarbeiter*innen sich in der Rolle des Sisyphos wiederfinden, der immer wieder den Stein den Berg hochrollt, nur damit dieser kurz vor dem Gipfel wieder herunterrollt. Einerseits können sie sich nie sicher sein, was die Betreuten tun werden, wenn sie nicht mehr mit der/dem Sozialarbeiter*in zusammen sind und andererseits sind die gemeinsam erarbeiteten Fortschritte aufgrund der bloß sozialen Gesprächsorientierung wenig fundiert und tragfähig (vgl. ebd., 83f.).

Hinzu kommt die in der Sozialen Arbeit zunehmend verbreitete Dienstleistungsorientierung, die die Sozialarbeiter*innen dazu bringt, sich als Dienstleistende am Betreuten zu sehen. Dadurch bringen sie sich in eine starke Abhängigkeit von den Betreuten und müssen mit dem Widerspruch umgehen, dass sie gleichzeitig mit Sanktionen das Verhalten der Betreuten regulieren sollen. Die von außen als solche erscheinende Dienstleistung wird so zur vorgetäuschten Untertänigkeit, hinter der sich die eigentlich mächtigere Person der Sozialarbeiter*in/des Sozialarbeiter*s zu verbergen versucht. Betreute erleben diese Situation als Heuchelei und als weitere Begründung für ihr den Sozialarbeiter*innen gegenüber ausgeprägtes Misstrauen (vgl. ebd., 84).

Dazu bemerkt Holzkamp, dass hinter der äußerlich vorgetragenen Dienstleistung sich sogar eine ausgesprochen große Missgunst gegenüber den Betreuten verbergen kann, wenn Sozialarbeiter*innen negative Entwicklungserfahrungen in ihrem Leben gemacht haben und den Betreuten bestimmte positive Entwicklungserfahrungen missgönnen (vgl. Holzkamp 1984, 120).

Auf der anderen Seite zeichnet sich Soziale Arbeit durch den Charakter der Lohnarbeit aus, das heißt der Arbeitsgegenstand kann ihnen relativ gleichgültig sein, da sie keinen Lohn für bestimmte Erfolge, sondern für die geleistete Arbeitszeit an sich erhalten (vgl. Bader 1987, 84). In den letzten Jahren wurde zwar zunehmend mit leistungsorientierten Kennzahlen versucht, diese Gegenstandsabgewandtheit der Lohnarbeit im Bereich Soziale Arbeit zu begrenzen. Die Maßnahmen entfalten aber kaum Wirkung, da das prinzipielle Problem der Lohnarbeit in diesem Fall versucht wurde durch kontrollierende Zwangsmaßnahmen, aber nicht grundsätzlich durch eine Ersetzung der Lohnarbeit durch eine sinnvermittelte, selbstverwaltete Arbeit, zu lösen.

Ein weiterer Aspekt des Verhältnisses von Sozialarbeiter*innen zu ihren Betreuten ist die Form der Zieldefinition. Da die Betreuten entweder als Lohnarbeitsgegenstand oder als vorgetäuschte Dienstherren gesehen und so in ihrer Subjekthaftigkeit negiert werden, liegt es für Sozialarbeiter*innen nahe, die Ziele für die Betreuten statt mit ihnen zu formulieren und die Betreuten in der Verdoppelung der Qualität, Anhängsel ihrer sozialen Bedingungen zu sein, gesteigert zu entmündigen (vgl. ebd., 85). An dieser Stelle gewinnt auch die sozialarbeiterische Theorie, die nicht als praxisleitend oder erkenntnisförderlich genutzt und reflektiert wird, den Charakter der Legitimation der unreflektierten eigenen Praxis. Dies geschieht insbesondere dann, wenn größere Konflikte bei der entmündigenden Behandlung der Betreuten auftreten. Auch wenn der längere Aufenthalt von Betreuten in Einrichtungen aufgrund der knappen Finanzierungslage der Einrichtungen durch die Sozialarbeiter*innen gewollt wird, werden häufig die Theorie-Bausteine herangezogen, die den Sozialarbeiter*innen für den jeweiligen Zweck passend erscheinen. Dadurch werden die Betreuten teilweise regelrecht zu Privateigentum der Sozialarbeiter*innen erklärt. Ebenso wird in solchen Situationen seitens der Sozialarbeiter*innen versucht, die Konflikte mit den Betreuten auf einer durchschnittlichen Ebene zu halten: nicht zu groß, damit die Betreuung nicht zu zeit- und kostenintensiv wird und nicht zu klein, damit der scheinbare Bedarf für die Betreuung bestehen bleibt (vgl. ebd., 86f.). Dadurch wird bei den Betreuten angeregt, dass sie besonders die Fähigkeit des sich Hineinfühlens in die Sozialarbeiter*innen zum zentralen Beziehungsmittel machen. Denn, wenn die Betreuten die Erwartungen ihrer Sozialarbeiter*innen exakt treffen, ist die Chance am größten, dass die Beziehung auf mittlerem Konfliktniveau und mit gegenseitigem Wohlverhalten abläuft. Gleichzeitig erhoffen sich die Betreuten so die bestmögliche Unterstützung, was im Angesicht der beschriebenen Abkehr von scheinbar unlösbaren materiellen Fragen hin zu bloß sozialen Interaktionen, folgerichtig erscheint (vgl. ebd., 91f.).

Auf der anderen Seite machen Sozialarbeiter*innen den Betreuten auch deutlich, wenn diese zu arbeitsintensiv sind und sanktionieren sie dafür, beispielsweise durch Ignoranz, gesteigerte Oberflächlichkeit oder durch direktes Weiterreichen an andere Hilfe-Einrichtungen. Solche Entscheidungen werden dann im Nachhinein häufig durch die angebliche Beratungsunwilligkeit der Betreuten legitimiert und stellen eine erneute Entmündigung der Betreuten dar, da diese auf die Etikettierung meist keinerlei Einfluss nehmen können (vgl. ebd., 93ff.).

Dazu versuchen sich Sozialarbeiter*innen, wenn sie Betreute weitergereicht haben, häufig unmittelbar gegen Forderungen und Ansprüche der Betreuten abzusichern und nutzen dafür teilweise den staatlichen Gewaltapparat, um ihre eigene Überforderung zu kaschieren (vgl. Bader 1984a, 95).

Die bereits genannte Messung des sozialarbeiterischen Erfolges nach bearbeiteten Fallzahlen verstärkt die Tendenz, Betreute weiterzureichen oder ihnen nur oberflächlich zu helfen, zusätzlich. Dabei geraten Sozialarbeiter*innen regelmäßig in eine mehrfache Isolierung, da sie alleine über die Bewertung ihres Hilfeerfolges entscheiden sollen und dazu die Bewertung immer nur anhand eines einzelnen Betreuten, der wiederum aufgrund der bloß sozialen Gesprächsorientierung nur oberflächlich verstanden wird, vornehmen sollen (vgl. Bader 1987, 95f.). Daraus ergibt sich ein zunehmend größer werdender Widerspruch zwischen der nur schwer vorzunehmenden Bewertung und dem durch Kennzahlen erhöhten Druck, positive Fallzahlen vorzulegen. Eine Folge dieser Entwicklung ist die Zuspitzung der Personalisierung der Arbeit von Sozialarbeiter*innen: Statt die sozialen Bedingungen zur Grundlage von Bewertungen zu machen, wird die Persönlichkeit der Sozialarbeiterin zum einzigen Wirkeffekt. Entwickeln sich die Betreuten positiv, ist die Persönlichkeit positiv, wenn negativ, dann negativ. Die Isolierung von Sozialarbeiter*innen nimmt so quantitativ wie qualitativ zu (vgl. ebd., 101f.). Die durch die bloß soziale Gesprächsorientierung steigende Entleerung der Interaktionen zwischen Sozialarbeiter*innen und Betreuten sowie der Reflektion derselben führt zu einer zunehmenden Sinnentleerung der gesamten sozialarbeiterischen Tätigkeit. Deshalb werden Interaktionen, um sie trotz Sinnentleertheit immer wiederholen zu können, häufig ritualisiert. Dabei entwickeln Sozialarbeiter*innen mit fortschreitender Zeit einen Koffer voller Standardfragen und -antworten, wie die Befindlichkeit der Betreuten sei, was ihre Ziele seien und welche Probleme sie sähen, die umso hohler werden, desto weniger das Gemeinsame der bearbeiteten Lebenslagen der Betreuten reflektiert, sondern nur der Einzelfall gesehen wird. So werden die Mittel stetig wichtiger und nehmen bald den Platz der Ziele sozialarbeiterischer Tätigkeit ein. Nicht mehr das Erreichen der gemeinsam erarbeiteten Entwicklungsziele, sondern das Abarbeiten der richtigen Mittel wird zum Ziel der Sozialarbeiter*innen (vgl. ebd., 104f.).

Bader kennzeichnet diese Entwicklung als Versuch der Sozialarbeiter*innen, ihre Betreuten zu kontrollieren und betont, dass dies so weit gehen kann, dass adäquate Arbeit mit den Betreuten nicht aus den Zielen, sondern aus den Mitteln heraus abgeleitet wird und die Betreuten den Mitteln angepasst werden (vgl. Bader 2016, 77).

Auch die zahlreichen Versuche, geeignetere Mittel zu finden, um die Wirksamkeit der eigenen Arbeit besser bewerten zu können, verstärken das grundsätzliche Problem der Abkehr von den sozialen Bedingungen. Beispielsweise nutzen viele Sozialarbeiter*innen therapeutische Gesprächstechniken, um die Betreuten zu bestimmtem Verhalten zu bewegen. Dabei steht aber eher die verfeinerte Sozialkontrolle bis hin zu einer ausgeprägten psychischen Kontrolle und Unterordnung unter die Wünsche der Sozialarbeiter*innen im Vordergrund.

Ein anderer Versuch ist der der Spezialisierung: Indem Sozialarbeiter*innen sich immer weiter bestimmten Lebensausschnitten ihrer Betreuten zuwenden, versuchen sie tragfähiges Wissen über diesen Ausschnitt zu gewinnen und so die erhofften Bewertungsgrundlagen zu schaffen. Da durch diese Art der Spezialisierung die Betreuten sowie auch die Sozialarbeiter*innen selber, da eine Fokussierung immer mit einer Abkehr von anderen relevanten Lebensbereichen einhergeht, partialisiert werden, sind die aus der Spezialisierung gewonnenen Schlüsse meist einseitige Übergangslösungen (vgl. Bader 1987, 108f.). Das verbreitetste Beispiel dafür ist aktuell die systemische Beratung: In dieser wird die Technik, die Betreuten innerhalb ihrer sozialen Bezüge ihre Problemlösungen selbst finden zu lassen, präferiert. Dass dabei die Betreuten tendenziell auf ihre sozialen Netze reduziert werden und die Erschließung materieller Ressourcen durch die Sozialarbeiter*innen gegenüber Betreuten, die bisher meist genau mit dieser Erschließung Schwierigkeiten hatten, aus dem Fokus gerät, wird weder als grundlegendes Problem gesehen noch als Versuch, Sozialarbeiter*innen von Arbeit zu entlasten und diese stattdessen auf das soziale Umfeld der Betreuten zu delegieren. So soll das Erlernen und Abarbeiten eines weiteren Arbeitsmittels zum Ziel sozialarbeiterischer Tätigkeit werden, welches für die Hilfe für Betreute denkbar ungeeignet ist.

Anna ist als Betreute von der verkürzten Sicht des Einrichtungs-Teams auf ihre Klassenlage betroffen. Dadurch wurde sie vordergründig in ihrem Einzelschicksal und damit auch allein verantwortlich für ihre Lage gesehen. Dass ihre Besserung gleichzeitig als persönlicher Erfolg oder Misserfolg des Teams gewertet wurde, hat dazu beigetragen, dass das Team ihr wiederholt unpassende Angebote gemacht hat. Gleichzeitig war das Team durch diese Sichtweise bereits aufgrund der Erfahrungen mit den vorher Betreuten frustriert, da diese seitens des Teams ebenfalls vordergründig in ihren Einzelschicksalen und die Arbeit mit ihnen nicht grundsätzlich als gesellschaftlich relevant angesehen wurde. Auch die Kombination aus Dienstleistungsorientierung und Lohnarbeit, also die vorgeschobene Untertänigkeit zusammen mit der Gegenstandsabgewandtheit, hat dazu beigetragen, das Verhältnis mit Anna problematisch zu gestalten. Das Misstrauen ist ausgeprägt und Anna spürt die Haltung des Teams, dass die Arbeit mit Anna in letzter Instanz nur eine Lohnarbeit ist, die man im besten Fall am Einrichtungs-Ausgang fallen lässt, während das Leben in der Einrichtung und der Kontakt zu den Sozialarbeiter*innen für Anna ihren größten Lebensinhalt darstellt.

Das Team versucht Anna zwar nicht durch vorgeschobene und unreflektierte Theorie zu einem bestimmten Verhalten zu drängen, aber anhand der unpassenden Angebote wurde deutlich, dass das Team versuchte, für Anna Ziele zu definieren und sie dabei entmündigte. Gleichzeitig haben weder das Team noch Anna versucht, den Streit um diese Fragen soweit zu eskalieren, dass es auf einer der beiden Seiten zu einer ernsthaften Handlungsänderung gekommen wäre. Das Team hatte offensichtlich das Interesse, mit Anna nicht zu viel Arbeit zu haben und fand es möglicherweise auch gar nicht so schlecht, dass Anna zumindest oberflächlich vorgab, die unpassenden Angebote anzunehmen, so dass das Team seine Handlungsweise nicht grundsätzlich ändern musste. Wobei das Team durch den aufgebauten Frust und die Haltung, nicht auf Annas Beweggründe zu schauen, sondern ihr Verhalten zu personalisieren, Anna gegenüber klar zum Ausdruck brachte, was vom Team erwünscht ist und was nicht. Auch die Ritualisierung der Gesprächsmittelverwendung, in diesem Fall das Drängen zur Aufnahme irgendeiner Arbeitstätigkeit und regelmäßige bloß soziale Gespräche über Annas Befindlichkeit und Leben, hatte sich im Team gegenüber Anna eingestellt. Tendenzen zur Therapeutisierung waren angesichts der Vorstellung, die Aufnahme irgendeiner Arbeit würde Anna aus dem Motivationsloch holen, ebenfalls vorhanden.

Anton versuchte dagegen seine Arbeit nicht als personalisierten Erfolg oder Misserfolg zu sehen und war weniger vorfrustriert. Zwar hatte er die Theoriefeindlichkeit des Studiums mitgebracht und auch schon Eindrücke der verbreiteten bloß sozialen Gesprächsorientierung mit Kommiliton*innen und anderen bereits in der Sozialen Arbeit Tätigen gewonnen, aber er bemühte sich um eine unvoreingenommenere Haltung gegenüber Anna. Auch die Gegenstandsabgewandtheit der Lohnarbeit lag ihm ferner und er versuchte ebenso wenig zu den Betreuten ein Dienstleistungsverhältnis aufzubauen. Da er selbst keine unmittelbar relevanten Entscheidungen über die Betreuten treffen musste und auch nicht versuchte, Ziele für sie zu bestimmen, fiel ihm diese Orientierung auf der anderen Seite aber auch leichter als seinen Kolleg*innen, die sich mit einem höheren Verantwortungsdruck konfrontiert sahen. Ebenfalls war die mangelnde Erfahrung Antons mit ausgefeilten Gesprächstechniken dafür förderlich, sich in den Gesprächen mit den Betreuten nicht zu sehr auf diese Mittel zu konzentrieren, so dass er im Gegensatz zu seinen Kolleg*innen offener für die von Anna formulierten Ziele war.

4.6 Die Kolleg*innen

Bei den Beziehungen zwischen den Sozialarbeiter*innen konstatiert Bader eine ausgesprochen ausgeprägte Tendenz, die eigene Meinung nicht offen darzulegen, sondern sie in vielen Fällen eher zu verbergen. Vor dem Hintergrund, dass aufgrund des Sozialabbaus jede Kollegin Konkurrentin um den eigenen Arbeitsplatz werden kann, sowie im Angesicht der sozialen Kontrolle im Rahmen der bloß sozialen Gesprächsorientierung, scheint dies naheliegend. Hinzu kommt die Fokussierung der gemeinsamen Aufmerksamkeit auf die sozialarbeiterischen Mittel statt auf eine theoretische Reflektion der jeweiligen Auffassungen und Ziele. Die darin zum Ausdruck kommende Theoriefeindlichkeit verstärkt den Unwillen von Sozialarbeiter*innen, die ihrer Praxis zugrundeliegenden Theorien darzulegen und streitbar zu vertreten. Theorie wird vielmehr als Werkzeug, um sich gegeneinander zu profilieren, genutzt. Insbesondere in Konfliktsituationen, wo Einzelne den stillschweigenden Konsens, nicht groß zu diskutieren, in Frage stellen, kann es zu einer gemeinsamen Abwehrfront der Kolleg*innen kommen, womit sich die Einzelnen der Gefahr der zusätzlichen Isolation aussetzen. Die Personalisierung der, dem jeweiligen Verhalten zugrundeliegenden, sozialen Bedingungen verkehrt dazu die empfundene Notwendigkeit, bei Problemen Fehler zu diskutieren, zur Praxis, die Probleme den Einzelnen anzulasten, indem man sie ihnen als persönliche Eigenschaft zuschreibt. Die oberflächliche Höflichkeit unter Kolleg*innen gewinnt so den Kern einer misstrauischen bis missgünstigen Beobachtungs-Atmosphäre, in der diejenigen, die sich äußern und exponieren, dafür ignoriert oder angegriffen und in die Zurückhaltung zurückgedrängt werden. Eine Folge dieser Situation ist das Aufgeben von Zielen und Positionen seitens der Sozialarbeiter*innen. Sie denken sich, wenn sie eh keine Bündnispartner*innen für ihre Auffassungen finden, dann sind die bereits gebildeten Positionen im Arbeitskontext scheinbar nicht erforderlich, denn irgendwie läuft die Arbeit in der Einrichtung ja auch ohne den offenen Austausch von Auffassungen (vgl. ebd., 113f.).

Hinzu kommt die Gefahr, in Debatten mit Kolleg*innen die bisherigen Arrangements mit den Betreuten, wie die Aufrechterhaltung eines mittleren Konfliktniveaus, zu gefährden. Besonders schwerwiegend ist dabei die Personalisierung in Bezug auf die Sozialarbeiter*innen: Wenn diesen Misserfolge in der Arbeit mit den Betreuten als persönliches Versagen ausgelegt werden, kann dies für Kolleg*innen schnell zum Anlass werden, die versagende Kollegin auszuschließen oder für teilweise bis vollständig berufsunfähig zu erklären. Das tendenzielle Ausblenden der sozialen Bedingungen der Sozialarbeiter*innen selbst wirkt hier ähnlich stark, wie gegenüber den Betreuten. Eine weitere Konsequenz dieser Situation ist, dass Sozialarbeiter*innen die gemeinsame Aufmerksamkeit im Team zunehmend auf das Private der Kolleg*innen legen. Dort kann unverfänglich und vor allem ausführlich, und damit die Zeit für praxisverändernde theoretische Debatten raubend, erzählt werden von der Familie, der Wohnung, den Hobbys und anderen Erlebnissen. Gleichzeitig werden die Erzählungen durch die Kolleg*innen daraufhin geprüft, ob die Erzählende auch den sozialen Erwartungen der Kolleg*innen entspricht, sprich in “geordneten Verhältnissen” lebt. Sozialarbeiter*innen, die einen anderen Eindruck erwecken, werden tendenziell als Gefahr für die gemeinsame Arbeit gesehen, da sie öfter krank sind und weniger oft für andere einspringen können. Deshalb werden die Kolleg*innen als am angenehmsten gesehen, die sich ruhig und unauffällig verhalten und ihre Arbeit so erledigen, dass man sich gegenseitig nicht in die Quere kommt. Das bedeutet, die mangelnde Aufmerksamkeit für die konkreten Arbeitstätigkeiten der Kolleg*innen werden ersetzt durch eine überhöhte Aufmerksamkeit für die Tätigkeiten außerhalb des gemeinsamen Arbeitsplatzes. Dadurch wird auch in der gemeinsamen Reflektion mehr die Atmosphäre zwischen den Team-Mitgliedern thematisiert als die jeweiligen Arbeitstätigkeiten, wodurch die bloß soziale Gesprächsorientierung in diesen Fällen stetig wiederhergestellt und verfestigt wird. (vgl. ebd., 115ff.). Insbesondere Dienstbesprechungen werden so zunehmend zur periodisch wiederholten Kontroll- und Disziplinierungssituation. Leitungen prüfen die Übernahme ihrer Entscheidungen durch die Team-Kolleg*innen und indem die Kolleg*innen über die Leitungsentscheidungen informiert werden, werden die Entscheidungen so gleichzeitig scheinbar legitimiert. Dabei werden inhaltliche Konflikte um Leitungsentscheidungen sowie um die Übernahme derselben aufgrund der beschriebenen Personalisierungstendenzen regelmäßig zu persönlichen Abneigungen und Fehden (vgl. ebd., 120ff.). Auf der anderen Seite versuchen manche Leitungen ihre machtvolle Position dahinter zu verstecken, dass sie anstreben, möglichst auf Augenhöhe mit den Kolleg*innen zu agieren. Dies wird aber einerseits häufig als Heuchelei verstanden, weil die Sanktionsmöglichkeit ja weiter bei der Leitung bleibt und andererseits tut die Leitung dabei so, als wäre sie selbst kein Subjekt mit eigenen Interessen, die sie versucht mit ihrer einflussreichen Position im Team durchzusetzen. Auch einfache Zurückhaltung seitens der Leitung, um ihren Einfluss nicht zu stark auszuspielen, wird oft als Uneindeutigkeit interpretiert und schürt Misstrauen. Die daraus folgende vermeintlich größere Freiheit im Handeln seitens der unterstellten Kolleg*innen wird so zur Pseudofreiheit, da nicht über Ziele und Kriterien gestritten wird und so zwar jede Kollegin selbst entscheidet, aber dabei auch in ihren Entscheidungen isoliert wird (vgl. ebd., 123ff.).

Sind die Beziehungen im Team so zerrüttet, dass den Kolleg*innen keine Besserung mehr möglich erscheint, wählen viele den Modus der Einzelkämpferin. Sie wähnen sich klüger als ihre Kolleg*innen und bekräftigen sich selbst gegenüber, dass sie ihr Bestes versucht hätten, nur um in letzter Instanz umso fester mit dem Status Quo einverstanden zu sein und ihn somit zu legitimieren. Dieser Modus wechselt regelmäßig mit einer Form des vorübergehenden Aktivist*innentums, in der sich der zurückgehaltene Ärger über die Kolleg*innen und die gemeinsame Arbeit Bahn bricht, in einem Einzelkampf verraucht und sich als Frust im Herzen der Kolleg*innen ablagert (vgl. ebd., 126f.).

Anton ahnt bei seinem Stellenantritt die möglichen Schwierigkeiten, wenn er seine Meinung offen kundtut, das heißt, dass die Atmosphäre, in der sich das Team bewegte, eine eher theoriearme und mehr auf die sozialarbeiterischen Mittel gerichtete war. Anton hatte zwar einiges theoretisches Rüstzeug von der Hochschule im Gepäck, hat aber wahrgenommen und gehört, dass Theorie in der sozialarbeiterischen Praxis häufig als Mittel der Profilierung gegeneinander statt gemeinsam und füreinander genutzt wird. Er hat die misstrauische Beobachtungsatmosphäre zwischen den Kolleg*innen gespürt und sich spontan teilweise darin eingefügt. Über Ziele wurde wenig gesprochen und Anton gewann dadurch und durch die personalisierenden Interaktionen ebenfalls den Eindruck, dass bestimmte Kolleg*innen mehr als sozialarbeiterische Versager und andere mehr als erfolgreich gesehen wurden, auch wenn ihm die Kriterien dafür nicht klar waren. Auch das Austauschen von Privatheiten fand deutlich spürbar als eigenständiger Bereich der Team-Sitzungen statt. Anton konnte zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen, dass nicht das gemeinsame Kennenlernen hin auf die gemeinschaftliche Verbesserung ihrer Arbeit der Grund war, sondern das Ablenken von der Initiierung gerade dieser gemeinschaftlichen Verbesserungen. Anton merkte auch, dass von ihm erwartet wird, sich ruhig und zuverlässig zu verhalten. Er hatte nicht den Eindruck, sich in seiner Persönlichkeit wirklich ausdrücken zu können, sondern dass von ihm vor allem soziales Wohlverhalten und das Demonstrieren geordneter Verhältnisse gewünscht wurde. Die Team-Sitzungen nahm er als entsprechend überwachend und kontrollierend wahr. Die Jugendlichen wurden zwar besprochen, aber so oberflächlich und so frustriert, dass Anton bereits dort deutlich wurde, wie wenig es den Kolleg*innen um eine Verbesserung ihrer Arbeit oder wirklich um die Lebenswirklichkeit der anderen Kolleg*innen ging. Sie machten auf ihn eher den Eindruck, möglichst wenig verausgabt ihre Lohnarbeitszeit verbringen zu wollen und dann in das eigentlich interessante Leben nach Hause kommen zu können.

4.7 Aktuelle Situation

Um das Verhältnis zwischen sozialarbeiterischem Bewusstsein und der gesellschaftlichen Funktion von Sozialer Arbeit zum Abschluss aktuell zu bestimmen, wird an dieser Stelle die jetzige sozialpolitische Situation in der Sozialen Arbeit der BRD beleuchtet.

Gemeinhin wird die aktuelle politische Phase in den westlichen Industriestaaten als Neoliberalismus bezeichnet. Sorg nennt in diesen Staaten als Beginn der Wende von einer keynesianischen staatlichen Investitionspolitik zur neoliberalen Privatisierung den Anfang der 80er Jahre. Anlass sei die Globalisierung als internationale Konkurrenzverschärfung um die Absatzmärkte gewesen und der Beschleuniger der Zusammenbruch des ost-europäischen Sozialismus. Propagiert wurde der Neoliberalismus vor allem durch Denkfabriken wie die “Mont Pèlerin Society” und in Deutschland die “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft” (vgl. Sorg 2012, 110). Die wichtigsten Merkmale des Neoliberalismus sind die Überführung möglichst vieler öffentlicher Bereiche in die Hand von privaten Besitzern sowie die Kommerzialisierung noch nicht dominant nach Marktkriterien funktionierender Lebensbereiche. Die zentralen Maßnahmen waren die Senkung der Steuern und der Staatsausgaben, die Abschaffung von Regulierungen des Arbeitsrechts, die Einsparung insbesondere von Sozialausgaben, die Rücknahme staatlicher Investitionsaktivitäten sowie von Regulierungen an den Börsen (vgl. ebd., 111).

Dankwart Danckwert, Professor für Soziale Arbeit, bemerkt dabei schon 1984, dass die sozialen Probleme durch die sinkenden Mittel für Soziale Arbeit größer werden und wiederum noch mehr Mittel erfordern würden, als ohne die Kürzungen bereits benötigt wurden, woraus sich ein Teufelskreis ergebe (vgl. Danckwert 1984, 31).

Ulrike Eichinger, Professorin für Theorie und Praxis der Sozialpädagogik, fasst die neoliberale Entwicklung seit Anfang der 1990er Jahre wie folgt zusammen: Neben der Abkehr vom 40-Stunden-Normalarbeitsmodell und einem Abbau sozialstaatlicher Leistungen konzentrierte sich die neue Soziale Arbeit, auch aktivierende Soziale Arbeit genannt, auf die Regulation von unverbundenen Gesellschaftsteilen. Dabei wurde vermehrt zuerst mit Angeboten zur Verhaltensregulation und, bei Weigerung der Betreuten, erst danach mit Zwangsmaßnahmen interveniert (vgl. Eichinger 2007, 25). Durch die Einführung der sogenannten neuen Steuerungsmodelle wurde die Arbeit von Sozialarbeiter*innen von ihnen immer weniger als Beziehungsarbeit und immer mehr als Ressourcenarbeit und Arbeitsverdichtung gesehen (vgl. ebd., 26). Dabei war aber nicht die Beschaffung von Ressourcen für die Betreuten gemeint, sondern für den Fortbestand der Einrichtungen. Hier wird deutlich, dass die Sozialarbeiter*innen, die ihre bisherige Arbeit als bloß sozial orientiert und somit als weniger kriterienbasiert praktizierten, sich damit in der problematischen Situation befinden, gegenüber äußeren an sie angelegten Kennzahlen und Erwartungen der Geldgeber nicht ausreichend tragfähige Kriterien für ihre Arbeit benennen zu können. Die hinzukommende fehlende Planbarkeit aufgrund befristet gewährter Projektgelder oder an die Erfüllung von Leistungskriterien geknüpfte Fortzahlungen wird zunehmend an die Sozialarbeiter*innen weitergereicht, die sich mehr und mehr individuell um die Sicherung der Finanzierung bemühen und dies zum integralen Bestandteil ihrer Arbeit machen sollen. Die daraus folgenden weiter isolierenden Effekte gegenüber den einzelnen Sozialarbeiter*innen sind offensichtlich.

Darüber hinaus werden regelmäßig durch innovative Konzepte Neuerungen in den Arbeitsabläufen vorgeschlagen oder direkt eingeführt, so dass der Ingegrationsaufwand dieser Neuerungen ebenfalls die Arbeit mit ausfüllt und der Fokus erweitert auf die sozialarbeiterischen Mittel statt auf die Ziele der Arbeit gelegt wird. Die sich dazu verschlechternden Arbeitsbedingungen führen zu verschärfter Konkurrenz unter den Kolleg*innen und zu einer weiter verstärkten Personalisierung, da kaum Zeit bleibt, die sozialen Entwicklungen zu reflektieren. Das ohnehin bisher in der Sozialen Arbeit Problematische der Personalisierungstendenzen wird verschärft (vgl. ebd., 26).

Der zentrale Grundstein für diese Entwicklung war bereits die Ökonomisierung des Sozialstaates in den 1990er Jahren mit der Einführung von wettbewerblichen Maßnahmen, der Öffnung zahlreicher Bereiche für private Marktanbieter sowie der Zunahme von Projektfinanzierungen (vgl. ebd., 28f.). Auf der anderen Seite wurde nach Sorg aber seitens der Vertreter*innen dieser Veränderungen auch betont, dass die Bürger*innen vor paternalistischen oder bürokratischen Staatsstrukturen geschützt werden sollten. Damit sollte eine Nähe zur Bürgerin/zum Bürger und eine Dienstleistungsorientierung umgesetzt werden, in dessen Rahmen die Bürger*innen möglichst frei entscheiden könnten und nicht vom Staat abhängig seien. Dagegen wurde bei diesen Konzepten durch einige Sozialarbeiter*innen vor allem die schwere quantitative Überprüfbarkeit kritisiert und dass die Zielgruppe der Sozialen Arbeit keine Kund*innen seien, weil sie in einer Notsituation in die Abhängigkeit von Hilfeleistenden gingen und sich nicht wie Kund*innen durch Geld dafür entscheiden könnten, welche Dienstleistung sie kaufen. Selbst Präventionskonzepte wurden laut Sorg zu dieser Zeit zunehmend mit der Orientierung auf Investitionen in Humankapital, welches in Form von Menschen das Wirtschaftswachstum steigert, vertreten (vgl. Sorg 2012, 113).

Ab Ende der 1990er Jahre ging die Entwicklung in das Konzept des aktivierenden Staates über. Seitdem wurden Sozialarbeiter*innen zunehmend als Mittel der Arbeitsmarktpolitik eingesetzt, um beispielsweise Arbeitslose zu aktivieren. Dabei wurde insbesondere auf sozialarbeiterische Konzepte der Gemeinwesenarbeit und des Empowerment zurückgegriffen (vgl. Eichinger 2007, 28f.).

Diese Konzepte, die ursprünglich in Kritik an einer paternalistischen Fürsorge entwickelt wurden, wurden durch ihre Einbindung in die Arbeitsmarktsteuerungspolitik in ihren Bedeutungen umgekehrt und völlig verdreht. Dadurch wurden die Hartz-IV-Gesetze durch sozialarbeiterische, ursprünglich sozial fortschrittliche, Konzepte wissenschaftlich entscheidend abgesichert und legitimiert (vgl. Sorg 2012, 113ff.).

Verschärfend kam das sozialstaatliche Benchmarking im Rahmen der Europäischen Union (EU) hinzu, bei dem neue Haushaltskürzungen, um die verschuldeten Staatshaushalte zu entschulden, EU-weit vor allem im Sozialbereich vorgenommen wurden (vgl. Eichinger 2007, 28f.).

Ein Maßnahmenpaket, um in der Sozialen Arbeit Kosten einzusparen, war – neben dem direkten Personalabbau, erhöhten Befristungszahlen und mehr Honorarverträgen – die Flexibilisierung der Arbeitszeiten durch Arbeitszeitkonten, leistungsbezogene Vergütungen und der Wechsel der Arbeitsorte. Dies hat zwar teilweise auch größere Auswahlmöglichkeiten für die Sozialarbeiter*innen mit sich gebracht, bis hin zu neuen subjektiv empfundenen Freiheitsgraden, aber vor allem sind die Existenzängste gestiegen. (vgl. ebd. 29).

Dazu sprachen manche Sozialarbeiter*innen davon, dass sie noch Glück mit ihren Stellen gehabt hätten, was als Indiz dafür erscheint, dass die grundsätzliche Verschlechterung der Arbeitsbedingungen von den meisten wahrgenommen wurde und weiterhin wird. Damit einher ging ein Mentalitätswandel, sich weniger auf das Arbeitsrecht und unbefristete Arbeitsverträge zu verlassen, sondern sich dafür mehr als dauerhaft ökonomisch nützlich für die Einrichtung herausstellen zu wollen. Diese Form der Selbstdisziplinierung hatte ihren Höhepunkt in der Vorstellung der Ich-AG, dass jeder sein eigener Unternehmer und seine eigene Aktiengesellschaft sei (vgl. ebd., 30f.).

Durch die Einführung von Ein-Euro-Jobs im Zuge der Hartz-IV-Gesetze kamen dazu noch billigere Arbeitskräfte, die Tätigkeiten, die weniger Qualifikation erforderten, statt der Sozialarbeiter*innen erledigen sollten – bei gleichzeitiger Qualitätssenkung der sozialarbeiterischen Arbeit. Auch Weiterbildungsmaßnahmen mussten und müssen größtenteils von den Sozialarbeiter*innen selbst gezahlt werden, was bedeutete, diese Angebote zu privatisieren und die Verantwortung zur Qualitätsverbesserung der Sozialen Arbeit teilweise auf die Sozialarbeiter*innen selbst abzuwälzen (vgl. ebd., 31). Ein Effekt des Kürzungsdrucks ist das teilweise politische Wohlverhalten von Sozialarbeiter*innen, beispielweise wenn es um Verhandlungen mit kommunalen Entscheidern geht: Bestimmte Partei- und Verwaltungswünsche werden in diesen Fällen in Einrichtungen umgesetzt, um die dringend benötigte Weiterfinanzierung zu erhalten. Auch innerhalb der Einrichtungen führt dies zu einer Verschärfung der Praxis, nur diejenigen Kolleg*innen in Leitungspositionen zu lassen, die diese politischen Wünsche und beispielsweise Kürzungen mittragen, um den Widerstand dagegen zu marginalisieren und zu behindern (vgl. ebd., 32). Konsequenzen dieser Entwicklungen sind die Verstärkung des Drucks, Betreute länger als notwendig in den Maßnahmen zu belassen, die mit den Betreuten verbrachte Zeit als höher anzugeben, als sie stattgefunden hat sowie entgegen sozialarbeiterischer Gebotenheit Termine mit den Betreuten viel länger zu gestalten, um Fahrtkosten und -zeit einzusparen. Damit verbunden ist eine dauerhafte Angst seitens der Sozialarbeiter*innen, bei ihrem nicht den Einrichtungsanweisungen und der Gesetzeslage entsprechenden Verhalten erwischt zu werden. So werden auch die Betreuten durch den Kürzungsdruck vermehrt in Betreute, die mehr und welche, die weniger Arbeit machen, unterteilt und entgegen einer jeweils angemessen sozialarbeiterischen Arbeit unpassend behandelt (vgl. ebd., 32f.). Durch die so zugespitzten Misstrauensverhältnisse sowie durch den, unter den Sozialarbeiter*innen verstärkten, Konkurrenzdruck haben sich vermehrt Entsolidarisierungstendenzen verbreitet. Hinzu kamen durch die Zusammenlegung von Einrichtungen eine zunehmende Anzahl an Mitgliedern des mittleren Managements, die bisher mehr auf Augenhöhe arbeitende Teams durch ihre Vorgesetztenfunktion dazu anregen, weniger offen auf Team-Sitzungen zu sprechen. Der gleichzeitige Ausbau der Dokumentationspflichten macht es wiederum einfacher für die Leitungen, die ihnen unterstellten Kolleg*innen zu kontrollieren, was die Tendenz, weniger offen zu sprechen, ebenfalls befördert. Die daraufhin angewandten individuellen Bewältigungsstrategien verschlimmern die Lage oft, da die alle betreffenden Probleme so tendenziell eher verdeckt werden statt, dass sie gemeinsam angegangen werden (vgl. ebd., 34ff.).

Anton arbeitet als Sozialarbeiter in einem Beruf, in dem die meisten Einrichtungen in privater Hand sind: vor allem in der Hand der kirchlichen, aber auch der nicht kirchlichen Wohlfahrtsverbände. Die Finanzierung geschieht zwar durch den Staat, aber die Sozialarbeiter*innen sind in den meisten Fällen nicht direkt beim Staat angestellt. Er ist betroffen von der starken Deregulierung des Arbeitsrechts und damit auch von einer erhöhten Gefahr, befristet oder in Teilzeit angestellt zu werden. Der dadurch dauerhaft vorhandene Konkurrenzdruck drängt ihn zu Wohlverhalten gegenüber seiner Leitung, seiner Einrichtung, aber auch gegenüber den kommunalen Geldgebern, da diese Finanzierungsdruck auf seine Einrichtung ausüben können, wenn er sich politisch nicht angepasst genug verhält. Er muss als Berufsanfänger zwar nicht selbst für die Finanzierungsgrundlage seiner Einrichtung hauptverantwortlich tätig sein, aber die Sorgen seiner Kolleg*innen beeinflussen insoweit seine Arbeit, dass er unter Umständen bereit ist, das Verhalten, Betreute länger als nötig in der Einrichtung zu behalten, mitträgt. Dies wird durch seine Position als Berufsanfänger verstärkt, da er als Neuer unter Umständen am ehesten wieder entlassen werden könnte. Das heißt, es ist auch möglich, dass er in bestimmten Situationen der Geldknappheit seiner Einrichtung besonders politisch angepasst gegenüber den kommunalen Geldgebern oder besonders stark misstrauisch und konkurrierend gegenüber seinen Kolleg*innen agiert.

Auch ist Anton anfangs wenig in die bürokratischen Anforderungen der Einrichtung eingebunden. Er muss zwar ausführlich dokumentieren und sich an der Dienstekoordination beteiligen, ist aber im Gegensatz zu den länger in der Einrichtung arbeitenden Kolleg*innen nicht im gleichen Maß dazu genötigt, bei Krankheitsfällen einzuspringen. Trotzdem ist auch er regelmäßig mit innovativen neuen Gesprächs- und Gruppentechniken konfrontiert, die seine Aufmerksamkeit und Integrationsarbeit erfordern. Dazu muss er immer damit rechnen, aufgrund von Einrichtungserfordernissen den Arbeitsort wechseln zu müssen. Ebenso steht er unter dem Druck, sich dauerhaft als ökonomisch nützlich für die Einrichtung zu beweisen, was sich in bestimmten Situationen schnell als Verlust des empfundenen Arbeitssinns bemerkbar machen kann oder sogar in der Vortäuschung von von ihm verrichteter nützlicher Arbeit mündet. Im Extremfall kann die vorgetäuschte Arbeit einen großen Teil der eigentlichen Arbeit ersetzen und damit die ökonomische Grundlage seiner Einrichtung gefährden, da die Kolleg*innen in diesem Fall die von Anton nicht geleistete Arbeit übernehmen müssen und ihrerseits wiederum in ähnliche Konflikte kommen.

4.8 Sozialarbeiterische Hegemonien

Anhand der gemachten Ausführungen lässt sich nun das Verhältnis des sozialarbeiterischen Bewusstseins zur gesellschaftlichen Funktion von Sozialer Arbeit als sozialarbeiterische Hegemonien inhaltlich präzisieren:

Als organische Intellektuelle der Klasse der Kapitalist*innen sind Sozialarbeiter*innen hegemonial vor allem Praktiker*innen des Kapitalismus. Sie lehren andere Menschen, den Klassenantagonismus zu akzeptieren und sich in ihm zu bewegen. Das heißt, das Ziel Handlungsfähigkeit zu erlangen, steht bei Sozialarbeiter*innen im Fokus. Ihr Spezialgebiet ist die restriktive Handlungsfähigkeit. Da sie mit den im Kapitalismus vorhandenen sozialen Problemen erst ihren Arbeitsgegenstand erhalten und selbst nicht organisiert gegen die Klassenherrschaft der Kapitalist*innen rebellieren, haben sie ein Interesse daran, dass die von ihnen bearbeiteten sozialen Probleme nur bis zu dem Grad gelöst werden, wie sich die Menschen, die diese Probleme haben, wieder in einen relativen Konsens mit der Herrschaft einfügen.

Dabei bringen Sozialarbeiter*innen ihren Betreuten bei, sich in einem Motivationszustand verinnerlichten Zwangs selbst zu Handlungen zwingen zu können, mit denen die Betreuten ihre restriktive Handlungsfähigkeit sichern können. Dazu gehören oberflächlich deutende Denkmuster zwecks pragmatischen Handelns und eine restriktive Emotionalität, die zur Verwendung als Belohnung und Strafe geeignet ist. In diesem Sinne versuchen Sozialarbeiter*innen ihre Betreuten bei dem Abschluss ihrer Entwicklungszüge, insbesondere dem Erwachsen werden, daraufhin zu unterstützen, dass die Betreuten erfolgreich ihre Ausbeutbarkeit und Verfügungsarmut im Kapitalismus realisieren und akzeptieren. Darin versuchen Sozialarbeiter*innen Familienstrukturen und Geschlechterverhältnisse mit den Betreuten gemeinsam insoweit zu variieren, wie die Betreuten sich möglichst konfliktarm in die kapitalistische Gesellschaft einfügen. Die Theoriefeindlichkeit von Sozialarbeiter*innen kommt ihnen in diesen Tätigkeiten zu Gute, da die ohnehin vorhandene Oberflächlichkeit im Modus deutenden Denkens zusätzlich verstärkt und abgesichert wird.

Stattdessen verfeinern Sozialarbeiter*innen in Absehung von den sozialen Bedingungen anderer Menschen ihre Kontroll- und Manipulationsfähigkeiten durch Gesprächstechniken und die Unterstützung der Unterdrückung der Betreuten. Ihre zentralen Mittel bei dieser Unterstützung sind die Drohung, die staatliche Gewalt anzurufen, sowie die fatalistische Geschichtssicht des Alltagsverstandes. Durch die Auffassung, dass der Kapitalismus und damit sie selbst als Sozialarbeiter*innen schon immer da waren, nehmen sie die Funktion von zwar noch organisch handelnden Intellektuellen, aber zunehmend traditionell werdenden Intellektuellen der Klasse der Kapitalist*innen wahr. Mit der möglichen Ablösung des Kapitalismus durch den Sozialismus/Kommunismus ist die Funktion von Sozialarbeiter*innen, die sozialen Probleme des Kapitalismus zu lösen, in die Zukunft gesehen, potenziell aufgehoben. Dadurch haben Sozialarbeiter*innen ihre Verbindung zur Klasse der Kapitalist*innen, so wie die Klasse der Kapitalist*innen ihr Kommando über die Produktion und ihr damit verbundenes Prestige, teilweise eingebüßt. Damit reihen sie sich in die zuvor von ihnen teilweise in ihrer Funktion abgelösten traditionellen Intellektuellen der Priester*innen, Lehrer*innen, Ärzt*innen, Polizist*innen und Anwält*innen ein und entwickeln sich zunehmend selbst zu traditionellen Intellektuellen. Die Professionalisierung sowie die Etablierung der Sozialen Arbeit an den Hochschulen ist davon der stärkste Ausdruck. Dabei macht die Übernahme von ehemaligen Funktionen der Familie Sozialarbeiter*innen in einem weiteren hegemonialen Kernaspekt zu einer Art staatlichen Eltern: Sie erziehen, kontrollieren und sorgen für die materielle Grundsicherung im Staatsauftrag. Die Tatsache, dass die meisten Sozialarbeiter*innen Frauen sind, korrespondiert mit der bisherigen geschichtlichen Entwicklung, dass die hauptsächlichen Familienaufgaben von Frauen geleistet wurden. Auch die traditionelle Kultur der Familienmitglieder, sich unabhängig von den füreinander geleisteten Tätigkeiten oberflächlich zu schätzen, verwirklichen Sozialarbeiter*innen durch ihre bloß soziale Gesprächsorientierung. So wird die psychische Not ihrer Betreuten auf kurze Sicht gelindert, während sie auf lange Sicht, wenn die Betreuten hauptsächlich mit Sozialarbeiter*innen interagieren, schlimmer wird.

Da die meisten Betreuten zu dem späteren Zeitpunkt, wenn dies deutlicher wird, bereits häufig aus dem Gesichtsfeld der Sozialarbeiter*innen verschwunden sind, lässt sich der weitere zentrale sozialarbeiterische Hegemoniekern als der der modernen Helferin fassen: Sozialarbeiter*innen stellen sich dabei als Menschen dar, die es bereits geschafft haben, sich an den Kapitalismus sowie das ausgebeutet und unterdrückt werden anzupassen. Diese Erfahrungen wollen sie nun an ihre Betreuten weitergeben und versuchen als Vorbilder zu fungieren. Oft wollen dabei besonders die Menschen, die selbst starke Schädigungserfahrungen mit Ausbeutung und Unterdrückung gemacht haben oder selbst einmal Betreute waren, Sozialarbeiter*innen werden.

Dabei vertreten Sozialarbeiter*innen gegenüber sich selber wie gegenüber ihren Betreuten die Hegemonie des Fördern und Forderns und gehen damit konform mit der seit der Einführung der Hartz-IV-Gesetze bestehenden Disziplinierung und Dressur von nicht arbeitswilligen oder -fähigen Menschen in der BRD. So knüpfen sie an die protestantische Schule von Heinrich Wichern an, die Armen sozialkaritativ und entmündigend zum Glauben an die bestehende Gesellschaft und ihre Ordnung zu erziehen. Ebenfalls schaffen sie in diesem Rahmen durch die Regulierung von weniger qualifizierten Arbeitskräften einen Teil des Niedriglohnsektors, der der Klasse der Kapitalist*innen dabei hilft, die Löhne für die restlichen Arbeitenden niedrig zu halten, da sie mehr mit der Einstellung der niedriger bezahlten Arbeitskräfte drohen können. In diesem Sinne agieren Sozialarbeiter*innen neoliberal und antisozialistisch/-kommunistisch. Sie beteiligen sich an der Privatisierung von auch staatlich leistbaren öffentlichen Aufgaben durch die Anstellung in einer vordergründig privaten Institutionenstruktur.

Gleichzeitig betrachten sie sich als wichtige Funktionsträger im Kapitalismus, da die Aufgaben, die von Familien und den genannten Intellektuellen aufgrund der Auflösung der Familienstrukturen sowie aufgrund der Privatisierung öffentlicher Leistungen in anderen Bereichen nicht mehr geleistet werden können, nun von ihnen vergleichsweise billig übernommen werden. Die Ähnlichkeit zu der klassisch Frauen zugeschriebenen Handlungsform, umsonst oder für wenig Geld die Familienaufgaben wahrzunehmen, schlägt sich offensichtlich auch im Bild der Sozialarbeiterin als einer billigen Sorgearbeiterin nieder. Sozialarbeiter*innen sind somit auch in ihrer Berufsform praktische Vertreter*innen des Neoliberalismus, da sie ihre Existenz als billige Arbeitskraft zur Lösung sozialer Probleme eher akzeptieren als sich dagegen gemeinsam aufzulehnen. Unterstützt wird diese gesellschaftliche Stellung von Sozialarbeiter*innen durch ihre tendenzielle Bürokratieablehnung. Dieses im Kern antifeudale Anliegen zur Abwehr entmenschlichender und entmündigender Gewalteingriffe erhält durch seine hegemoniale Verschränkung mit dem Neoliberalismus eine neue antisoziale Gestalt, da sich der heutige Liberalismus nicht mehr, wie zu Zeiten der französischen Revolution, gegen einen Feudalstaat richtet, sondern in erster Linie gegen einen von der Arbeiterbewegung Kapital und Adel abgetrotzten Sozialstaat. Die aktuellen Haushaltsentwicklungen des Bundestages, weiter am Sozialen zu kürzen und stattdessen in Militär und Verwaltung zu investieren, machen diese Konsequenz unübersehbar deutlich. In letzter Instanz dreht sich somit das gedanklich erwünschte sozialarbeiterische Anliegen der antibürokratischen Emanzipation durch seine Verbindung mit dem Neoliberalismus in eine antiemanzipatorische Bürokratisierung der Alltagskultur bei gleichzeitiger fortschreitender Kommerzialisierung aller Lebensbereiche.

[Anm. d. Red.: Kapitel 5 aus Gründen mangelnder Aktualität gekürzt]

Resümee

Anhand des Beispiels von Anton und Anna ist deutlich geworden, dass Soziale Arbeit von zahlreichen Widersprüchen durchzogen ist. Um diese Widersprüche fassen zu können, hat sich bewährt, den erkenntnis- und gesellschaftstheoretischen Standpunkt der Kritischen Psychologie einzunehmen und die historisch-materialistische Dialektik zum Ausgangspunkt und zum Mittel der wissenschaftlichen Analyse zu erklären. Alle Erkenntnisse sind möglich geworden, weil konsequent von dem dialektischen Prinzip des Kampfes und der Einheit der Gegensätze ausgegangen sowie die gesellschaftliche Entwicklung als Veränderung von Materie durch geschichtliche Klassenkämpfe gesehen wurde. Damit ist bereits die im späteren Verlauf der Arbeit dargelegte Kritik am Alltagsverstand als einer geschichtsdeterministischen und dogmatischen Sichtweise, systematisch wissenschaftlich aufgehoben gewesen.

Ebenfalls bewährt haben sich die Kategorien der Kritischen Psychologie: Mittels der Kategorie der Handlungsfähigkeit wurde die Höherentwicklung vom Tier zum Menschen und seiner gesellschaftlichen Natur fassbar. Die darin angelegte relative Handlungsfreiheit ließ sich als Handlungsfähigkeit und, nach der Entfaltung der formationsspezifischen Ausprägungen im Kapitalismus, als Widerspruchspaar der restriktiven und der verallgemeinerten Handlungsfähigkeit kennzeichnen. Dabei wurde die grundsätzliche Eingebundenheit aller Menschen in die Unterdrückung anderer Menschen als Dilemma der Existenz im Kapitalismus deutlich, was den ersten großen Erkenntnisfortschritt im Hinblick auf die Herausarbeitung der Widersprüche der Sozialen Arbeit bedeutete. Soziale Arbeit ist damit grundsätzlich in die Unterdrückung anderer Menschen involviert und gleichzeitig ein Instrument ihrer Unterdrückung. Die darauf folgende Darlegung der psychischen Entwicklung des Menschen sowie der spezifischen Eigenschaften der unterschiedlichen Positionen und Lagen haben dieses Dilemma insbesondere anhand der Entwicklung vom Kind zum ausgebeuteten und unterdrückten Erwachsenen deutlich gemacht. Die Funktion der Familie und der typischen geschlechterbezogenen Handlungsformen haben dazu gezeigt, dass besonders der Bereich der Alltagskultur entscheidend für die Integration der Menschen in den Kapitalismus ist. Inwieweit die klassische Aufteilung der Handlungsformen zwischen den Geschlechtern immer noch qualitativ bedeutsam für die jeweilige Lebenslage der im Kapitalismus lebenden Menschen ist, konnte an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden und bedarf einer eigenständigen Arbeit vom Standpunkt der Kritischen Psychologie, die bisher noch nicht existiert.

Durch die Integration des durch den Kommunisten Antonio Gramsci geprägten Begriffs der Hegemonie wurde die Alltagskultur als gesellschaftlich gemacht erkennbar und, mittels der Analyse der Intellektuellen als Hauptproduzierende dieser Kultur, begreifbar. Ebenfalls wurden die Aufhebung der verschiedenen Funktionen anderer traditioneller Intellektueller sowie der Familie in der heutigen Praxis von Sozialarbeiter*innen deutlich. Eine systematische Erschließung der Kategorien Antonio Gramscis für die Kritische Psychologie steht noch aus und bedürfte ebenfalls weiterer Forschungsarbeit. Dennoch kann an dieser Stelle gesagt werden, dass sich die kulturkritischen Notizen Gramscis dafür als lohnend erwiesen haben, die Spezifik der Lebenslage und der Position der Menschen in der Gesellschaft konkreter zu fassen und ihre Handlungsalternativen stärker als historisch geworden zu sehen. Besonders die Überschneidungen zwischen der Kategorie des Alltagsverstandes auf der einen Seite und dem deutenden Denken sowie der restriktiven Emotionalität und Motivation auf der anderen Seite erscheinen als fruchtbare Ansatzpunkte für eine solche Arbeit.

Um die sozialarbeiterische Praxis aktualempirisch zu beleuchten, wurde zuerst der Forschungsstand der Sozialen Arbeit anhand der Forschungsrichtlinien der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit betrachtet. Diese Betrachtung hat ergeben, dass das in der vorliegenden Arbeit begründete Forschungsinteresse, das sozialarbeiterische Bewusstsein im Verhältnis zur gesellschaftlichen Funktion von Sozialer Arbeit zu analysieren, durch die DGSA nicht vollständig geteilt wird. Vielmehr fokussiert diese sich, ähnlich wie die in der Einleitung genannten sozialarbeiterischen Theorien, auf die Betreuten der Sozialen Arbeit. Auch die Orientierung auf nicht näher qualifizierte Rechte von Sozialarbeiter*innen und von ihren Betreuten hat sich als wenig zweckmäßig herausgestellt und sprach gegen einen systematischen Einbezug der im Rahmen der DGSA praktizierten Forschung. Stattdessen wurde der Fokus auf die Forschungsergebnisse der Kritischen Psychologie gelegt, womit möglich wurde, das konkrete typische Verhalten von Sozialarbeiter*innen zu erfassen. Am Studium Sozialer Arbeit wurde deutlich wie theoriefeindlich und personalisiert die Ausbildung von Sozialarbeiter*innen verläuft. Die Ausführungen zum Berufseinstieg von Sozialarbeiter*innen haben verdeutlicht, dass sich die Probleme des Studiums auch in der sozialarbeiterischen Berufspraxis wiederfinden und, dass die Berufsanfänger*innen wenig kollegial begleitet, sondern mehr misstrauisch beobachtet und im Zweifelsfall harsch zurechtgewiesen werden. Eine maßgebliche Erklärung für diese Situation fand sich in der bloß sozialen Gesprächsorientierung von Sozialarbeiter*innen. An dieser zeigte sich die gesellschaftliche Funktion von Sozialarbeiter*innen als Integrierende in den Kapitalismus am deutlichsten. Während Sozialarbeiter*innen ihren Betreuten gegenüber unmittelbare emotionale Unterstützung leisten, verweigern sie ihnen gleichzeitig auf lange Sicht gesehene Unterstützung, da sie die sozialen Bedingungen der Betreuten ausblenden oder von diesen ablenken. Besonders die sozialen Kontrollhandlungen und das Ausdrücken gegenseitigen Wohlverhaltens bei gleichzeitiger inhaltsentleerter Beziehung erschienen dabei als grundlegende Hilflosigkeit von Sozialarbeiter*innen, ihren Betreuten zu helfen. Vor dem Hintergrund, dass die Soziale Arbeit vordergründig mit Steuergeldern bezahlt wird, ist es bedenklich, dass ein so zentraler Bereich des Sozialwesens derartig ineffektiv arbeitet. Dennoch kann dies nicht bedeuten, die Soziale Arbeit abzuwickeln oder weiter runter kürzen zu wollen, wie es grundsätzlich von neoliberaler Seite für die meisten staatlich finanzierten Leistungen gefordert wird. Auch die Privatisierung von Sozialer Arbeit, damit diese sich durch Leistungsbeweise gestützt am Markt behauptet, kann keine Lösung sein, da so im Angesicht unsicherer Finanzierung eher der Druck zur Vortäuschung von Effektivität entsteht und das Wohl der Betreuten weiter in den Hintergrund gerät. In diesem Zusammenhang haben auch die Darstellung der aus dieser Situation entspringenden Arrangements, Betreute unpassend zu betreuen und sie länger im Hilfesystem zu halten oder sie innerhalb des Hilfesystems zu entmündigen und weiterzureichen, einen tiefen Einblick in die aktuelle Problematik der Praxis Sozialer Arbeit und deren Veränderungsbedürftigkeit gegeben. Nicht zuletzt wurde an dem ebenfalls von Misstrauen, Konkurrenz und Entsolidarisierung geprägten Verhältnis der Kolleg*innen der Sozialen Arbeit untereinander deutlich, wie akut und zeitlich drängend eine solche Veränderung ist. Dabei wird erforderlich sein, die Sichtweisen, Begründungen und subjektiv emotionalen Bewertungen der Kolleg*innen durch weitere Forschungen zu klären und daraufhin zu überprüfen, ob, in welchem Maße und in welcher Anzahl die in dieser Arbeit dargelegten typischen Verhaltensformen auf sie zutreffen. Da die Kritische Psychologie prinzipiell nur Erkenntnisse produziert, die der sozialen Selbstverständigung der Beforschten sowie der Forschenden dienen, müssen die Kolleg*innen und Betreuten selbst entscheiden, ob die Ergebnisse auf sie zutreffen und sie ggf. korrigieren oder erweitern. Auch die Konsequenzen für die Einrichtungen der Sozialen Arbeit können nur von den Kolleg*innen selbst mit angestoßen, übernommen und verallgemeinert werden. Wissenschaft kann zwar kritisieren und Probleme aufzeigen, aber der Anspruch der Kritischen Psychologie, Unterdrückung zu überwinden, gilt in diesem Fall auch und besonders für die Kritische Psychologie selbst. Das heißt, sie muss eigenständig reflektieren, inwieweit ihre Ergebnisse in die herrschende Unterdrückung eingebunden werden können oder in ihren grundlegenden Aussagen verkehrt und für Unterdrückung instrumentalisiert werden. Zur Verbindung diente die Präzisierung der aktuellen sozialpolitischen Situation. An dieser wurde deutlich, dass die Soziale Arbeit vor allem durch Finanzierungslücken und Unternehmensinstrumente zur Produktivitätssteigerung in den letzten Jahren stark unter Druck geraten ist. Der EU-weite Sozialabbau sowie seine Verschärfung durch die als Antwort auf die Weltwirtschaftskrise eingeführten Haushaltskonsolidierungen im Rahmen des EU-Fiskalpaktes sowie der sogenannten Schuldenbremse erhöhen diesen Druck konsequent weiter und nötigen den Sozialarbeiter*innen auf, als Einzelpersonen von ihrer Leistung als einer gesellschaftlich relevanten zu überzeugen. Stattdessen müssten Wissenschaft und Politik dafür Sorge tragen, tendenziell die gesamte Bevölkerung auf Augenhöhe in die Kriterienbildungsprozesse sowie die Überprüfung der Sozialen Arbeit einzubeziehen und somit zu befördern, dass Sozialarbeiter*innen sich als Intellektuelle mit der Bevölkerung verbinden. [Anm. d. Red.: Bezugnahme auf Kapitel 5 gekürzt]

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