Wo kritische Wissenschaft entsteht – und wo nicht

Eine Wissenschaft, die auch Ansätzen jenseits des Mainstreams Raum bietet und die sich kritisch auf die gesellschaftliche Praxis bezieht, ist auf kluge Köpfe und gute Ideen, aber auch auf bestimmte Rahmenbedingungen angewiesen. Zu einem Arbeitsplatz, der kritisch-wissenschaftliches Arbeiten befördert, gehören soziale Absicherung, verlässliche Finanzierung und wissenschaftlicher Freiraum.

Sonja Staack, Illustration: Saskia Beuchel

1. Soziale Absicherung

Wissenschaft braucht Zeit. Das klingt banal, aber das deutsche Wissenschaftssystem bietet den wenigstens Wissenschaftler*innen in angemessenem Umfang planbare Zeit. Die weitaus größte Gruppe unter den wissenschaftlichen Beschäftigten bilden wissenschaftliche Mitarbeiter*innen. Unter ihnen arbeiten neun von zehn auf Grundlage eines Fristvertrages, dessen Laufzeit im Schnitt zwei Jahre beträgt. In dieser Zeit sind weder eine Promotion bzw. Habilitation noch typische Forschungsprojekte abzuschließen. Kettenbefristungen sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Wissenschaft ist darauf angewiesen, immer wieder flexibel auf neue Erkenntnisse, Impulse und Ideen zu reagieren. Nur so kann sie tatsächlich Innovationen hervorbringen. Ständig das Ende des eigenen Arbeitsvertrages im Blick zu haben, ist deshalb Gift für den wissenschaftlichen Prozess ganz zu schweigen von der Belastung, die die Unsicherheit für die Betroffenen bedeutet, und von der Herausforderung, die es heute darstellt, ohne unbefristeten Arbeitsvertrag eine bezahlbare Wohnung zu finden.

Hinzu kommt, dass wissenschaftliche Mitarbeiter*innen massenhaft in unfreiwilliger Teilzeit beschäftigt werden. Während die Arbeitszeit dann häufig weitgehend mit koordinierenden Aufgaben erschöpft ist, werden Forschungs- und Reflexionsprozesse in die Freizeit verdrängt. Wissenschaft ist aber kein individuelles Freizeitvergnügen, sondern eine öffentliche Aufgabe. Der Einsatz für faire Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft ist somit nicht nur aus Sicht der Betroffenen berechtigt, sondern für eine Stärkung kritischer Wissenschaft unerlässlich.

2. Verlässliche Finanzierung

Der Anteil derjenigen Forschungsprojekte, die nicht aus dem jeweiligen Hochschulhaushalt, sondern nur mit Hilfe zusätzlicher Mittel (Drittmittel) umgesetzt werden können, hat in den vergangenen Jahren immer weiter zugenommen. Kurzfristige Projektfinanzierungen wirken ähnlich wie kurzfristige Arbeitsverträge (und gehen vielfach mit ihnen einher): Wer sich permanent auf Förderanträge, erfolgversprechende Zwischenberichte und Anschlussprojekte konzentrieren muss, ist kaum dazu angehalten, das gewählte Forschungsdesign oder disziplinäre Trends noch einmal grundsätzlich in Frage zu stellen.

Hinzu kommt: Projektförderung ist in besonderem Maße mit Interessen verbunden. Die müssen nicht immer falsch sein, aber wenn kritische Wissenschaft sich den Interessen nicht-herrschender Gruppen verpflichtet fühlt, wird sie absehbar in aller Regel den Kürzeren ziehen. Auch öffentlich finanzierte Projekte, die sich mit einem Kooperationspartner in der Wirtschaft schmücken, beziehen sich hierbei meist auf die Leitung, nur in seltenen Fällen auf die Beschäftigten und ihre Vertretungen.

Projektförderung wird deshalb für das System Wissenschaft insgesamt zum Problem, wenn das Verhältnis von Grund- und Drittmitteln aus der Balance gerät und wenn kurze Projektlaufzeiten bei gleichzeitig aufwändigen Antragsverfahren überhandnehmen. Eine Trendwende durch eine Stärkung der Grundfinanzierung ist dringend nötig.

3. Wissenschaftlicher Freiraum

Im deutschen Hochschulsystem wird die Wissenschaftsfreiheit nicht zuletzt in der Verbeamtung von Professor*innen zum Ausdruck gebracht. Ihre wissenschaftliche Unabhängigkeit soll dadurch gewährleistet werden, dass sie sich um Lebenserhaltungskosten und berufliche Zukunft keine Sorgen machen müssen. Neben der eigenen Absicherung gehört auch für Professor*innen zur freien Wissenschaft natürlich mehr, vor allem aber gilt: Wissenschaft wird nicht nur von Professor*innen gemacht. Auch wissenschaftliche Mitarbeiter*innen und Stipendiat*innen sind Träger*innen der Wissenschaftsfreiheit und auf entsprechende Absicherung angewiesen. Das ist im Rahmen des konservativen Lehrstuhlmodells, in dem Mitarbeiter*innen nicht als eigenständig Forschende, sondern bis heute vielfach lediglich als Ausstattung für die Professur angesehen werden, nicht realisierbar.

Wissenschaftliche Freiheit ist dabei keinesfalls als Freiheit von Kritik zu verstehen. Im Gegenteil: Gute Wissenschaft braucht kritisches Feedback und kollegialen Austausch. Die Freiheit, jenseits vorgezeichneter Bahnen zu denken, lässt sich am besten gemeinsam ausfüllen. Dafür braucht es eine Kultur von Debatten auf Augenhöhe, in denen Andere nicht in erster Linie Konkurrent*innen um knappe Mittel, sondern Kolleg*innen sind.