Geschlechterverhältnisse

Geschlechterverhältnisse prägen seit Anbeginn der Menschheit das gesellschaftliche Leben. Insbesondere die bürgerliche Kleinfamilie hat fortgesetzt große Relevanz im heutigen Kapitalismus. Die Kritische Psychologie sollte sich erweitert mit ihrer Bedeutung für die gesellschaftliche Entwicklung auseinandersetzen.

Eric Recke, Illustration: Saskia Beuchel

Durch ihre »gesellschaftliche Natur« haben Menschen ihre tierischen Geschlechterverhältnisse durch historisch produzierte ersetzt. Dadurch haben sich in jeder Gesellschaftsformation eigentümliche Verhältnisse zwischen den Geschlechtern (hauptsächlich zwischen Mann und Frau) entwickelt. In Sklavenhaltergesellschaft und Feudalismus waren insbesondere die Frauen der unterdrückten Klassen an Herd und Haus gebunden, um die Familie mit Nahrung, Kleidung und Erziehung versorgen zu können. Meist arbeiteten sie dazu hart auf Feldern oder in der häuslichen Kleinproduktion. Männer mussten neben der lebenslangen Arbeit oft Kriegsdienst leisten und öfter öffentliche Aufgaben übernehmen.

Im Kapitalismus wird und wurde diese (erzwungene) Arbeitsteilung umgewälzt, sodass Frauen nun in vielen Ländern unabhängig von Männern (wenn auch deutlich schlechter bezahlt) arbeiten, zunehmend öffentliche Aufgaben übernehmen und Kriegsdienst leisten können. Gleichzeitig übernehmen relativ mehr Männer Haushalts- und Erziehungsaufgaben – ohne die Arbeitszeiten der Frauen kompensieren zu können, was in den entwickeltsten westlichen Industriestaaten zu einer stark abgesunkenen Geburtenrate unter den Einheimischen mit beigetragen hat. Die bis heute kulturell sehr einflussreiche sog. »bürgerliche Kleinfamilie« kann vor diesem Hintergrund als Kombination aus feudaler Hausgebundenheit der Frau und kapitalistischer Vereinseitigung des Mannes auf die Lohnarbeit bezeichnet werden.

Handlungsformen der Geschlechterverhältnisse

Mit dieser geschlechtstypischen Arbeitsteilung waren (und sind dadurch vielfach weiterhin) auch bestimmte Eigentümlichkeiten der Handlungsformen verbunden. Ute Osterkamp arbeitet in einem Beitrag zur alltäglichen Gewalt gegen Frauen heraus, dass diese gewaltsam auf ihre sexuelle Dimension reduziert und dafür »zugleich verspottet, verachtet und diskriminiert wer­den« (1987, in Mechthild Jansen: Frauen Widerspruch. Alltag und Politik, 213). Die Einschränkung auf die Frau als Hausfrau und den Mann als Lohnarbeiter analysiert auch Ole Dreier anhand einer Familientherapie einer Arbeiterfamilie (1980, Familiäres Sein und familiäres Bewusstsein, 131ff.). Dort heißt es:

Die Eigenschaften der Hausarbeit sind ihre Länge, ihre Fremdbestimmtheit nach den Tagesrythmen der anderen Familienmitglieder und ihr Routinegepräge. Bereits die Erziehung junger Frauen ist meist auf die Einübung von kognitiv-emotionalen Fähigkeiten gerichtet, um eine solche Arbeit ausführen zu können, was mit dazu führt, dass auch erwachsene Frauen sich vielernorts mit Anforderungen dieser Handlungsformenvorstellungen konfrontiert sehen. Dazu können Hausfrauen die Lebensentwicklungen der Familie nur stellvertretend miterleben und sollen gleichzeitig für Verbundenheit durch Konfliktverdeckung sorgen. Da die Konflikte, insbesondere in Klassengesellschaften, aber ungelöst mit nach Hause genommen und dort mitunter ausagiert werden, sehen sich Hausfrauen stetig in dem Widerspruch, die zentralen Lebensfragen der Familie nicht beeinflussen zu können und trotzdem eine gute Miene bei allen herzustellen. So wird die Beziehung zwischen ihnen und den anderen Familienmitgliedern ausgehöhlt und brüchig.

Frauen und Männer

Männer fungieren laut Dreier als Ernährer, die stetig ihren Lohn erhöhen, sich zu Hause von der Frau kurieren lassen und sich auf zu Hause freuen sollen, da die Arbeit meist sinnentleert und fremdbestimmt ist. Da sie aber zu Hause nicht für die Haus- oder Beziehungsarbeit zuständig und gleichzeitig von der Ausbeutung erschöpft sind, sollen sie maximal mit kurzen resoluten Eingriffen zum Familienleben beitragen. Die dadurch verkümmerten Fähigkeiten zur Beziehungsgestaltung bei den Männern führen wiederum zu Folgekonflikten, die von den Frauen dann reguliert und verdeckt werden müssen. So suchen Männer sich mitunter in einer Pendelbewegung zwischen Arbeit und zu Hause andere Orte als Zuflucht vor dieser Situation.

Zu Dreier wäre noch hinzuzufügen: Besonders das vielfach noch (bezogen auf das Gebiet der ehemaligen DDR: wieder) bestehende materielle Abhängigkeitsverhältnis zwischen Frauen und Männern deformiert die Beziehung zwischen ihnen massiv. Frauen sollen den Mann darin als ihren Herrn sehen und werden durch Angst dazu gedrängt, sich ihm in allen Lebensfragen unterzuordnen und wenig eigene Initiative zu entwickeln. Gleichzeitig belasten sie ihn damit, dass er in den meisten Situationen die Entscheidung allein fällen und auch verantworten muss. Auf der anderen Seite wird Männern nahegelegt, sich von »ihrer« Frau »bemuttern« zu lassen sowie ihre eigene sexuelle Initiative unabhängig von den Bedürfnissen der Frau an ihr »auszuleben« – von der Ehe in dieser instrumentellen Form als institutionalisierte Prostitution zu reden, ist also keineswegs abwegig.

Geschlechterverhältnisse und Kritische Psychologie

Da die Geschlechterverhältnisse umfassend die alltäglichen Handlungen formen, sind sie als Quellen von Unterdrückung durch die Kritische Psychologie weiter zu erforschen. Insbesondere das Verhältnis der vorgesellschaftlichen zur gesellschaftlichen geschlechtlichen Arbeitsteilung, wie es beispielsweise von Ute Osterkamp in »Grundlagen der psychologischen Motivationsforschung 2« anhand der Sexualität begonnen wurde, muss weiter untersucht werden.

Die Studien von Ole Dreier zur Formbestimmtheit familiärer Arbeitsteilung und ihrer Auswirkungen auf die Entwicklung von Persönlichkeitseigenschaften von Frauen und Männern im Kapitalismus muss systematisiert und präzisiert werden. Ebenso sind dafür Klaus Holzkamps Studien zu den sog. »Instrumentalverhältnissen« aus dem Text »Zur kritisch-psychologischen Theorie der Subjektivität« am Beispiel der Beziehungen zwischen Männern und Frauen lohnenswert, wieder aufzugreifen.