Monique Hofmann

Um den aktuellen Entwicklungsherausforderungen des Journalismus begegnen zu können, bedarf es kritischer Wissenschaft. Monique Hofmann, Geschäfstführerin der deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union in ver.di, spricht im Interview über diese Herausforderungen und das Verhältnis der dju zur Wissenschaft.

Das Interview führte Eric Recke, Illustration: Saskia Beuchel.

1. Was ist „Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union“ und warum gibt es dazu noch den „Deutsche Journalisten-Verband – Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten e. V.“?

Die dju ist die Gewerkschaft für Journalistinnen und Journalisten unter dem Dach der großen Gewerkschaft ver.di. Sie wurde im April 1951 u.a. von August Enderle, Willy Brandt und Fritz Sänger gegründet – damals als „Berufsgruppe der Journalisten und Schriftsteller“ in der Industriegewerkschaft (IG) Druck und Papier, eine der 16 Mitgliedsgewerkschaften des DGB. Die Idee dahinter war, alle, die an der Herstellung einer Zeitung beschäftigt sind, also auch das technische und das kaufmännische Personal, in einer Gewerkschaft zu vereinen. Zudem war es dem Deutschen Journalisten-Verband (DJV), der bereits einige Jahre zuvor gegründet worden war, bis dato nicht gelungen, eine tarifliche Absicherung der Journalist*innen zu Stande zu bringen, unter anderem, weil in seinen Reihen auch zahlreiche Verlagsleiter, also Arbeitgeber vertreten waren. Angesichts der hochprekären Existenzverhältnisse der Medienschaffenden entstand daher der Wunsch, mit der Macht einer Gewerkschaft im Rücken endlich die eigene miserable wirtschaftliche Lage zu verbessern. Gespräche über einen Anschluss des DJV an den DGB, die es zunächst gegeben hatte, wurden dann Anfang der 60er Jahre endgültig beendet.

2. Auf welche Themen fokussiert sich die dju in ver.di zur Zeit hauptsächlich?

Wir sind auf vielen Baustellen unterwegs, Dreh- und Angelpunkt sind derzeit aber wohl die Angriffe auf die Pressefreiheit aus verschiedensten Richtungen. Seit Jahren mehrt sich die Gewalt gegen Journalist*innen, ob im Netz oder auf der Straße. Unternehmen, Privatpersonen (v.a. aus dem rechten Spektrum), aber auch Regierungen gehen mit strategisch angelegten Einschüchterungsklagen gegen unerwünschte Berichterstattung vor. Politiker*innen, nicht nur rechter Parteien, tun sich mit zweifelhaften Plänen zur Beschneidung oder gar Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hervor, einer tragenden Säule unserer demokratisch verfassten Gesellschaft. Es überrascht insofern leider nicht, dass Deutschland im Pressefreiheitsranking von “Reporter ohne Grenzen” einen historischen Tiefststand erreicht hat.

Daneben beobachten wir mit Sorge die zunehmenden Prekarisierungstendenzen im Journalismus. Insbesondere die vielen freien Kolleginnen und Kollegen müssen immer öfter mehrgleisig fahren, um ihren Lebensunterhalt zu sichern, nicht wenige verlassen die Branche auch ganz und wechseln in die PR. Das ist auch deshalb problematisch, weil der Journalismusberuf so mittel- bis langfristig ein Nachwuchsproblem haben wird. Es muss gelingen, ihn wieder attraktiver zu machen, auch für Menschen, die in den Redaktionen bisher unterrepräsentiert sind. Die wirtschaftliche Aufwertung des Berufs hängt so auch eng damit zusammen, wie Medien es schaffen können, diverser zu werden.

3. Welche Relevanz haben wissenschaftliche Erkenntnisse aus den Medien- und Kommunikationswissenschaften/Journalistik für die Arbeit der dju in ver.di?

Wissenschaftliche Untersuchungen sind von hoher Relevanz für uns, weil sie unsere empirischen Erkenntnisse theoretisch unterfüttern und den argumentativen Sockel für unsere praktische Arbeit liefern. Daher unterstützen wir solche Studien im Rahmen unserer Ressourcen auch, wenn es darum geht, Daten zu erheben oder Fragestellungen zu identifizieren. Ob die Studie zur Prekarisierung im Journalismus der LMU München oder die Untersuchung der Otto-Brenner-Stiftung zu präventiven Anwaltsstrategien gegen Medien – deren Erkenntnisse bieten auch mögliche Ansätze, wie und wo man das Problem anpacken kann.

4. Wie schätzt du die aktuelle Relevanz dieser Erkenntnisse für die restliche Bevölkerung ein?

Nicht nur Medienwissenschaft, sondern Wissenschaft generell hat in Teilen der Bevölkerung v.a. seit Beginn der Corona-Pandemie ja leider einen schweren Stand. Erhebungen und Untersuchen zur Medien- und Nachrichtenkompetenz liefern zudem besorgniserregende Erkenntnisse, die die Vermutung nahelegen, dass es um die Relevanz gerade medienwissenschaftlicher Studien bei der Mehrzahl der Bürgerinnen und Bürger in diesem Land nicht eben gut bestellt ist. Da besteht deutlicher Nachholbedarf.

5. Gibt es Forschungsfragen, von denen du dir für die Arbeit der dju in ver.di wünschen würdest, dass sie durch die Medien- und Kommunikationswissenschaften/Journalistik stärker bearbeitet würden?

Zum Glück haben wir in Deutschland ein sehr lebendiges und vielfältiges medienwissenschaftliches Forschungsumfeld, das unsere Branche aus den unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet. Wenn ich allerdings einen Wunsch frei hätte, dann wäre aktuell für uns eine Untersuchung zu Relevanz und Ausmaßen des Phänomens von sogenannten SLAPPs (Strategic Lawsuits against Public Participation), also strategischen Klagen gegen öffentliche Beteiligung, in Deutschland sehr hilfreich – auch wenn das natürlich streng genommen über das Feld der Medien- und Kommunikationswissenschaften hinaus geht.